Kommentar

Datenfänger im Wahlkampf

Deutschland hat gewählt und die Jagd auf Stimmen ist vorerst vorbei: keine Trielle, rührigen TV-Spots und streitbaren Plakate mehr. Viele Nutzer von Social-Media-Plattformen wie Facebook dürfte das besonders freuen, denn in diesem Jahr gab es auf diesen Kanälen eine regelrechte Schwemme von gesponserter und personalisierter Wahlwerbung.

Frau mit Laptop

Obwohl es die EU mit dem Datenschutz eigentlich recht genau nimmt, finden Agenturen und Berater auch hier immer wieder Schlupflöcher.

Dass man in den sozialen Netzwerken fast ausschließlich Werbung von Parteien angezeigt bekommt, mit denen man ohnehin inhaltliche Übereinstimmungen hat, ist nur auf den ersten Blick Zufall. Dahinter verbirgt sich mit Microtargeting eine Marketing- und PR-Strategie, die nichts dem Zufall überlässt und relevante Zielgruppen anhand ihrer Vorlieben identifiziert. Aus geklickten Inhalten, bekundeten Interessen und Freundeslisten können Analysten heute mehr auslesen, als die meisten ahnen. Bestes Beispiel ist Cambridge Analytica, jenes skandalumwobene Unternehmen, das einst offensiv damit warb, anhand von Psychometrie und Big Data das Wahlverhalten durch selektives Einspielen von Inhalten beeinflussen zu können.

Neu ist die Strategie nicht – im Bereich der Online-Werbung, wo bereits heute mit jedem Klick Nutzerprofile an Werbetreibende verkauft werden, ist sie Usus. Auf der politischen Bühne gab Microtargeting im US-Wahlkampf von Barack Obama 2008 sein Debüt; inzwischen gehört es dort zum festen Repertoire politischer Akteure. Und obwohl die EU es mit dem Datenschutz eigentlich recht genau nimmt, finden Agenturen und Berater auch hier immer wieder Schlupflöcher, die am Rande der Legalität die Daten von Kleinstgruppen in den Fokus ihrer Aktivitäten nehmen.

Schätzungen zufolge investieren die großen Parteien inzwischen mehrere Millionen Euro in Social Ads und den digitalen Wahlkampf – ein lukratives Business für Datenfänger. Fraglich ist der Handel mit den Nutzerdaten allerdings nicht nur, weil er die Vormacht von privatwirtschaftlichen Techkonzernen stärkt, dem Lobbyismus Vorschub leistet und den politischen Wettbewerb verzerren kann. Vielmehr ist, bestärkt auch durch Corona, das Internet inzwischen für viele Menschen zu einem der wichtigsten Orte gesellschaftlicher Teilhabe geworden – und steht damit immer wieder im Fokus von gezielten Angriffen durch „echte“ Cyberkriminelle.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Da die weitere Digitalisierung von Gesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft für fast alle Parteien ganz oben auf der Agenda steht, stellt sich die Frage, wie geübt eigentlich Regierungsverantwortliche, politische Parteien, die von ihnen beauftragten Agenturen und die Plattformbetreiber selbst im Umgang mit Datenlecks und Security-Vorfällen sind.

Fest steht: Ein tiefes Verständnis für IT-Sicherheit und -Infrastruktur sowie Respekt vor dem Schutz privater Daten dürfen nicht dem Wunsch nach einer hohen Social-Media-Reichweite zum Opfer fallen.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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