„Wir brauchen immer mehr Leistung im Rechenzentrum, gleichzeitig gibt es eine Energieknappheit. Die IT-Strategie wird deshalb zum zentralen Thema“, sagt Ralf Siefen.
„Ganz wichtig sind intelligente, analytische Energie-Management-Systeme, mit deren Hilfe direkt im Betrieb reagiert werden kann“, erklärt Ralf Siefen.
„Als Mitglied des European Certification Board (ECB-S) und des Bitkom ist unser Ziel, moderne und nachhaltige Rechenzentren voranzubringen“, sagt Ralf Siefen.
Die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit verändert derzeit massiv die Art und Weise, wie Rechenzentren (RZ) betrieben werden. Das Projekt „RZ“ ist an deutlich mehr Schnittstellen zu betrachten: Dazu gehören neue Technologien, eine ökologische Bauweise sowie die Zusammenarbeit mit Energieversorgern und Kommunen bei der Wärmerückgewinnung. Für die DC-Datacenter-Group als Planer und Erbauer von Rechenzentren wird es noch wichtiger, bei der Projektentwicklung schon ganz am Anfang mit dabei zu sein. Nur so lassen sich die Weichen für die Zukunft richtig stellen, ist sich CEO Ralf Siefen sicher.
ITD: Herr Siefen, welche Rolle spielt eine IT-Strategie für die Nachhaltigkeit von Datacentern?
Ralf Siefen: Wir brauchen immer mehr Leistung im Rechenzentrum, gleichzeitig gibt es eine Energieknappheit. Die IT-Strategie wird deshalb zum zentralen Thema. Nicht zuletzt angesichts der hohen Energiepreise ist es wichtig, nicht nur nach dem logischen IT-Bedarf zu planen. Stattdessen müssen logische, technische und physikalische Gesichtspunkte ebenso wie IT-Sicherheit in Einklang gebracht werden, um die bestmögliche Energieeffizienz zu erreichen. Daher lautet unser Appell, dass wir bei der Planung so früh wie möglich ins Boot geholt werden, denn nur so schafft man nachhaltige und energieeffiziente Lösungen.
ITD: Was verändert sich durch das Inkrafttreten des Energieeffizienzgesetzes ab 2024 für Betreiber von Rechenzentren?
Siefen: Vorhandene Rechenzentren müssen ertüchtigt und neue in der Planung entsprechend angepasst werden. Diese Gesetzesrichtlinien sind verpflichtend mit Blick auf optimale Power-Usage-Effectiveness-Werte (PUE) und das Schaffen von Schnittstellen zur Abwärmenutzung. Auch wenn es nicht immer schon einen direkten Abnehmer gibt, muss das im RZ vorbereitet werden. Damit sind Mehrkosten und höhere Investitionskosten für die Endkunden verbunden. Zudem müssen sich die Anstrengungen über ein Energie-Management-System benchmarken lassen. Dafür ist es notwendig, alle Kennzahlen nachzuhalten und für Kontrollen sauber und transparent darzustellen. Das wird vor allem einige bestehende Rechenzentren in die Bredouille bringen.
ITD: Es gibt ja einige Kritik an der Kennzahl „PUE“. Wie sieht Ihre Einschätzung dazu aus?
Siefen: Der Begriff „PUE“ ist in aller Munde, doch nicht allen ist klar, was er bedeutet. Der Wert bezieht das Verhältnis zwischen dem Verbrauch der IT und der Infrastrukturkomponenten mit ein. Er ist also durchaus eine wichtige Kennzahl für die Vergleichbarkeit von Rechenzentren. In der Praxis gibt es jedoch zahlreiche individuelle Faktoren. In manchen Konstellationen kann ein guter PUE-Wert zustande kommen, auch wenn veraltete Technik im Einsatz ist. Der Wert kann sich aber auch verschlechtern, wenn das Rechenzentrum energieeffizienter wird. Zudem ist dieser Wert von Außentemperaturen abhängig. Ein besserer Ansatz wäre der Energy-Usage-Effectiveness-Wert (EUE), der die Energieeffizienz über das ganze Jahr misst. Wir haben nicht immer heiße Sommer oder sehr kalte Winter, deshalb sollten Vorgaben nach einem Mittelwert ausgelegt werden.
ITD: Welche Folgen hat die geforderte Senkung des PUE-Werts?
Siefen: Wenn mit Gesetzesvorgaben der Wert nach unten auf 1,2 und weniger gedrückt werden soll, gehen damit enorme Investitionen für die Kunden einher. Ich bin skeptisch, dass sich angesichts des Investitionsaufwands in so kurzer Zeit alles flächendeckend über Handel, Enterprise-Kunden, Kleinindustrie und Kommunen hinweg zu 100 Prozent umsetzen lässt. Da geht es gerade für mittelständische Unternehmen an Grenzen, es fehlt hier schlicht das Budget. Dennoch stehen die Mittelständler oft unter dem Druck ihrer großen Auftraggeber, diese Themen umzusetzen. Dann ist man dort zwar nachhaltig und energiebewusst unterwegs, aber man legt den Mittelstand lahm – das kann wirtschaftlich eigentlich niemand wollen. In der Digitalisierung hängen wir in Deutschland fünf bis zehn Jahre hinterher. Deshalb ist es nicht damit getan, ein Energieeffizienzgesetz zu verabschieden ohne die Hausaufgaben drum herum zu machen. Wir müssen energieeffizient unterwegs sein, ja, aber wir müssen auch aufpassen, dass wir die Messlatte nicht zu hoch legen.
ITD: Welche Unternehmen, die ein eigenes RZ betreiben, müssen ab 2025 eine Umweltbilanz vorlegen und ein entsprechendes Reporting aufbauen?
Siefen: Ab dem 1. Januar 2026 gilt die Regelung für Rechenzentren ab einem Megawatt, verpflichtend ein Energie- und Umwelt-Management einführen. Davon sind rund 20 bis 25 Prozent der Unternehmen aus unserem Kundenkreis betroffen. Bei öffentlichen Betreibern wie Ländern, Kommunen, Städten, Unis und Unikliniken gilt das bereits ab 300 Kilowatt. Vieles hätte in diesem Bereich bereits in den letzten fünf Jahren gemacht werden müssen, dann würde man weniger stark hinterherhinken. Für die Umsetzung des Energie-Managements sind in der Regel zunächst eine Schwachstellenanalyse bzw. eine Machbarkeitsstudie notwendig, in der alle Aspekte rund um das RZ abgewogen werden.
ITD: Welche neuen technologischen Ansätze könnten besonders stark zu mehr Energieeffizienz und Energieeinsparungen beitragen?
Siefen: Ganz wichtig sind intelligente, analytische Energie-Management-Systeme, mit deren Hilfe direkt im Betrieb reagiert werden kann. Photovoltaikanlagen auf dem Dach oder an den Fassadenflächen leisten einen kleinen Beitrag zur Gesamtlast. Bei Wärmerückgewinnung und Abwärme ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Energieversorgern bei der Quartiersentwicklung und neuen Netzen notwendig. Das erfordert Investments und bringt Schnittstellenkosten im öffentlichen Bereich, an denen gearbeitet werden muss. So kann die Wärmerückgewinnung genutzt werden, um mit der Abwärme der Rechenzentren etwa große Hallen und Bürokomplexe zu beheizen. Auch in der Klima- und Elektrotechnik gibt es technologische Neuerungen, rund um USV-Anlagen, neue Batteriearten und Kältemittel, die mehr Kälte komprimiert abgeben können. Zudem setzen sich Netzersatzanlagen durch, die statt mit Diesel mit einem E-Fluid-Gemisch angetrieben werden.
ITD: Wie kann eine intelligente Lastverteilung helfen?
Siefen: Die Analyse der IT-Hardware ist besonders wichtig. Die Hardware-Anbieter geben zwar Wattzahlen an, diese entsprechen aber in der Praxis nicht eins zu eins der Energieaufnahme und Wärmeabgabe. Es braucht Adaptive Computing, um Ressourcen bedarfsgerecht bereitzustellen. Zwischen 25 und 50 Prozent Energieeinsparung sind möglich, indem ein intelligentes Last- und Power-Management für Server und deren Dienste aufgesetzt wird.
ITD: Thema „Abwärmenutzung“: Wo liegen hier die größten Hürden? Was sind die Herausforderungen bei bestehenden Rechenzentren?
Siefen: Die große Herausforderung besteht darin, dass jeder RZ-Betreiber unterschiedliche neue Schnittstellen aufbauen muss, jeweils im Zusammenspiel mit dem Versorger vor Ort. Hier müssen Abstimmungen getroffen werden, wenn das Rechenzentrum eigene Temperaturen fährt und das Rückgewinnungsnetz andere. Für Städte und Kommunen gilt es, diese Aufgaben in ihren Budgets zu verankern. Hier haben wir schon einige Projekte mit Städten und Kommunen umgesetzt, aber es liegt noch viel brach. Wir können von unserer Seite nur Schnittstellen schaffen, die möglichst per Plug and Play auch noch im Nachgang angedockt werden können.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Immer mehr Unternehmen entscheiden sich für einen Cloud-First-Ansatz und setzen auf die Zusammenarbeit mit den Hyperscalern. Wie verändert sich Ihr Geschäft dadurch?
Siefen: Für uns verändert sich grundsätzlich nichts, weil auch die Cloud ein Rechenzentrum braucht. In Europa gelten DSGVO und Lieferkettengesetz, darauf sind auch die Hyperscaler fokussiert. Wir haben bereits einige Projekte in Frankfurt und Berlin zwischen 20 und 50 Megawatt umgesetzt. Grundsätzlich sehen wir: Es gibt Unternehmen, die in die Cloud wechseln, aber ebenso gehen einige wieder zurück. Das Thema wird in Deutschland auch bei Großunternehmen kritisch gesehen, viele setzen aus Sicherheitsgründen weiter auf eigene Rechenzentren. Deutsche Unternehmen und Institutionen werden zunehmend stark von Hackerangriffen bedroht, auch durch (staatliche) Player, die sich nicht an Spielregeln halten. Meine Empfehlung ist, dass Unternehmen ihre Daten in Deutschland lagern.
ITD: Können Unternehmen mit eigenen Rechenzentren beim Nachhaltigkeitslevel der Hyperscaler mithalten?
Siefen: Gerade Großkonzerne sind hier sehr gut aufgestellt. Bei KMU wurde bisher oft die Planung vorab gemacht und eine feste Größe mit Blick auf perspektivisches Wachstum beauftragt. Ganz wichtig ist jetzt allerdings aus Nachhaltigkeitssicht, dass eine gemeinsame Planung hinsichtlich des IT-Bedarfs stattfindet. Dann ist eine modulare Vorgehensweise möglich, mit der sich der erhöhte Verbrauch der ersten Jahre vermeiden lässt. Hier gibt es mittlerweile ein breites modulares Plug-and-Play-Angebot rund um Micro- und Outdoor-Datacenter oder Serverräume, um der jeweiligen Situation gerecht zu werden.
ITD: Sie haben jüngst ein neues Großprojekt bekannt gegeben. Worum geht es dabei?
Siefen: Wir planen und bauen derzeit Rechenzentren für Hyperscaler und Enterprise-Kunden in Berlin und Frankfurt mit insgesamt rund 70 Megawatt. Dabei werden zu 100 Prozent erneuerbare Energien genutzt und es gibt ein Abwärmenutzungskonzept mit einem Energieversorger vor Ort. Die Fertigstellungen sind für 2025/26 geplant. Weitere Projekte sind in Planung. Ganz klar steigen die Erwartungen an die Innovationsfähigkeit und wir beschäftigen uns schon seit einigen Jahren mit Lösungsansätzen.
ITD: Wie sehen Ihre mittel- und langfristigen Ziele aus?
Siefen: Wir wollen vertiefen, was wir in den letzten Jahren erreicht haben, und weiter zweistellig wachsen, um dem Markt von morgen gerecht zu werden. Als Mitglied des European Certification Board (ECB-S) und des Bitkom ist unser Ziel, moderne und nachhaltige Rechenzentren voranzubringen und uns bei der Digitalisierung unseres Landes einzubringen. Außerdem wollen wir zeigen, dass es auch als deutsches Unternehmen mit einer Wertschöpfungskette hier vor Ort gelingt, sich in unserem Markt der internationalen Player gerade bei Nachhaltigkeit und Innovationskraft abzuheben.
Ralf Siefen
Alter: 52 Jahre
Familienstand: verheiratet, zwei Kinder
Derzeitige Position: Gründer und CEO der DC-Datacenter-Group
Interessen: Laufen, Tennis – und vom leidenschaftlich Fußballspiel früher ist noch etwas Kicken übriggeblieben
Bildquelle: Franziska Imhäuser