Digitalisierung

„Der Druck kommt derzeit von vielen Seiten“

Im Interview berichtet Sven L. Roth, Head of Business & Technology Solutions bei Capgemini in Deutschland, welche Hürden die Digitale Transformation in Deutschland aktuell noch bremsen.

Digitalisierung

„Auch wir beobachten derzeit, dass Unternehmen einige Digitalisierungsprojekte auf den Prüfstand stellen“, berichtet Sven L. Roth.

ITD: Herr Roth, in den letzten zwei Jahren wurde die Corona-Pandemie zum Haupttreiber der Digitalen Transformation in Deutschland. Wie gut sind die Unternehmen seitdem durch die Krise gekommen?
Sven L. Roth: Die Pandemie hat Unternehmen die Schwächen ihrer digitalen und IT-Aufstellung aufgezeigt. Seitdem haben sie seitdem viel investiert, um hier nachzubessern. In diesem Jahr werden sie laut unserer diesjährigen IT-Trends-Studie ihre Investitionen in IT sogar noch einmal erhöhen. Damit wollen sie analoge Prozesse digitalisieren und neue Technologien implementieren, die dazu beitragen Probleme früh zu erkennen und intelligent zu lösen. Denn der Druck kommt derzeit von vielen Seiten. Die Antwort der meisten Unternehmen darauf heißt Erneuerung und Innovation durch Digitalisierung.

ITD: Wie ist aktuell der Status quo, wenn es um den Digitalisierungsstand in deutschen Unternehmen geht? In welchen Bereichen gibt es nach wie vor Schwierigkeiten?
Roth: Derzeit ist der Mangel an gut ausgebildeten und erfahrenen Fachkräften das größte Hindernis für Digitalisierung in Deutschland. Die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt bremst Unternehmen hier massiv aus. Wir sehen außerdem, dass Unternehmen im Rahmen von IT-Projekten immer mehr Anforderungen und Ziele parallel verfolgen. Das bedeutet: Neben den klassischen Zielen wie Prozessoptimierung, Kosteneinsparung und Effizienzsteigerung kommen heutzutage Anforderungen an Nachhaltigkeit, komplexe regulatorische Ansprüche oder globale Rollouts hinzu – und das beim Erhalt höchster Kundenzufriedenheit und ohne den regulären Betrieb zu unterbrechen. Durch diese unübersichtliche Lage gibt es die Tendenz, sich eher auf kleinere Digitalisierungsprojekte zu fokussieren, die schnellen Erfolg erzielen. Allerdings wird dadurch die langfristige Konzeption und Planung der Architektur erschwert.

ITD: Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage will 2023 jedes dritte Unternehmen Digitalisierungsinvestitionen zurückfahren. Für wie problematisch halten Sie einen solchen Kurswechsel?
Roth: Auch wir beobachten derzeit, dass Unternehmen einige Digitalisierungsprojekte auf den Prüfstand stellen. Andererseits bleibt die digitale Transformation weiterhin ein wichtiger Treiber – auch oder gerade in Krisenzeiten. Insofern gehen wir weiterhin von einem Wachstum aus.

ITD: Inwiefern bietet die Digitalisierung auch Chancen für die Unternehmen, auf die aktuellen Herausforderungen (bspw. Lieferengpässe, steigende Energiekosten, Fachkräftemangel) zu reagieren und sich besser anzupassen?
Roth: Aktuelle Herausforderungen wie die hohen Energiekosten und Lieferschwierigkeiten treffen alle Branchen, insbesondere aber die Fertigungsindustrie – sie wird mittel- und langfristig von geringerer Produktion und sinkenden Absatzzahlen betroffen sein. In der Folge rechnen wir einerseits mit Kosteneinsparungen bei Digitalisierungsprojekten – andererseits gibt es aber auch die Chance, mit zusätzlichen Investitionen in digitale Innovation gezielt gegenzusteuern. Dazu zählt beispielsweise, unterbrochene Lieferketten über IT-Lösungen oder Hardware-Optimierungen zu kompensieren.

ITD: Welchen Beitrag kann die Digitalisierung womöglich auch zur Lösung des Klimawandels leisten? – Stichwort: „Green IT“?
Roth: Technologie verursacht einen CO2-Fußabdruck, kann aber zugleich gewinnbringend zur Einsparung von Treibhausgasen beitragen. Deshalb spielen Digitalisierung und IT für die Nachhaltigkeit von Unternehmen eine zentrale Rolle. Dabei geht es um das Zusammenspiel zwischen dem Effizienzthema „nachhaltige IT“ und dem Innovationsthema „IT für Nachhaltigkeit“. Im ersten Fall handelt es sich um den klassischen Prozess von Effizienzverbesserungen, im zweiten Fall um den gezielten Einsatz von IT, um etwa Produkte, Produktion, Lieferketten oder Prozesse nachhaltiger zu gestalten.

Laut unserer IT-Trends-Studie wollen Unternehmen mehr als 40 Prozent der bis 2026 geplanten Treibhausgasreduktionen mit oder in der IT erzielen. Der größere Teil davon soll indirekt erzielt werden, also mithilfe von IT – beispielsweise durch den Einsatz intelligenter Technologien, um den Energieverbrauch zu reduzieren oder Verkehrswege zu optimieren.

ITD: Wo liegen für große Unternehmen (z.B. Fertigungsindustrie) IT-seitig die größten Potenziale, um den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren?
Roth: Nachhaltigkeit rückt zwar für Unternehmen immer stärker in den Fokus, aber nachhaltige IT hat für viele noch keine Priorität. Laut einer Capgemini-Studie, die wir 2021 durchgeführt haben, verfügt die Hälfte der Unternehmen zwar über ein Nachhaltigkeitskonzept. Aber nicht einmal in jedem fünften gibt es eine umfassende Strategie für nachhaltige IT. Hier müssen Unternehmen nachbessern und Nachhaltigkeit als einen Grundpfeiler ihrer gesamten IT- und Software-Architektur etablieren. Dann können sie den CO2-Fußabdruck ihrer IT genau messen und durch nachhaltige Praktiken an den richtigen Stellen reduzieren.

Bildquelle: Capgemini

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok