Bescheidener Vorschlag für das Wappentier der "Netzallianz Digitales Deutschland"
Es ist wieder eine dieser Jubelmeldungen, bei der unklar ist, aus welchem Paralleluniversum sie stammt: "Deutschland ist beim Breitbandausbau in Europa in der Spitzengruppe". Sagenhafte 85 Prozent aller Deutschen haben einen Breitband-Anschluss, meldet der IT-Branchenverband Bitkom eine Zahl der europäischen Statistikbehörde Eurostat.
In der Tat, sagenhaft. Denn ein genauer Blick zeigt: Das Zählkriterium für Breitband ist die Art des Anschlusses. Erfasst werden alle DSL-Nutzer sowie Leute mit UMTS-, LTE- und Satellitenverbindung. Das bedeutet, dass auch ein DSL-Basisanschluss mit müden 384 Kilobit pro Sekunde Breitband ist.
Schmalbandige Schönfärbe-Rhetorik
Das ist natürlich nichts weiter als einer der üblichen Tricks, mit denen ein maues Ergebnis aufgepeppt wird. Zur Erinnerung: Da die Bundesregierung alles ab ein Megabit Nenngeschwindigkeit als Breitband zählt, kann sie auf eine Abdeckung von mehr als 99 Prozent verkünden. Das trifft kaum die Alltagserfahrung vieler Internetnutzer.
Vor allem Landbewohner werden von der Schönfärbe-Rhetorik gleich doppelt getroffen: Einerseits haben sie oft keinen stabilen DSL-Anschluss mit ausreichender Geschwindigkeit zur Verfügung. Andererseits verkaufen ihnen die Telcos gerne einen DLS16000- oder sogar VDSL25/50-Anschluss, der aber in der Praxis maximal die Hälfte der Nennbandbreite bringt.
"Wir liegen hinter den USA und den wichtigsten asiatischen Staaten weit zurück", meinte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf der Münchner Konferenz "Digital Life Design" (DLD) in München. Immerhin: Eine PR-Offensive in der Krise, die lehrbuchmäßig beginnt, nämlich mit dem Eingeständnis "Die Lage ist schlecht".
Sollte das jetzt so etwas wie Einsicht sein? Hat die Politik das Problem endlich erkannt? Beginnt jetzt das Gegensteuern? Unternimmt die Politik etwas? Ja, Dobrindt will eine "Netzallianz Digitales Deutschland" gründen. Darin sollen die großen Telekommunikationskonzerne und Netzbetreiber vertreten sein, um unter anderem den Breitbandausbau voranzutreiben.
"Deutschland braucht das schnellste und intelligenteste Netz der Welt", erklärte Dobrindt in der Presse. Nur so könne der Vorsprung in Technik und Wohlstand gehalten werden. Das Thema scheint also in der Politik angekommen zu sein, doch von der Weltspitze trennt uns viel - denn da sind Gigabit-Netze das Thema.
Unverbindliche Versprechen der Politik
Bei uns geht es (immer noch) um viel niedrigere Ziele: Eine flächendeckende 50-Mbit-Versorgung bis 2018. Laut Bitkom sind rund 20 Milliarden Euro für einen Ausbau dieser Art erforderlich. Wer das Geld wie aufbringen soll ist unklar. Klar ist jedoch: Der Staat wird wohl nicht so viel zuschießen, denn von der anfangs genannten einen Milliarde Euro war nicht mehr die Rede. Also gibt es zum Thema lediglich die üblichen, völlig unverbindlichen politischen Versprechen.
Dabei ist ein zügiger Ausbau durch Glasfasernetze mit mehr als 100 Megabit pro Sekunde mehr als nötig: Die Wirtschaft der nicht so fernen Zukunft wird in vielen Ländern zu einem großen Teil digital sein. Wer hier den Anschluss verliert, steigt in Sachen Wohlstand ab – so einfach ist das. Nicht nur in der Politik verweigern sich viele Leute dieser Erkenntnis.
Es gibt eine ganze Reihe von Entwicklungen, die ein Breitbandinternet voraussetzen - etwa Cloud Computing, Big Data, die Verlagerung von allen möglichen Dienstleistungen ins Internet oder die Möglichkeit, via Internet Filme und TV-Sendungen in Kinoqualität zu schauen.
Damit diese Technologien gut funktionieren, ist eine entsprechend schnelle Verbindung notwendig. Die wachsende Zahl an Homeoffice-Mitarbeitern, aber auch von Onlineshops mit einem großen Volumen an Foto- oder sogar Video-Uploads durch die Händler erfordern ebenfalls Bandbreite.
Auch Privatleute nutzen das Netz immer intensiver. So ist es zum Beispiel üblich, dass zu bestimmten Tageszeiten jedes Familienmitglied online ist und irgendetwas anderes im Internet erledigt. Doch das wichtigste an der Breitbandzukunft sind die vielen tausend Anwendungen, die heute noch niemand kennt und die ein echter Standortfaktor für die deutsche Wirtschaft sein können - wenn die notwendige Infrastruktur gebaut wird.
Bildquelle: Sommaruga Fabio / pixelio.de