„In naher Zukunft werden datenbasierte Geschäftsmodelle völlig andere Anforderungen an digitale Infrastrukturen, aber auch an Telekommunikations-Provider stellen“, sagt Ulrich Hoffmann.
ITD: Herr Hoffmann, welche Rolle spielt die Glasfasertechnologie im Zuge der Digitalen Transformation in Deutschland?
Ulrich Hoffmann: Die aktuelle Marktforschung zeigt, dass die Corona-Pandemie den digitalen Wandel in der Wirtschaft auf das Fünf- bis Zehnfache beschleunigt. Bei Kunden im Einzelhandel etwa stieg die Akzeptanz für Online-Einkäufe auf Werte, die Experten für 2030 erwartet hatten. Auch das Homeoffice wurde über Nacht Normalität. Das unerwartete Vorspulen der Entwicklung gibt einen Vorgeschmack, welche Anforderungen die Digitale Transformation künftig an Netzwerke und TK-Branche stellen wird. Glasfaser ist die Schlüsseltechnologie, um dem gerecht zu werden.
ITD: Wie weit ist der Ausbau bislang in Deutschland vorangeschritten?
Hoffmann: Der Gigabitausbau hat endlich Fahrt aufgenommen. Zum Juni 2022 waren im gesamten Bundesgebiet rund 10 Millionen Glasfaseranschlüsse (FTTH/B) verfügbar. Ein Zuwachs von rund 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit zählt Deutschland zu den Top 3 beim Glasfaserwachstum in Europa. Fakt ist aber auch, dass wir im internationalen Vergleich zu anderen Industrieländern bei der Versorgung mit Glasfaseranschlüssen noch immer im hinteren Mittelfeld rangieren.
ITD: Welche besonderen Herausforderungen gehen mit dem aktuellen Glasfaserausbau einher?
Hoffmann: Das Ziel der Gigabitstrategie des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) bis 2030 lautet: eine bundesweit flächendeckende Versorgung mit Glasfaseranschlüssen bis ins Haus. Um dies zu erreichen, hat die Bundesregierung wichtige Themen angepackt, die die Branche seit langem fordert: etwa die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren und den Austausch von Planungsdaten durch das neue Gigabit-Grundbuch.
Für eine nachhaltige Gigabitinfrastruktur müssen aber noch zentrale Weichen gestellt werden: Zuvorderst geht es darum, den eigenwirtschaftlichen Glasfaserausbau voranzubringen und – dort wo dies wirtschaftlich nicht möglich ist – durch einen punktuellen geförderten Ausbau zu ergänzen. Nur so beugt man einer Verdrängung der geplanten privaten Investitionen von mehr als 50 Mrd. Euro vor. Nur so werden der Ausbau beschleunigt und unnötige Belastungen der Steuerzahler vermieden. Dafür braucht es ein einsprechendes Förderkonzept. Und ein weiterer Aspekt muss näher betrachtet werden: Denn bei der Ausbauentscheidung ist für Netzbetreiber und Investoren zudem die Frage nach der zügigen Auslastung der Netze und damit nach Investitionssicherheit mitentscheidend. Die Aggregation von Glasfasernetzen kann hier eine wesentliche Rolle spielen. Über ein solches Open-Access-Modell können die Glasfasernetze für andere Anbieter geöffnet und damit der Wettbewerb auf dem Endkundenmarkt gesteigert werden. Solche Plattformen sind auch im Förderkontext wichtig. Denn geförderte Unternehmen können so ihren Verpflichtungen nachkommen, Vorleistungen auf der geförderten Infrastruktur anzubieten. Plusnet versteht sich hier als Brückenbauer im Markt: Mit unserer Aggregationsplattform Netbridge ermöglichen wir Vermarktern deutschlandweiten Zugriff auf verfügbare Gigabit-Netze sowie Infrastrukturbetreibern eine höhere Netzauslastung und steigern somit die Verfügbarkeit von Gigabit-Anschlüssen für Privat- und Geschäftskunden.
ITD: Welche neuen Möglichkeiten eröffnen sich durch den Ausbau für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Infrastruktur?
Hoffmann: Nicht erst seit der Pandemie wählen Geschäftskunden ihre Provider zuerst nach Bandbreite und Netzabdeckung aus. Jetzt erleben sie, wie limitiert die vorherrschende Kupferinfrastruktur und wie wichtig der Ausbau leistungsfähiger Glasfasernetze ist. In naher Zukunft werden datenbasierte Geschäftsmodelle völlig andere Anforderungen an digitale Infrastrukturen, aber auch an Telekommunikations-Provider stellen. Fortschrittliche Anwendungen wie Künstliche Intelligenz (KI), vernetzte Industrieproduktion oder autonome Mobilität steigern das Datenaufkommen bis Ende des Jahrzehnts auf das Dreizehnfache. Zudem benötigen sie zehnfach reaktionsschnellere Netze, um solche Datenmengen in Echtzeit zu verarbeiten.
Nur Lichtwellenleiter bieten die erforderliche Bandbreite und Echtzeitfähigkeit für die neuen datenbasierten Anwendungen und sind zugleich Enabler für mobile Netztechnologien wie 5G. Nur mit flächendeckender Glasfaser wird sich Deutschland als führender digitaler Wirtschaftsstandort behaupten. Gleichzeitig wird das TK-Geschäft durch die neue Datenökonomie schnelllebiger, arbeitsteiliger und komplexer. Geschäftskunden brauchen zukünftig echte TK-Navigatoren, die individuelle Lösungen und Vernetzungsszenarien umsetzen können. Bei Plusnet verstehen wir uns aufgrund unserer breiten Expertise als ein solcher Schrittmacher für die digitale Zukunft von Wirtschaft sowie Kommunen und damit für mehr Fortschritt sowie neue Chancen in unserer Gesellschaft.
ITD: Inwieweit spielt die Glasfaser auch in puncto Nachhaltigkeit und Klimaschutz eine Rolle?
Hoffmann: Digitalisierung und Nachhaltigkeit lassen sich kaum isoliert denken: Einerseits ermöglichen es neue Technologien wie Glasfaser, sektorübergreifend enorme Ressourcen einzusparen, beispielsweise in Produktion, Mobilität oder Landwirtschaft. Anderseits verbraucht die Digitalisierung durch Geräteeinsatz und Netzbetrieb ihrerseits Energie, was im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens beständig weiter optimiert werden muss. In der TK-Branche setzen wir uns deshalb dafür ein, dass moderne digitale Infrastrukturen als Rückgrat der Digitalisierung ihren wichtigen Beitrag zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit leisten. Der geringere CO2-Fußabdruck moderner Glasfasernetze ist hier besonders relevant. Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Glasfasern wesentlich energieeffizienter sind als ältere Technologien. So ist der Energieverbrauch via Lichtwellenleiter im Vergleich zu Kupfer bis zu 17-fach geringer.
Bildquelle: Plusnet GmbH