Kryptowallets & Co. D

Demokratischer Zugang zu Finanzprodukten

Stefan Adolf ist Develepor Ambassador bei Turbine Kreuzberg. Im Interview erklärt er, wie die Blockchain im Gesundheitswesen für mehr Datenschutz sorgen kann und wie sie außerdem einen demokratischen Zugang zu Marktplätzen, Investitionen und Kapital in der Finanzwelt ermöglicht.

Stefan Adolf, Turbine Kreuzberg

Stefan Adolf, Turbine Kreuzberg

ITD: Wie entstand die Idee, Blockchain-Technologie im Gesundheitssystem nutzbar zu machen?
Stefan Adolf
Wir haben bei Turbine Kreuzberg im Rahmen eines Studienprojektes mit der HTW Berlin einen alternativen Lösungsansatz für das Speichern von Patientendaten ausgearbeitet. Dadurch sahen wir auch den konkreten Bedarf nach höheren Sicherheitslevels bei der elektronischen Patientenakte (ePA) und der Telematik-Infrastruktur TI. Auch wenn die ePA einen wichtigen und absolut überfälligen Schritt in Richtung der Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems geht, sind viele ihrer technologischen Grundlagen und Sicherheitsaspekte auf dem Niveau von vor zehn Jahren stehen geblieben.

Die TI basiert vereinfacht gesagt auf einem zentral betriebenen System für die Datenhaltung, an das sich zertifizierte Applikationen über transportgesicherte Mechanismen anschließen. Zentral kontrollierte Dienste sind aber nicht nur anfälliger für koordinierte Angriffe, sondern stellen auch sogenannte “Single Points of Failure” dar, also besonders kritische Punkte, die das ganze System zum Einsturz bringen können, und es ist unabdingbar, dass deren Nutzer alle sicherheitsrelevanten Regeln einhalten.

Eine vom Patienten selbst verwaltbare Patientenakte sollte aus unserer Sicht nicht darauf vertrauen, dass ein Cloud-System stabil läuft und gut gegen Angriffe gesichert ist. Gerade wegen der hohen Sensibilität gesundheitsbezogener Daten und Identitäten haben wir 2019 begonnen, dezentral ausgelegte Ansätze für eine elektronische Patientenakte zu evaluieren. Dank unserer Erfahrungen bei der Konzeption und Umsetzung von blockchain-basierten Applikationen sind wir von deren Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft überzeugt.

ITD: Welche Vorteile bietet Ihre Lösung gegenüber der bisherigen technologischen Grundlage der ePA?
Adolf: Um Patienten die Kontrolle über ihre Daten zu geben und einen sicheren, verifizierbaren Datenaustausch zu gewährleisten, bietet sich ein dezentraler Ansatz an. Allein durch den Einsatz dezentraler Speichersysteme würde die ePA bereits einen großen Schritt in Richtung eines höheren Datenschutzes machen. Blockchains ermöglichen darüber hinaus Identitäts- und Integritätsnachweise. Insofern könnte der Blockchain-Ansatz bei der dezentralen elektronischen Patientenakte (ĐePA) zu einer weiteren Steigerung der Sicherheit und des Vertrauens beitragen. Daten lassen sich auf diesem Fundament nur hinzufügen, ändern, löschen und freigeben, wenn Patienten und Leistungserbringer sich gegenseitig als berechtigte Teilnehmer identifizieren. Jeder Mensch bestimmt dann letztlich selbst, was mit seinen medizinischen Daten passiert.

ITD: Welche rechtlichen Gegebenheiten waren dabei zu bedenken?
Adolf:
Der Gesetzgeber legt per SGB V §291a f. fest, wie eine Gesundheitsdateninfrastuktur gestaltet werden soll und welche Institutionen für sie verantwortlich sind. Das Patientendatenschutzgesetz (PDSG) legt darüber hinaus einen Rahmen fest, wie Gesundheitsdaten zu schützen sind. Setzt man Blockchain-Technologie ein, um Informationen über Patientenidentitäten oder Metadaten über ihre Kommunikation mit Leistungserbringern festzuhalten, muss man sich über recht abstrakte Anforderungen wie “Das Recht auf Vergessen” und die Unkorrelierbarkeit von Aktionen und Personen Gedanken machen – wer also einfach Daten auf eine öffentlich zugängliche, unveränderliche Blockchain schreibt, würde unweigerlich auf Probleme der Rückführbarkeit zu Personen stoßen.

Wir versuchen daher, die Informationen, die wir auf Blockchains verankern, auf ein absolutes Minimum zu begrenzen und Einträge unkorrelierbar zu gestalten. Die Auslegung der Forderung des Gesetzgebers, dass alle Daten verschlüsselt gespeichert werden müssen und für unautorisierte Dritte nicht einsehbar sein dürfen, gewinnt in einer dezentralen Herangehensweise eine völlig neue Dimension: Jeder Patient wird selbst in die Pflicht genommen, den Zugang zu seinen Daten und seinen Geheimnissen abzusichern. Die ĐePA verschiebt damit die gesetzlichen Anforderungen an Datenschutz von der nicht mehr vorhandenen Infrastruktur auf die Implementierer entsprechender Applikationen sowie die Geräte und Dienste, die ein Patient nutzt.

ITD: Bislang finden sich die meisten bekannten Blockchain-Anwendungen im Finanzsektor. Wo sehen Sie weitere Felder, die in Zukunft von der Technologie profitieren könnten?
Adolf:
Blockchains eignen sich hervorragend, um Aktionen zwischen Systemen zu vermitteln, ohne dafür deren Betreibern individuell vertrauen zu müssen. Vereinfacht gesagt werden typische IAM- oder SSO-Verfahren, z. B ein Google-Login gegen private Schlüssel und Identitätsnachweise, ersetzt, die jeder Akteur selbst kontrolliert und mit Blockchain-Transaktionen unkomprimittierbar nachweisen kann.

Akteure müssen dabei nicht notwendigerweise menschlich sein: Kleinste IoT-Devices oder Smart Cards können eine Identität erhalten, mit der sie ihren Zugang zu Daten und Funktionalität nachweisen können. Großes Potenzial steckt in den auf Blockchains verankerten, öffentlich zugänglichen Smart Contracts, mit denen sich ganze Ökosysteme der Wertschöpfung vollständig auf einer Blockchain abbilden lassen. Diese Technologie wird traditionelle Plattformen, Marktplätze oder föderal angelegte Vermittlungs-Software wie ERPs nachhaltig beeinflussen. Zudem werden neue Anwendungen in den Bereichen Supply Chains, Social Media oder Energiewirtschaft realisierbar. Ganz konkret sehen wir großes Potenzial bei der token-basierten Ökonomisierung von digitalen und realweltlichen Werten, z. B. in Datenmarktplätzen, auf denen alleine von ihren Urhebern kontrollierte Daten zur Verwendung für maschinelles Lernen verfügbar gemacht werden können oder Abbildung von Eigentumsverhältnissen in der Immobilienwirtschaft. Auch wird bereits der Einsatz von Blockchains für die Regulierung von Smart Grids in der Energiewirtschaft erprobt, z. B. um Einspeise- und Verbrauchsmengen dezentral zu regulieren und zu vergüten.

ITD: Wie können Unternehmen Einsatzszenarien für Blockchain-Anwendungen im eigenen Betrieb identifizieren?
Adolf:
Solange sich Unternehmen in einem intern kontrollierbaren Informationsraum bewegen, in denen alle Akteure zentral benannt werden können, bieten Blockchains, abgesehen von unfälschbaren Audit-Trails und Peer-2-peer-basierter Synchronisation, keinen allzu großen Mehrwert.

Unternehmen, die ereignisgetriebene Applikationen auf stark replizierbaren Datenbanken entwickeln möchten, sollten exzellente, verteilbare Lösungen wie Kafka, Cockroach oder Cassandra evaluieren. Spannend werden Blockchains, sobald Dienstleistungen oder Daten unter klaren Bedingungen Dritten zur Verfügung gestellt werden sollen, um neue Wertschöpfungsmodelle zu ermöglichen. Klassischerweise benötigen hierfür alle Parteien Zugriff auf Schnittstellen oder Daten, zum Beispiel, um Bestellprozesse anzustoßen.

Die Akteure müssen sich dazu erst autorisieren, profilieren, authentisieren und entsprechende Zugriffstokens erstellen, die gespeichert, abgesichert, rotiert und potenziell invalidiert werden müssen. Werden hingegen Zugriffs- oder Verwertungsrechte auf eine öffentliche Blockchain verlagert, beispielsweise indem man das Eigentum von Werten in Form von Digitalen Zwillingen auf Smart Contracts darstellt, sind vorher zentral kontrollierte Assets frei handel- und ihr Eigentum nachweisbar. Hält man sich dabei an bekannte Standards wie ERC721 (NFTs), integrieren sich die Blockchain-Assets unmittelbar in bestehende Ökonomien und können so zum Beispiel als Sicherheiten bei der Aufnahme von verzinsten Krediten hinterlegt werden.

ITD: Etliche Experten bemängeln, dass die Blockchain dem „Hype“ der um sie gemacht wird, (derzeit) nicht gerecht wird – wie bewerten Sie diese Kritik?
Adolf:
Der Hype um Blockchains basiert vor allem auf dem Versprechen, geldwerte Transaktionen vollständig ohne Zahlungsdienstleister sicher abwickeln zu können. Wird menschliches Handeln unter vorrangig technischen und ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, gelangen einige Menschen zu der Erkenntnis, dass Blockchains eigentlich jedes Problem der Welt lösen und Konzerne, Banken und sogar Staaten obsolet machen können. Das ist meiner Meinung nach fern von jeder Realität, aber diese Vision treibt den Hype an und damit den Kurs von Kryptowährungen in die Höhe. Tatsächlich steckt beispielsweise hinter den bullischen Krypto-Kursen im Januar 2021 kein realer Gegenwert oder technischer Durchbruch, sondern ausschließlich der emotionsgetriebene Preiseffekt des systemisch verknappten Gutes Bitcoin.

Davon abgesehen lässt sich objektiv feststellen: Blockchains ermöglichen eine demokratische, transparente und intrinsisch sichere Teilhabe an Ökonomien, die ohne sie nicht möglich wäre. Der Zugang zu Marktplätzen, Decentralized-Finance-Produkten und im Preisgefüge der Tokenisierung versteckten Investitionshebeln steht grundsätzlich jedem offen, der in der Lage ist, eine Kryptowallet zu installieren. Es ist beispielsweise nicht mehr notwendig, eine Bank zu beauftragen, ein Depot zu eröffnen. Das ist ein gewaltiger Sprung für den demokratischen Zugang zu Kapital oder Finanzprodukten und ermöglicht eine größere Teilhabe an ökonomischen Prozessen. Ich bin deshalb sicher, dass Blockchains eine zentrale Rolle in der Ökonomie des 21. Jahrhunderts spielen werden. Die technische Ausgestaltung blockchain-basierter Anwendungen hat bereits 2009 begonnen und wird in den kommenden Jahren noch stabiler und interoperabler werden.

ITD: Welches sind aus Ihrer Sicht die nächsten großen Trends/Entwicklungen, die die Blockchain-Technologie erfahren wird?
Adolf: Solange in der realen Welt Güter mit Euros bezahlt werden, sind Kryptowährungen zu volatil, um Geschäfte in auf Euro lautende Werte abzuwickeln. Bereits seit 2017 entwickeln daher mehrere Projekte Token-Contracts, die einen Sekundärwert repräsentieren, der sich an Fiat-Währungen wie dem Dollar oder Euro orientiert. Diese sogenannten Stable-Coins haben sich als stabile, auf Blockchains handelbare Werte erwiesen und sind durch ein relativ kompliziertes Incentivierungs-System von Hinterlegungen und Liquidierungen der darunter liegenden Kryptowährung gedeckt.

Stable-Coins stehen dabei Pate für die Idee von dezentralisiertem Zentralbank-Geld, sogenannten CDBC’s. Auf europäischer Ebene wird bereits seit 2020 intensiv diskutiert, auf welchem technischen Fundament der sogenannte “programmierbare Euro” basieren soll – die Frage ist nicht mehr, ob das Blockchains sein werden, sondern welche. Ähnliche Ansätze werden von öffentlichen und privaten Banken in Bezug auf die Registratur und Handlung von Wertpapieren diskutiert und werden in absehbarer Zeit möglicherweise den klassischen depot-basierten Aktienhandel ergänzen oder ablösen. Unter dem Oberbegriff Decentralized Finance (DeFi) versammeln sich derzeit Smart Contracts, die klassische Finanzprodukte wie Wechsel-, Future- und Optionsgeschäfte mit festen und veränderlichen Zinssätzen auf Blockchains realisieren.

Abgesehen von finanziell geprägten Anwendungen werden Blockchains in naher Zukunft dazu beitragen, Authentifizierungsmechanismen von zentral kontrollierten Profilen zu trennen und damit einen dezentralen Identitätsnachweis zu ermöglichen. Schon können sich in einigen Staaten Bürger mit Hilfe sogenannter selbstsouverän erstellter, dezentraler Identitäten (SSI/DIDs) für staatliche und private Dienstleistungen registrieren, ohne dabei mehr als absolut notwendige persönliche Informationen preiszugeben oder sich mit einer staatlich verordneten elektronischen Variante ihres Personalausweises verbinden zu müssen. Für die Nachweisführung der Gültigkeit der hierfür notwendigen “Verifiable Credentials” sind Blockchains eine ideale Technologie.

Schließlich versuchen einige ambitionierte Initiativen wie Aragon, die unternehmerische Entscheidungsfindung mit Hilfe von Blockchains zu realisieren. Dezentrale Autonome Organisationen (DAOs) sind der realen Unternehmenswelt nachempfundene Smart Contracts, die es ihren Teilhabern ermöglichen, Stimmrechte in Form von handelbaren Kryptotokens nachzuweisen und damit ein dezentrales Unternehmen zu steuern, indem sie Kapitalerhöhungen, Lohnauszahlungen oder Besetzungen der Geschäftsführung zustimmen.

Bildquelle: Turbine Kreuzberg

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