„Als Gesellschaft müssen wir es schaffen, mehr Frauen für die IT-Branche zu begeistern“, betont Nadine Riederer von Avision.
ITD: Frau Riederer, warum hat sich Ihrer Ansicht nach das Image der IT-Jobs in den letzten Jahrzenten von typisch weiblich zu typisch männlich gewandelt?
Nadine Riederer: Das hat mehrere Gründe: Auch wenn man es sich heute kaum noch vorstellen kann – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also in der Frühzeit der Computerentwicklung, gaben Frauen über Jahre hinweg den Ton in der IT an. Die Mathematikerin und Physikerin Grace Hopper beispielsweise tüftelte am ersten programmierbaren Digitalrechner, dem Mark I, erfand den Compiler und entwickelte Programmiersprachen. Auch an dem Nachfolger des Mark I, der Eniac, waren Frauen maßgeblich beteiligt. Bei dessen offizieller Vorstellung 1946 hat man allerdings nur die an dem Projekt beteiligten Männer gewürdigt, die sechs Mathematikerinnen blieben unerwähnt. Das spiegelt das Verständnis der damaligen Zeit wider – Programmieren war als Arbeit für Bürokräfte mit niedrigem Status gedacht, also für Frauen.
Dieses Bild hat sich gewandelt, Programmieren gilt inzwischen als „anspruchsvolle“ wissenschaftliche Arbeit. Und je mehr Männer in der IT-Branche Karriere gemacht haben, desto weniger wurde die Arbeit von weiblichen Experten etwa in wissenschaftlichen Publikationen gewürdigt. Dadurch fehlen die großen Vorbilder. Fragen wir heute bei unseren Einstellungsgesprächen junge Menschen nach Vorreitern in der IT, fallen ausschließlich männliche Namen. Sind Wissenschaftlerinnen allerdings in Publikationen und gerade in Schulbüchern unterrepräsentiert, wird schnell der Eindruck vermittelt, dass MINT-Berufe eben typische Männerberufe sind. Hinzu kommt das Image des Nerd, der ständig vor dem Computer sitzt, zwischen vielen leeren Pizzakartons, und mit niemandem spricht. Das schreckt junge Mädchen und Frauen natürlich ab. Dabei suchen wir heute Entwickler, die mit dem Kunden die Wünsche besprechen, Alternativen bewerten und am Ende richtig coole Programme erstellen, die die Welt ein bisschen besser machen.
ITD: Wie hoch ist der derzeitige Frauenanteil unter den deutschen IT-Experten?
Riederer: Viel zu niedrig. Der letzten Studie des Branchenverbands Bitkom zufolge liegt der Anteil der Frauen unter den IT-Fachkräften bei lediglich 17 Prozent. Bei einem Prozentpunkt weniger – also 16 Prozent – sieht Eco, der Verband der Internetwirtschaft, in seiner Untersuchung den Frauenanteil. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Angesichts des massiven Fachkräftemangels in der IT-Branche suchen auf der anderen Seite fast alle Unternehmen händeringend nach qualifizierten Mitarbeiterinnen.
Für unser Unternehmen trifft das übrigens nicht zu. Wir haben einen Frauenanteil von 30 Prozent – was trotzdem noch zu wenig ist. Aber wir liegen damit deutlich über dem Durchschnitt der IT-Unternehmen. Wirft man einen Blick in die Software-Entwicklung, sind es 28 Prozent Frauen, die bei uns arbeiten. Ihr Anteil in der reinen Programmierung lässt sich schwer ermitteln, da bei uns die Aufgaben im Projekt vielschichtig und fließend sind. Darüber hinaus freuen wir uns in einigen Teams sogar ausdrücklich über männliche Bewerber.
ITD: Warum ist das Programmieren definitiv Frauensache?
Riederer: Aus Sicht der Frauen – weil Developer heutzutage aus einer Fülle an interessanten und abwechslungsreichen Jobangeboten auswählen können. Das gilt ganz allgemein für die IT-Branche. Der Beruf ist aber nicht nur vielfältig, er bietet auch eine ausgesprochen gute Bezahlung bei gleichzeitig hoher Flexibilität in der Gestaltung des Arbeitsalltags. Damit können Frauen Familie und Beruf viel besser unter den Hut bringen, als es in den meisten Industrien überhaupt möglich ist.
Unternehmen wiederum können es sich einfach nicht leisten, auf die Hälfte der deutschen Bevölkerung zu verzichten – gerade vor dem Hintergrund, dass zahlreiche offene Stellen nicht besetzt werden können. Wer als Firma Frauen unter den Bewerbern nicht berücksichtigt, der verschenkt 50 Prozent des Potenzials. Und zwar auch in Hinsicht auf die Vorteile diverser Teams. Natürlich bringen Frauen abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit dieselben Voraussetzungen für einen Job in der IT-Branche mit wie Männer. Darunter zählen z.B. beim Programmieren logisches Denken und Abstraktionsvermögen. Sie haben aber oftmals einen anderen Blickwinkel auf eine Problemstellung und bringen andere Lösungsvorschläge ein. Und selbst wenn es etwas klischeehaft klingt, so verfügen Frauen in der Regel über eine bessere Kommunikationsfähigkeit und eine größere Empathie.
In der Software-Entwicklung ist es neben dem reinen Codieren wichtig, dass man versteht, was der Kunde möchte – sozusagen den Nerv trifft. Das setzt voraus, verschiedene Alternativen zu betrachten und unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen. Ein erfolgreiches Team sollte daher möglichst divers sein. Zahlreiche Studien belegen, dass gemischte Teams besser arbeiten als homogene Teams und auch bessere Ergebnisse erzielen.
ITD: Welchen Stellenwert schreiben Sie Kampagnen von Politik und Wirtschaft zu, um Mädchen und Frauen für MINT-Fächer und -Berufe zu begeistern?
Riederer: Politik und Wirtschaft stecken viel Geld in Kampagnen, um Mädchen und Frauen für MINT-Fächer und -Berufe zu begeistern. Diese Kampagnen sind sehr wichtig, um Veränderungen voranzutreiben, und haben auf jeden Fall einen Effekt. So ist die Zahl der weiblichen Studierenden in den MINT-Fächern gestiegen – von rund 15 Prozent in den 1970er-Jahren auf inzwischen 30 Prozent. Aber die Frage ist, wo und wann wir bereits die Motivation erhöhen müssen. Die Mädchen erst anzusprechen, wenn sie kurz vor der Berufswahl stehen, ist meiner Meinung nach zu spät. Es muss vielmehr bereits im Kindesalter damit begonnen werden. Ich würde mir z.B. wünschen, dass das Bild des Programmierers – natürlich auch anderer MINT-Berufe – schon in Kindersendungen jenseits von typischen Frauen- oder Männerdomänen vermittelt wird. Warum nicht Checker Tobi oder Barbie als Programmiererin bzw. Chemikerin über den Bildschirm schicken. Eine genauso wichtige Rolle nimmt das familiäre Umfeld ein. Untersuchungen zeigen, dass für die Berufswahl junger Menschen die Schule zwar nicht unwichtig ist, den größten Einfluss haben aber Eltern, Großeltern und Freunde. Deshalb braucht es Familien, die den Mädchen die Möglichkeit und Chancen solcher Berufe aufzeigen.
ITD: Was muss weiterhin passieren, damit sich die Rolle der Frau im IT-Bereich anno 2021 wandeln wird?
Riederer: Auch wenn es banal klingt – es muss zur Normalität werden, dass Frauen in der IT arbeiten. Bei uns ist es bereits so, in vielen anderen Unternehmen allerdings nicht. Drei Punkte sind wichtig: Erstens muss sich das Berufsbild ändern, damit meine ich vor allem die Wahrnehmung durch Branchenfremde. Zweitens brauchen wir mehr weibliche Vorbilder an vorderster Front, damit das Bild der Frau in der IT nichts Außergewöhnliches ist. Und zu guter Letzt gibt es immer noch Situationen, in denen Frauen nicht mit demselben Respekt wie Männer behandelt werden. Das muss sich ändern, ansonsten vergraulen wir gut ausgebildete Entwicklerinnen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Als Gesellschaft müssen wir es schaffen, mehr Frauen für die IT-Branche zu begeistern, das Können dafür haben sie. Zudem müssen Politik, aber auch Unternehmen die Berufstätigkeit von Frauen stärker unterstützen, indem z.B. mehr Betreuungsmöglichkeiten für Kinder geschaffen werden. Ich persönlich habe sehr viel Glück gehabt, dass ich einen der begehrten Hortplätze für meinen kleinen Sohn bekommen habe. Gerade Corona hat gezeigt, dass die Mehrbelastung in punkto Kinderbetreuung und Homeschooling in der Regel an den Müttern hängenbleibt und es längst noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter gibt.
Bildquelle: Avision