„Die meisten großen Unternehmen verfügen über einen BCDR-Plan“, weiß André Schindler von Ninja One.
ITD: Herr Schindler, wie gestaltet sich die derzeitige Bedrohungslage für IT-Systeme und Netzwerke von Großunternehmen bzw. Konzernen?
André Schindler: Die Bedrohungen für IT-Systeme und -Netzwerke sind breit gefächert, aber Ransomware und Supply-Chain-Angriffe sind zunehmend die wichtigsten Bedrohungen, die Unternehmen beachten sollten. Im letzten Jahr hat die Zahl der Phishing-Versuche dramatisch zugenommen, da sich Cyberkriminelle die Ängste der Bevölkerung, z.B. vor dem Klimawandel, zunutze machen. Diese Phishing-Versuche öffnen Tür und Tor für größere, verheerende Angriffe. Man darf aber auch nicht außer Acht lassen, dass alle IT-Systeme und Netzwerke auch auf einen physischen Standort und auf physische Faktoren wie Stromnetze etc. angewiesen sind, die bei extremen Wetterphänomenen beeinträchtigt werden können.
ITD: Welchen Einfluss üben Faktoren wie die Corona-Pandemie, der Klimawandel etc. auf die Bedrohungslage aus?
Schindler: Der Klimawandel ist eine Bedrohung, auf die sich IT- und Sicherheitsexperten einstellen müssen, da er Stressfaktoren in die Gesellschaft einbringt, die unseriöses oder illegales Verhalten, wie z.B. Cyberkriminalität, auslösen können. Der Klimawandel führt in manchen Regionen durch Wetterextreme zu einer starken Beeinträchtigung des dortigen Lebens und zwingt die Menschen dazu, immer verzweifelter nach Ressourcen suchen. Die Cyberkriminalität hat niedrige Einstiegshürden, ist relativ anonym, schwer zu verfolgen und kann Kriminellen hohe Gewinne bescheren – und das von überall auf der Welt. Zusätzlich kann der Klimawandel auch neue physische Gefahren für Büro- und IT-Umgebungen mit sich bringen, da Überschwemmungen, Sturmschäden und steigende Temperaturen die effiziente und sichere Verwaltung dieser Umgebungen erschweren. Was passiert z.B., wenn ein Rechenzentrum überflutet wird oder extreme Wetterbedingungen das Stromnetz lahmlegen? IT-Teams, die für die Aufrechterhaltung der Geschäftskontinuität verantwortlich sind, sollten diese Dinge berücksichtigen.
ITD: Inwieweit gehören IT-Security-Katastrophenpläne bereits zum Standard in Großunternehmen?
Schindler: Die meisten großen Unternehmen verfügen über einen BCDR-Plan. Sie haben in aller Regel die notwendigen Ressourcen, um Anwälte und qualifizierte Mitarbeiter für die Ausarbeitung von Reaktionsplänen einzustellen, und sind kleinen Unternehmen mit begrenztem Budget oder Know-how hier einen Schritt voraus.
ITD: Mit welchen Herausforderungen ist die Erstellung eines sauberen IT-Security-Katastrophenplans verbunden?
Schindler: Ein sauberer BCDR-Plan würde versuchen, die Zusammenhänge zwischen Cyberbedrohungen und externen klimabedingten Stressfaktoren zu verstehen, was eine sehr komplexe Aufgabe ist. Darüber hinaus gilt es, Wege zu finden, um mit Ereignissen, die die Geschäftstätigkeit negativ beeinflussen, konstruktiv umzugehen. Außerdem sollte ein sauberer BCDR-Plan versuchen, den CO2-Fußabdruck des Unternehmens zu quantifizieren und zu begrenzen. Dies gelingt beispielsweise, indem Betriebe die Abhängigkeit von CO2-emittierenden Technologien und Anbietern in der Lieferkette aktiv verwalten und wo möglich verringern. Dies ist leichter gesagt als getan, denn die Erstellung von Klimabilanzen erfordert ein hohes Maß an Fachwissen.
ITD: Welche Punkte sollte solch ein Plan anno 2021 unbedingt aufgreifen?
Schindler: BCDR-Pläne sollten sich damit befassen, wie extreme Wetterbedingungen die kritische Infrastruktur, auf die das Unternehmen zur Aufrechterhaltung des Betriebs angewiesen ist, beschädigen könnten. Außerdem sollten sie potenzielle Risiken innerhalb der Lieferkette berücksichtigen, die anfällig für klimabedingte Stressfaktoren sind.
Bildquelle: Ninja One