Zero Trust

„Der aussichtslose Wettlauf wird beendet“

Fabian Glöser, Team Leader Sales Engineering bei Forcepoint, erläutert im Interview, warum IT-Security einfacher werden muss und Zero Trust die Zukunft gehört.

Zero Trust

Fabian Gläser: „Der bisherige Kampf der IT-Sicherheitsbranche gegen Cyberkriminalität gleicht mit seinem Signatur-basierten Ansatz dem sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen.“

ITD: Herr Glöser, das Thema „IT-Security“ ist auch im Jahr 2023 noch eines der IT-Themen schlechthin für Unternehmen aller Größen. Wie sind der deutsche Mittelstand und Deutschlands Großkonzerne derzeit mit Blick auf die erhöhte Cyberkriminalität aufgestellt?
Fabian Glöser: Mit ihren oft noch klassischen IT-Sicherheitsarchitekturen sind deutsche Unternehmen nicht optimal gerüstet. Die Angriffstechniken werden immer ausgefeilter, gleichzeitig löst sich durch die hybriden Arbeitsmodelle der klassische Perimeter auf. Das macht IT-Sicherheit immer schwieriger und komplexer. Viele Unternehmen sitzen auf einem regelrechten Wildwuchs aus separaten Punktlösungen mit eigenen Managementkonsolen. Damit wird es zunehmend unmöglich, die steigende Komplexität zu beherrschen. Die Unternehmen sind sich der angespannten Bedrohungslage aber bewusst. Wir stellen fest, dass das Thema „IT-Security“ auf immer mehr Akzeptanz und Verständnis stößt, die Investitionen steigen entsprechend.

ITD: Security-Probleme können mannigfaltig sein, angefangen bei Ransomware-Attacken bis hin zu Phishing-Mails. Welche Angriffsarten sind aktuell am gefährlichsten für Unternehmen und warum?
Glöser: Ransomware ist aktuell sicher eine der größten Bedrohungen. Unternehmen sollten sich aber nicht auf einzelne Angriffsarten konzentrieren, sondern sich vor allem gegen die Mannigfaltigkeit rüsten, zumal Cyberkriminelle oft mehrere Techniken kombinieren. Das höchste Schutzniveau bietet dabei der Zero-Trust-Ansatz. Er misstraut grundsätzlich allem und jedem und verlangt, dass der komplette Datenverkehr geprüft wird und dass sich Nutzer, Geräte, Anwendungen und andere Einheiten bei jedem Zugriff auf Systeme oder Daten authentifizieren müssen.

ITD: Zu welchen ersten Schritten raten Sie Firmen, die ihre IT-Sicherheit auf Vordermann bringen oder völlig neu aufsetzen wollen?
Glöser: Sie sollten damit beginnen, ihre IT-Security auf eine Cloud-basierte All-in-One-Plattform zu migrieren. Solche Plattformen ermöglichen es ihnen, alle benötigen Sicherheitsfeatures aus einer Hand in Form von Services zu abonnieren, integriert zu nutzen und ganzheitlich zu verwalten. Die Sicherheitsverantwortlichen können sämtliche Vorgaben mit einem einzigen Satz an Richtlinien über Web, Cloud und On-Premises hinweg durchsetzen und das Richtlinien-Set mit einer einzigen Konsole zentral verwalten. Bei der Auswahl der Plattform sollten Unternehmen darauf achten, dass sie den Zero-Trust-Ansatz unterstützt.

ITD: Wie könnten entsprechende Lösungen aussehen?
Glöser: Zwei gute Beispiele für Zero-Trust-Lösungen sind Remote Browser Isolation sowie Content Disarm and Reconstruction. Beide Lösungen gehen davon aus, dass grundsätzlich alle Inhalte aus dem Internet Schadsoftware enthalten und misstrauen ihnen deshalb per se.

Wenn jemand eine Website aufruft, lädt Remote Browser Isolation diese Website auf einen isolierten externen Browser in der Cloud, der ein Abbild der Inhalte erzeugt und es auf den Browser des Nutzers streamt. Dieser bemerkt keinen Unterschied, erhält aber keinerlei HTML-Code und ist dadurch vor potentiellem Schadcode sicher.

Content Disarm and Reconstruction extrahiert aus Dokumenten, die jemand aus dem Internet herunterlädt oder als E-Mail-Anhang empfängt, die Informationen, bei denen schädliche Inhalte garantiert ausgeschlossen werden können. Daraus setzt sie komplett neue Dateien im Ursprungsformat zusammen, die nicht vom Original zu unterscheiden sind. Sie sind aber vollständig frei von ausführbarem Code und können dadurch auch keine Schadsoftware enthalten.

ITD: Was genau hat es mit dem Begriff „Schatten-IT“ auf sich und was können Firmen konkret unternehmen, um dieser Herr zu werden?
Glöser: Von Schatten-IT spricht man, wenn Mitarbeiter ihre privaten Endgeräte oder Cloud-Services für die Arbeit nutzen. Diese Geräte und Tools werden nicht von der zentralen IT verwaltet und stellen deshalb ein großes Sicherheitsrisiko dar. Gleichzeitig sorgen sie aber dafür, dass die Mitarbeiter produktiver sind und machen hybrides Arbeiten oft erst möglich. Unternehmen sollten ihren Einsatz deshalb nicht komplett verbieten, sondern lediglich riskante Aktionen unterbinden. Auch dabei zahlen sich integrierte und Zero-Trust-basierte Komplettlösungen aus, denn damit lassen sich Unternehmensdaten über unterschiedliche Clouds, On-Premises-Anwendungen und Endgeräte inklusive BYOD-Geräte hinweg unkompliziert und effizient schützen.

ITD: Inwiefern ist die IT-Weiterbildung von Mitarbeitern auch außerhalb von IT- und Security-Teams wichtig für die Sicherheit in Firmen?
Glöser: Ein Grundverständnis aller Mitarbeiter für IT-Sicherheit ist essenziell – gerade solange Unternehmen das Zero-Trust-Prinzip noch nicht umgesetzt haben. Schließlich hängt es von ihrem Gefahrenbewusstsein ab, ob sie schadhafte Links anklicken oder Dokumente aus unbekannten Quellen öffnen.

ITD: Wie häufig und intensiv sollten Mitarbeiter geschult werden und worauf sollte dabei der Fokus liegen?
Glöser: Hierbei müssen Unternehmen in der Tat einen Balanceakt meistern. Die Schulungen müssen in ihrer Häufigkeit angemessen sein, dürfen von den Mitarbeitern aber auch nicht als Last empfunden werden. Sie sollten aber auf jeden Fall regelmäßig über aktuelle Bedrohungen und Gegenmaßnahmen aufgeklärt werden, um ihre Wachsamkeit hoch zu halten.

ITD: Wie wird dich die Lage in Zukunft weiterentwickeln? Wagen Sie einen Ausblick!
Glöser: Eine Entspannung der Bedrohungslage ist nicht in Sicht, wir müssen leider sogar vom Gegenteil ausgehen. Der bisherige Kampf der IT-Sicherheitsbranche gegen Cyberkriminalität gleicht mit seinem Signatur-basierten Ansatz dem sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen. Weil Sicherheitssysteme immer nur Bedrohungen entschärften konnten, die sie schon kennen, hatten Cyberkriminelle immer einen entscheidenden Vorsprung. Dieser aussichtslose Wettlauf wird durch die Übernahme des Zero-Trust-Prinzips über kurz oder lang beendet werden.

Bildquelle: Forcepoint

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