Markus Haller bekleidet seit Juli 2013 den Posten des CEO und seit August 2022 den des CTO im Unternehmen.
ITD: Herr Haller, die Taktfrequenz von technologischen Innovationen hat sich stark beschleunigt. Was bedeutet das für Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle?
Haller: In der Tat befinden wir uns aktuell in einer hochgradig dynamischen Zeit, in der eine technologische Innovation geradezu die nächste jagt. Natürlich war auch die Vergangenheit nicht von Stillstand geprägt. Im Gegensatz zu früheren Technologiesprüngen zeichnen sich die aktuellen Innovationen jedoch durch einen entscheidenden Unterschied aus: Sie eröffnen nicht „einfach nur“ neue technische Möglichkeiten. Vielmehr transformieren sie die Art und Weise, wie Mensch und Maschine miteinander interagieren. Damit meine ich natürlich insbesondere die derzeitigen KI-Innovationen in Form der Large Language Models (LLMs). Durch sie sind Maschinen zunehmend in der Lage, Dinge zu interpretieren und zu einem gewissen Grad auch zu verstehen. Ein Roboter in der Automotive-Branche etwa arbeitet bislang vielleicht an vorgefertigten Linien, an denen er beispielsweise bestimmte Löcher stanzen muss. Ein Verständnis von dem, was er da tut oder wie der dahinterstehende Prozess geartet ist, fehlt völlig. Künftig werden Maschinen jedoch in der Lage sein, den Kontext ihrer Arbeit umfassend zu verstehen, und vielleicht sogar Vorschläge entwickeln können, wie sich die Stabilität des Endprodukts erhöhen ließe, wenn die Löcher in einer anderen Anordnung gestanzt würden. Solche tiefgreifenden technologischen Änderungen haben natürlich Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle und die dahinterstehenden Prozesse. Entsprechend verlangen sie auch den ERP-Systemen eine hohe Flexibilität ab, denn diese sind es ja, die die Prozesse im Geschäftsalltag abbilden.
ITD: Also ist Flexibilität die neue Königsdisziplin in der ERP-Welt?
Haller: Aus meiner Sicht ja. Es ist doch so: Wenn ein Unternehmen eine neue Maschine kauft, die nun in der Lage ist, verschiedenste Prozessschritte selbst zu übernehmen, zieht das Kreise. Die Aufschlüsselung der Stückliste, die Erstellung des Werkstattauftrags, die Kommissionierung des Materials – all diese internen Prozesse laufen dann unter Umständen nicht mehr genau in derselben Weise ab, wie das bislang der Fall war. Um solchen Veränderungen gerecht zu werden, müssten ERP-Systeme in unserer heutigen, dynamischen Zeit quasi ständig modifiziert und weiterentwickelt werden. Denn nicht nur die neue Maschine kann nun viel mehr. Geradezu alle technologischen Komponenten um uns herum werden eine starke Transformation durchlaufen. Das ERP jedoch laufend anzupassen, wäre extrem aufwendig und teuer. Zumal es Monate dauern kann, bis eine Individualisierung nach Entwicklung und Tests live gehen kann. In unserer heutigen Zeit müssten Änderungen aber in Stunden realisierbar sein, nicht in Monaten.
ITD: Was müssen moderne ERP-Systeme bieten, um am besten und flexibelsten auf neue Umstände reagieren zu können?
Haller: Klassischerweise arbeiten ERP-Systeme ja stark datengetrieben. Um Abläufe umzusetzen, stehen Anwendern in der Regel große Mengen an Datenfeldern und Schaltflächen zur Bedienung zur Verfügung. Dies hat jedoch den Nachteil, dass Prozessabläufe sehr stark in der ERP-Lösung verankert sind, sprich: Ändert sich etwas an den Prozessen, ist es oft schwer oder mit hohem Aufwand verbunden, diese Änderung im System widerzuspiegeln. ERP-Systeme müssen daher in Zukunft in der Lage sein, Prozesse möglichst optimal mit der hohen dahinterstehenden Datenmenge zu kombinieren und diese Abläufe dann wirklich flexibel im Produktivbetrieb anzupassen. Wir als ERP-Anbieter haben dafür den Ansatz gewählt, eine völlig neue Bedienebene für die Anwender zu schaffen. Diese Bedienebene stellt die konkreten Prozessabläufe in den Vordergrund und bereitet dazu die Daten aus der Datensicht auf klare und übersichtliche Weise auf. Auf dieser Prozessebene können wir dann auf viel einfachere Art und Weise für die erforderliche Flexibilität sorgen und die Abläufe bei Bedarf schnell an neue Gegebenheiten anpassen, wie es von unserer neuen, dynamischen Technologiewelt gefordert wird.
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ITD: Wie erreichen die Unternehmen für ihre täglichen Geschäftsprozesse einen „Effizienz-Boost“?
Haller: Dieser ergibt sich automatisch aus einer solchen Herangehensweise. Eine prozessorientierte Bedienebene ermöglicht nicht nur Flexibilität, sondern unterstützt Anwender auch dabei, Aufgaben mit einer bislang unerreichten Geschwindigkeit zu bearbeiten. Denn der Prozess-Flow stellt das Wesentliche in den Vordergrund, präsentiert unmittelbar den nächsten erforderlichen Bearbeitungsschritt und blendet die für das aktuelle Ziel nicht erforderlichen Daten oder Schaltflächen aus. Damit wird die Effizienz der täglichen Arbeit deutlich gesteigert. Auch das hat sich im Vergleich zu früher geändert: In der Vergangenheit ergab sich ERP-Effizienz aus Beständigkeit. Der ideale Prozessablauf sollte quasi in Stein gemeißelt sein, um jedem Mitarbeiter zu ermöglichen, ihn mit maximaler Effizienz zu bearbeiten. Künftig wird es aus meiner Sicht aber vielmehr so sein, dass derjenige die Nase vorn haben wird, der sich am effizientesten und flexibelsten an neue Gegebenheiten anpasst. Denn so sichern sich Unternehmen immer die maximale Effizienz, egal wie der erforderliche Prozess gerade aussehen muss. Und wer auf diese Weise die dahinterstehenden Technologieinnovationen möglichst rasch in seine Geschäftsmodelle integriert, profitiert auch am schnellsten von deren Vorteilen.
Bildquelle: Asseco Solutions