Digitale Zukunft

„Die größte Herausforderung ist der aktuelle Generationenwandel“

Im Interview erläutert Sirko Schneppe, Chief Customer Officer (CCO) bei Diva-e, warum die Digitalisierung zu wichtig ist, um akute Herausforderungen noch länger aufzuschieben.

Digitale Zukunft

Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker Mirko Schneppe verantwortet als CCO die Bereiche „Vertrieb“, „Marketing“ und „Partnerschaften“ sowie die strategische Entwicklung der Diva-e.

ITD: Herr Schneppe, wie läuft es aktuell in Sachen „Digitalisierung“ von Wirtschaft und Gesellschaft? Wo liegen die größten Herausforderungen?
Schneppe: Insgesamt sind wir immer noch am Beginn der Möglichkeiten. Gleichzeitig werden neue Initiativen immer auch digital mitgedacht und mit digitalen Kanälen versehen – etwa in der öffentlichen Hand, im Kulturbetrieb, im Tourismus. Energieversorger haben mittlerweile Online-Portale zur Übermittlung des Zählerstands und Unternehmen haben digitale Vertriebswege aufgebaut. Auf der anderen Seite erschweren die strengen Datenschutzkriterien eine schnellere Entwicklung in der öffentlichen Hand – teilweise verständlich (zum Beispiel bei sensiblen Daten), teilweise ahnt man jedoch bereits, dass vieles in ein paar Jahren wieder abgeschafft oder stark verändert wird und damit Zeit verlorengeht. Jeder sollte aufgeklärt sein, aber selbst entscheiden können, welche Daten er preisgibt, und Datenschutzrichtlinien dürfen nicht die Innovationskraft zunichtemachen.

Die größte Herausforderung ist aber in meinen Augen der Generationenwandel: Heutzutage besetzen die meisten Leitungspositionen noch Menschen, die zwar mit dem PC aufgewachsen sind, die aber das „Internet“ nur als „E-Mail“ verstehen – quasi als Ersatz für das Fax. Sie unterschätzen die Möglichkeiten und fokussieren auf die Risiken, um sich dieser Herausforderung nicht mehr stellen zu müssen. Wie soll da die Digitalisierung eine Priorität erlangen? Gleichzeitig haben wir sehr initiative Menschen, die jedoch aus Angst vor Datenschutzproblemen und öffentlichkeitswirksamen Fehlern zu wenig unternehmen, von dem sie grundsätzlich überzeugt wären. Zurzeit haben wir eine immens schnelle Entwicklung, die gerade durch die aktuelle KI-Innovationswelle kaum Zeit zum Aufholen lässt. Das ist anders als von 1985 bis 1995, als der PC seinen Siegeszug antrat und man sich in einer ganzen Dekade drauf einstellen konnte. Die jetzige Führungsriege wird noch im Amt sein, wenn die Welle richtig anrollt, die mittlere Generation der 35- bis 45-Jährigen verliert, da sie kaum Schritt halten kann, und erst die Enkelgeneration der heutigen Abiturienten und Studienanfänger wird schlussendlich profitieren.

ITD: Was sind aus Ihrer Sicht die treibenden Motive deutscher Unternehmen, sich digitaler aufzustellen?
Schneppe: Hier würde ich vor allem folgende Punkte anführen:

  • Kosteneinsparung von Prozesskosten im Vertrieb: weniger Personal, mehr Self-service durch den Kunden, mehr internationale Reichweite.
  • Geschwindigkeit und Personaleinsatz im Kundenservice: besserer Zugang zu Produktinformationen bspw. Konfigurationen und Ersatz-/Komplementärprodukten, schnellere Hilfe für den Kunden, ggf. Ausgleich fehlenden Expertenwissens der Kundendienstmitarbeiter
  • Wettbewerb: Gefahr der Kundenabwanderung, wenn Konkurrenzunternehmen digital moderner aufgestellt sind und auch international online agieren
  • Sichtbarkeit: Suchmaschinen weisen in jüngeren Generationen die größte Bedeutung bei der Suche nach passenden Anbietern und Lieferanten auf. Wer hier nicht gefunden wird, verliert.
  • Erwartungsdruck der Kunden: Kunden erwarten mittlerweile gewisse digitale Angebote, bspw. um einen Kundendienst oder einen Wartungstermin zu vereinbaren, Ersatzteile zu bestellen oder Datenänderungen zu übermitteln
  • Buchhaltung: viele Prozesse erfolgen nur noch elektronisch durch Dokumentenaustausch, die Qualität und Geschwindigkeit erhöhen sich.

ITD: Inwieweit wirken sich die aktuellen Krisen und Unsicherheiten (Ukraine-Krieg, Inflation, etc.) auf aktuelle Digitalisierungsvorhaben aus?
Schneppe: Je nach Branche unterschiedlich – je nachdem, ob die jeweilige Branche sich stärker betroffen fühlt oder die Einflüsse spürbar sind. Anders als zur Finanzkrise werden die Initiativen aber nicht gestoppt, sondern lediglich verschoben und kurzfristig pausiert, bis sich wieder Sicherheit einstellt oder am Horizont Entspannung sichtbar wird. Digitalisierung ist auf allen Ebenen zu wichtig geworden, um sie langfristig aufzuschieben, und viele allgemeine Investitionen benötigen digitale Komponenten und eine entsprechende IT-Architektur, um überhaupt zu funktionieren. Selbst der Bau einer Lagerhalle ist heutzutage ohne digitale Ansätze nicht mehr möglich.

ITD: Inwieweit sehen Sie die Digitalisierung durch den Fachkräftemangel gefährdet?
Schneppe: Natürlich gibt es immer Engpässe bei gerade groß anlaufenden Technologien wie Adobe und Salesforce oder neuen Technologietrends wie Data Analytics, KI, etc. Hier gibt es in der Regel anfangs zu wenig Fachpersonal in den Unternehmen. Insgesamt wirkt sich dies jedoch meines Erachtens weniger aus, als vermutet, denn der Arbeitsmarkt ist durchlässig. Es gibt im In- und Ausland immer Personal und Dienstleister, die liefern könnten; jedoch ist die Personalbeschaffung im Ausland mit einigen Mühen verbunden. Manche Unternehmen schrecken hier vor Sprachbarrieren oder möglichen Qualitätsmängeln zurück. Nach meiner Erfahrung beginnt der Arbeitskräftemangel eher beim angestammten Personal, welches innerbetrieblich die digitalisierten Projekte steuern soll. Hier gibt es schlicht zu wenig qualifizierte Fachkräfte, die Betriebliches mit Digitalem in Einklang bringen. Je mehr die Technologie zum Wettbewerbsfaktor wird, umso gezielter sollte man hier auch intern personell nachrüsten und sich informiert halten – insbesondere auf der Management-Ebene und bei Strategieentscheidungen.

ITD: Immer wieder wird diskutiert, dass Informatik im deutschen Schulunterricht eine viel stärkere Rolle spielen sollte, gar Pflichtfach sein müsste. Welche Rolle spielt das Know-how von Fachkräften tatsächlich beim Thema „Digitalisierung“?
Schneppe: Informatik ist die Wissenschaft bzw. die Grundlage von allem Digitalen, aber solche Grundlagen sind oft nicht das, was man im Alltag benötigt. Vielmehr braucht man Verständnis für die möglichen Anwendungsfälle und die Vielzahl an betrieblichen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können.

Was die heutige Informatik lehrt, das Programmieren, wird in wenigen Jahren durch KI überflüssig werden. Dann werden Menschen, die programmieren, Datenbanken aufbauen oder Rechnerarchitekturen kennen, viel weniger gebraucht. Es sollte deshalb vielmehr ein Pflichtfach sein, die globalen IT- und Digitalisierungstrends zu erfassen, deren Anwendungsmöglichkeiten für eine bessere Zukunft und die Gefahren zu kennen. Nicht nur IT, sondern Biotech, KI, Metaverse, Kommunikation – gewissermaßen ein neu aufgesetztes Fach „Wirtschaft & Soziales“ unter digitalen Gesichtspunkten. Leider ist ein großer Teil des Lehrkörpers hierfür nicht ausreichend ausgebildet, und der Lehrermangel tut sein Übriges. Gegebenenfalls wäre es ein Ansatz, mit externen Lehrorganisationen zusammenzuarbeiten, die auf die digitale Entwicklung spezialisiert sind.

ITD: Welche Strategien sollten Unternehmen und Behörden jetzt verfolgen, um die Hürden bei der Digitalisierung zu überwinden?
Schneppe: Jedes Unternehmen, jede Organisation muss sich hier eine Strategieabteilung oder ein Team leisten, welches die technologische Entwicklung außerhalb der Kernwertschöpfung beobachtet und daraus eigene Strategien und Investitionsprojekte ableitet (oder eine externe Beratung hinzuholen). Es geht hierbei nicht um die Produktentwicklung, denn Unternehmen sind in der Regel durch Fachkonferenzen und andere Angebote sehr gut darüber informiert, welche Neuheiten es in der eigenen Branche gibt und welche Anwendungsfälle für Ihre Produkte sich daraus ergeben. Woran es fehlt, ist der Blick auf die indirekten Einflüsse auf das Unternehmen: Die Frage, wie und wann KI ihre betrieblichen Prozesse beeinflussen wird, können nur wenige Unternehmer zielführend beantworten. Doch für Ansätze, wie KI für die eigenen Produkte und deren Weiterentwicklung eingesetzt werden kann, gibt es fast überall Experten und Produktmanager, die darauf sehr gute Antworten haben.

Bildquelle: Diva-e

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