„Wenn die Routinetätigkeiten durch Roboter übernommen werden, können sich die Beschäftigten den anspruchsvolleren Aufgaben widmen“, erklärt Timm Huber.
ITD: Herr Huber, Die Pandemie hat die deutsche Industrie mit Wucht getroffen, aber auch für einen massiven Digitalisierungsschub gesorgt. Wo liegen die größten Potenziale?
Timm Huber: Tatsächlich liegen weitläufig die größten Potentiale noch in den grundlegenden Dingen, etwa der Abschaffung von Papier oder der Verhinderung von bestehenden Flaschenhälsen in der Fertigung von Produkten. Beide Beispiele benötigen eine klare digitale Durchleuchtung von Produktionsprozessen.
ITD: Inwiefern schöpft der Industriestandort Deutschland die vorhandenen Möglichkeiten vollständig aus?
Huber: Es tut sich zwar schon einiges, besonders wegen Förderprogrammen, aber im Vergleich zu China und den USA sind wir zu langsam. Deutschland bzw. Europa muss endlich seine konservative Einstellung ändern und wirklich verinnerlichen, dass bei digitalen Produkten lange Zeiten des Abwartens Firmen viel teurer kommen, als gegebenenfalls einmal eine Fehlinvestition in ein digitales Produkt zu tätigen.
ITD: Was sind die größten Hürden beim Umbau zur digitalen Fabrik? Wie lassen sich Hemmnisse überwinden?
Huber: Die größte Hürde ist meines Erachtens die Firmenbürokratie, also dass kleine Probeprojekte, sogenannte PoCs, nicht schneller einfach umgesetzt werden, weil man das erst mit jeder anderen Produktionsstätte abgleichen muss. Hier müsste ein Innovationsmanager den Überblick haben und schneller grünes Licht geben – auch für gleiche Produkte von unterschiedlichen Herstellern an verschieden Niederlassungen – und dann das Bessere für den großen Rollout auswählen.
ITD: Inwiefern kann Industrie 4.0 die Unternehmen in Deutschland dazu befähigen, auch in Krisenzeiten wettbewerbsfähig zu bleiben? Welche Vorteile bietet Industrie 4.0 in Krisenzeiten?
Huber: Eine Krise, die zu wenig beachtet wird, ist die Altersstruktur. Bald pensioniertes Personal kann intuitiv verinnerlichte Prozesse nicht weitergeben, weil wir kaum Nachwuchs in den produzierenden Gewerben bekommen. Daher ist die Datenerhebung der internen Prozesse jetzt so wertvoll, um später gut einarbeiten und schulen zu können und keine Effizienzeinbrüche zu verbuchen.
ITD: Wie wird Industrie 4.0 unsere Arbeitswelt verändern?
Huber: Die Industrie 4.0 wandelt langfristig die Personalverteilung in Fertigungsbetrieben: Der große Anteil des Personals auf der Produktionsfläche wird sich hin zu kleinen, gesonderten Teams für einzelne Operationsbereiche entwickeln, die mehr und mehr mit digitalen Werkzeugen arbeiten. Insgesamt werden Jobs also digitaler und intellektuell anspruchsvoller, sowie effizienter.
Wenn die Routinetätigkeiten durch Roboter übernommen werden, können sich die Beschäftigten den anspruchsvolleren Aufgaben wie bspw. dem Lösen von Problemen, der Entwicklungsarbeit, der Übermittlung und Auswertung von Informationen, widmen. Auf diese Weise entstehen die sog. Superjobs, deren Aufgabe ist, die Gesamteffizienz mittels der Unterstützung von Technologien zu steigern.
ITD: Wie sollte sich die Industrie in Deutschland auf diesen Wandel vorbereiten?
Huber: Ich sehe einen eher indirekten Aspekt dabei als den ausschlaggebenden Faktor an und zwar wie die Branchen die Arbeitnehmer aus der Generation Z für sich gewinnen wollen. Hier wird die Antwort Gamification des Arbeitsumfelds heißen, denn wenn das Umfeld den jungen Leuten keinen Spaß macht und sie nicht sofort stimuliert werden können, werden Arbeitgeber deren Interesse und Aufmerksamkeit sehr kostspielig verlieren.
ITD: Sowohl in der Pandemie als auch durch den Ukraine-Krieg hat sich die Cyber-Bedrohungslage weltweit verschärft. Welchen Stellenwert hat das Thema „IT-Sicherheit“ in der Smart Factory?
Huber: Wie sagt man so schön: Daten sind das neue Öl – und Öl ist teuer wie nie zuvor. Wenn der IT-Sicherheit kein adäquater Stellenwert gegeben wird, dann wird sich ein Dritter den echten Stellenwert zu Nutze machen. Denn mit der erschreckenden Realität „Ransomware as a Service“ ist die Eintrittsbarriere erheblich gesunken, sodass kriminelle Energie nicht mal mehr Hackerfertigkeiten braucht. Ich empfehle daher, analog wie die staatlichen Vorgaben bei einer Ausschreibung, mindestens 15% des IT-Budgets für die IT-Sicherheit auszugeben, eher sogar 20 Prozent.
ITD: Inwiefern tragen Industrie 4.0 und das „Internet of Things“ (IoT) auch zur Bewältigung einer weiteren großen Krise unserer Zeit bei – dem globalen Klimawandel?
Huber: IT und IoT sind Hilfsmittel und unterstützen die Industrien. Daher kann deren Beitrag nur in der Effizienz liegen – das heißt, Einsparungen beim CO2-Verbrauch durch Optimierungen wie z.B. von Routen zu erbringen. Ein anders Beispiel wären Einsparungen durch die Vermeidung unnötigen Verbrauchs von Ressourcen, wie z.B. von Energie beim Erhitzen in Schmelzöfen, durch Rückmeldung über Smart Metering, sobald die notwendige Temperatur bereits erreicht ist.
Bildquelle: Comarch AG