Alan Gibson von Alteryx: „Ohne den Menschen nützt auch die beste Digitalisierungsstrategie nichts.“
ITD: Herr Gibson, die aktuelle Pandemie hat vielen Unternehmen vor Augen geführt, wie wichtig die Digitalisierung ist. Inwieweit sind Großunternehmen derzeit auf IT-Experten angewiesen, um ihre Digitalisierung voranzutreiben?
Alan Gibson: Der Ausbruch des Coronavirus hat alles auf den Kopf gestellt. Um geschäftsfähig bleiben zu können, führte für viele Unternehmen plötzlich kein Weg mehr an digitalen Alternativen vorbei. Das hat der Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung bisher voranschritt, innerhalb kürzester Zeit einen enormen Schub verliehen und viele Unternehmen finden sich jetzt schon dort wieder, wo sie unter normalen Umständen vielleicht erst in einigen Jahren angekommen wären. Dabei kam es jedoch zu vielen Schnellschüssen, wobei der Fokus viel zu häufig allein auf der Technologie lag. Und genau das ist der Grund, warum viele Projekte scheitern mussten. Inzwischen haben viele Unternehmen jedoch erkannt, dass sie mit dieser Strategie auf das falsche Pferd gesetzt haben. Scheinbar passende Tools und Technologien einzukaufen, ist einfach und mag im ersten Moment als der richtige Weg erscheinen. Die Wahrheit ist jedoch, dass auch die beste Technologie keine Produktivitäts- und Effizienzsteigerung herbeiführt, wenn sie in einen fehlerhaften oder längst überholten Geschäftsprozess implementiert wird. Echte IT-Experten spielen also genau wie moderne Technologien definitiv eine Rolle – allerdings nicht die entscheidende. Unternehmen sollten sich dementsprechend nicht mehr auf einige wenige Datenwissenschaftler verlassen. Wenn es darum geht, Erkenntnisse zu gewinnen, die für wichtige Entscheidungen im alltäglichen Geschäft erforderlich sind, ist es die Gesamtheit der Mitarbeiter, die einen echten Mehrwert erbringt. Aus diesem Grund gilt es nun, sie in den Fokus zu rücken – und das über alle Positionen und Abteilungen hinweg. Denn nur gemeinsam können sie dazu beitragen, dass sich der Wandel tatsächlich erfolgreich und nachhaltig vollzieht. Das fängt beim Verständnis an, welchen Wert große Datenmengen für den Erfolg des Unternehmens haben, und endet dabei, echte Erkenntnisse aus ihnen zu gewinnen, die es zulassen, traditionelle Prozesse zu automatisieren, Optimierungspotenziale aufzudecken und smartere Entscheidungen zu treffen.
ITD: Neue IT-Experten einstellen, bisherige Mitarbeiter fortbilden oder durch Technologien ersetzen – wie gehen Unternehmen aktuell oftmals vor und wovon ist dies abhängig?
Gibson: Für viele Unternehmen scheint es nur zwei Extreme zu geben: Entweder sie suchen nach ausgebildeten Digitalexperten, um diese dauerhaft einzustellen, oder sie setzen auf moderne Technologien, um einen Teil ihrer Mitarbeiter und die von ihnen ausgeübten Aufgaben dadurch zu ersetzen. Beides ist über alle Branchen hinweg zu finden. Bei der Frage, für welchen dieser zwei entgegengesetzten Wege sich ein Unternehmen entscheidet, spielt es eine große Rolle, wie viel Zeit und Geld bereits vor dem Ausbruch der Pandemie in den Digitalisierungsprozess geflossen ist und wie offen die Verantwortlichen neuen Tools und Technologien gegenüberstehen.
Natürlich ist aber auch das Finanzielle ein ausschlaggebender Aspekt, auf dem viele Unternehmen ihre Entscheidung, den einen oder den anderen Weg einzuschlagen, begründen. Doch es gibt einen Faktor, der dabei häufig völlig außer Acht gelassen wird – und das ist der Mensch. Denn nicht einmal die beste Digitalisierungsstrategie kann nachhaltig gute Erfolge erzielen, wenn die wichtige Rolle, die die Mitarbeiter selbst dabei spielen, nicht einkalkuliert wird. Letztendlich ist es das Zusammenspiel von Daten, modernen Technologien und dem analytischen Denken der Teams, um das volle Potenzial, das sich in der Digitalisierung verbringt, entfalten zu können – der goldene Mittelweg also.
ITD: Welche Konsequenzen können sich daraus für die Arbeitgeber, die Mitarbeiter, die HR und die IT-Abteilung ergeben?
Gibson: Viele Arbeitnehmer haben Angst, infolge der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung ihre Daseinsberechtigung und damit auch den Job zu verlieren. Tatsächlich ist die Gefahr, arbeitslos zu werden, jedoch viel größer, wenn Unternehmen nicht in die Digitale Transformation ihrer Geschäftsprozesse investieren. Fakt ist: Daten sind der zentrale Treibstoff, der jeden digitalen Transformationsprozess erst richtig zum Laufen bringt. Der Motor, den es braucht, um diese verarbeiten und einen Mehrwert schaffen zu können, ist jedoch die menschliche Intelligenz. Und das ist etwas, das Arbeitgeber erst einmal begreifen müssen: Ohne den Menschen nützt auch die beste Digitalisierungsstrategie nichts.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Die Talente ihrer Mitarbeiter zum Vorschein zu bringen und voll auszuschöpfen, ist deshalb jetzt eine der zentralen Herausforderungen, mit denen Unternehmen sich befassen müssen. Auf dem Weg dorthin ist es wichtig, den Mitarbeitern ihre bestehenden Ängste zu nehmen und stattdessen das notwendige Selbstvertrauen aufzubauen – und zwar sowohl von der Seite des Arbeitgebers als auch seitens HR und IT. Das Gute: Der Mensch besitzt von Natur aus hochgradig analytische Fähigkeiten. In der Praxis geht es deshalb vielmehr darum, jedem einzelnen Mitarbeiter beizubringen, seine Fragen als Modellierungsprobleme zu formulieren. So kann er die Herausforderungen, die ihm in seinem Arbeitsalltag begegnen, mithilfe der verfügbaren Daten ganz alleine lösen und bestenfalls sogar noch zusätzliche Schwachstellen aufdecken, deren Beseitigung dazu beitragen, seine Ergebnisse zusätzlich zu verbessern.
Bildquelle: Alteryx