Dirk Haschke verantwortet die strategischen und operativen Entscheidungen des E-Commerce-Warenwirtschafts- und Logistikspezialisten.
ITD: Herr Haschke, wie war es in den vergangenen zwei, drei Jahren um die Transportlogistik der hiesigen Unternehmen bestellt – gerade im Hinblick auf die aktuellen Krisen (globale Pandemie, geopolitische Konflikte, Fachkräftemangel, Inflation ...)?
Haschke: In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat sich die Transportlogistik der hiesigen Unternehmen stark verändert. Die Unsicherheit insgesamt hat durch die unterschiedlichen Krisen zugenommen, was dazu führt, dass bei vielen Unternehmen die Produktion stockt und die Planbarkeit dramatisch abgenommen hat. Aufgrund der schlechten Verfügbarkeit und von Lieferengpässen haben viele Unternehmen mehr Bedarf an höherem Lagerbestand der einzelnen Waren, um eben solche Unsicherheitsfaktoren ausgleichen zu können. Mit Blick auf politische Konflikte sind Sanktionen von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Supply Chain: Sie haben sofortige Auswirkungen auf die Lieferketten, was zu abrupten Unterbrechungen führen kann. Um weiterhin lieferfähig zu bleiben, erfordert es dann soweit möglich den raschen Aufbau neuer Lieferbeziehungen und entsprechender Transportwege. Die globale Verflechtung ist heutzutage enorm und wenn ein Element in der Supply Chain fehlt, und sei es nur eine kleine, nicht einfach ersetzbare Schraube, dann sind die Auswirkungen massiv, da die Produktion stark eingeschränkt ist. Auch die administrative Belastung hat sich in vielen Bereichen, wie z.B. durch den Brexit, erheblich erhöht. Unternehmen können viel Geld durch zusätzliche manuelle Prozesse verlieren, wenn sie keine automatisierten Lösungen einsetzen. Hinzu kommt, dass die Umsetzung von neuen Regierungsvorgaben und Gesetzesänderungen häufig unklar ist, was wiederum zu Verzögerungen führt.
ITD: Welche Branchen hatten es zuletzt besonders schwer, mussten mit stockenden oder gar stillstehenden Lieferketten kämpfen?
Haschke: In vielen Industrien gab es in den letzten Jahren Probleme mit den Lieferketten. Besonders betroffen sind jedoch grundsätzlich Branchen, die komplexe Produkte herstellen, die viele Einzelteile benötigen, wie beispielsweise der Automobilbau. Die Automobilindustrie hatte starke Probleme mit trägen oder sogar stillstehenden Lieferketten. Generell lässt sich festhalten: Je komplexer das Produkt ist, umso stärker sind die Abhängigkeiten von den Lieferketten.
ITD: Welchen Stellenwert haben bereits Nachhaltigkeit und Transparenz in den Supply Chains deutscher Großunternehmen?
Haschke: Der Stellenwert von Nachhaltigkeit und Transparenz bei deutschen Großunternehmen hat in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Der Druck steigt, da Verbraucher zunehmend darauf achten, dass die Produktion und Lieferung nachhaltig durchgeführt werden. Nachhaltiges Produzieren ist somit bereits ein Wettbewerbsvorteil – und dies wird sich in Zukunft weiter verstärken. Je besser und transparenter daher Unternehmen das Thema „Nachhaltigkeit“ darstellen können, desto besser wird ihr Ruf bei Verbrauchern und Geschäftspartnern sein. Da die nachhaltige Produktion und der Transport der Waren meist aufwändiger und kostenintensiver sind, muss auch berücksichtigt werden, dass Nachhaltigkeit häufig teurer ist. Unternehmen müssen jedoch in diesen Bereich investieren, um langfristig erfolgreich zu sein. Dieses verändert Verkaufspreise oder Margen.
ITD: Was macht für Sie eine nachhaltige Lieferkette aus?
Haschke: Eine nachhaltige Lieferkette zeichnet sich für mich durch Ressourcenschonung aus, indem beispielsweise eine Fleet-Management-Lösung genutzt wird, um die beste Routenoption für eine Flotte zu finden und so Sprit zu sparen. Unterstützt wird die Nachhaltigkeit auch durch papierlose Prozesse entlang der Supply Chain, z.B. digitale Picklisten im Lager oder Zustellnachweise, die über mobile Geräte erstellt werden. Zudem sollte beim Sourcing darauf geachtet werden, die kürzesten Transportwege vom Lieferanten zum Konsumenten zu finden, um die Umweltbelastung zu minimieren. Insgesamt kann jeder Prozessschritt der Supply Chain auf Nachhaltigkeit geprüft werden.
ITD: Was sind die großen Herausforderungen und Stolpersteine für Unternehmen, um dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gerecht zu werden?
Haschke: Eine der größten Herausforderungen besteht darin, Kontrollmechanismen einzuführen, um sicherzustellen, dass die gesamte Lieferkette den Anforderungen des Gesetzes entspricht. Unternehmen haben oft Sublieferanten und es kann schwierig sein, die gesamte Lieferkette zu überwachen und zu kontrollieren. Selbst wenn das Unternehmen den Tier-1-Lieferanten identifizieren und überprüfen kann, ist es schwierig, sicherzustellen, dass auch die darunterliegenden Lieferanten den Anforderungen entsprechen. Ein weiterer Stolperstein ist, dass die Gesetze in anderen Ländern oft anders sind und die deutsche Gesetzgebung nicht immer einfach auf die globalen Lieferketten anwendbar oder übertragbar ist. Unternehmen müssen sich also mit den verschiedenen Gesetzen in den Ländern, in denen sie Geschäfte tätigen, vertraut machen und sicherstellen, dass sie die Anforderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes erfüllen, ohne gegen andere Gesetze zu verstoßen. Insgesamt erfordert die Umsetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes eine umfassende und gründliche Überwachung und Kontrolle der gesamten Lieferkette, um sicherzustellen, dass Unternehmen ihren Verpflichtungen in Bezug auf Menschenrechte, Umweltschutz und Arbeitssicherheit nachkommen.
ITD: Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) an dieser Stelle aushelfen und welche Rolle spielen Daten für die Effizienz in der Lieferkette?
Haschke: Der Einsatz von KI und die Effizienz der Lieferkette hängen von Daten ab. Supply-Chain-Anwendungen der nächsten Generation nutzen Daten, um Entscheidungen in Echtzeit zu treffen. Und KI, insbesondere maschinelles Lernen, benötigt große Datenmengen, um tiefere Einblicke zu ermöglichen. IT-Experten in der Lieferkette sollten daher oberste Priorität der Datenqualität und -aktualität aus verschiedenen Quellen geben.
ITD: Was sind weitere Schlüsseltechnologien sowie zukünftige Innovationsschwerpunkte für resiliente Lieferketten?
Haschke: Um die Lieferketten widerstandsfähiger zu machen, sollten Lösungen für die Transparenz der Lieferkette oberste Priorität haben. Viele Lieferketten sind nicht belastbar, weil sie Probleme nicht erkennen oder vorhersagen können, weil sie nicht über Veränderungen der Nachfrage, der Kapazität, des Transports oder des Angebots in Echtzeit und die daraus resultierenden Auswirkungen informiert sind. Die Kombination von Transparenz und dynamischer Planung in Echtzeit ermöglicht es Unternehmen, flexibler und proaktiver auf Probleme zu reagieren, entweder bevor oder nachdem sie auftreten.
Bildquelle: Descartes Systems