Viele Rohstoffe für elektronische Bauteile sind in der Regel nicht nachhaltig. ((Bildquelle: Pixabay))
Um die Tech-Branche nachhaltiger zu gestalten, braucht es branchenweite Standards für kreislauffähige Elektronikprodukte. ((Bildquelle: Dell Technologies))
Nachhaltigkeit ist heutzutage eine Top-Priorität quer durch alle Branchen. Unternehmen sehen sich von Stakeholdern wie Kunden, Politik und Investoren mit steigenden Anforderungen konfrontiert, deren Erfüllung als grundlegender Erfolgsfaktor für eine lebenswerte Zukunft gilt. Der hierzulande am häufigsten diskutierte Aspekt ist dabei der Umweltschutz: Es geht um die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks, Wasserverbrauchs, schwer abbaubarer Verpackungen und verschwenderischer Prozesse in allen Teilen der Lieferkette.
Die Tatsache, dass gegenwärtig die Zahl der Menschen auf der Erde Jahr für Jahr um rund 83 Millionen wächst, erhöht den Druck. Rein rechnerisch bedeutet dies nämlich, dass bis 2050 mehr als 2 Milliarden zusätzliche Menschen über Kaufkraft verfügen, was die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen erhöht. Schon jetzt werden die natürlichen Systeme aber weit über ihre Grenzen hinaus beansprucht. Der sogenannte Erdüberlastungstag, an dem die nachhaltig nutzbaren Ressourcen aufgebraucht sind, fällt in diesem Jahr auf den 29. Juli – danach lebt die Welt sozusagen auf Pump. Industrie und Regierungen müssen deshalb zusammenarbeiten, um das Angebot auf ökologisch nachhaltige Weise zu erzeugen.
Eine wichtige Rolle im Bestreben nach mehr Nachhaltigkeit nimmt die Tech-Branche ein: Mit Smart Grids etwa wird eine intelligente Versorgungsstruktur geschaffen, die verschiedene Energieformen automatisch miteinander verbindet und so die Netzeffizienz verbessert. Autonomes Fahren hat in Kombination mit einer intelligenten Verkehrssteuerung das Potenzial, den Straßenverkehr umweltfreundlicher und gleichzeitig sicherer zu machen. In der Landwirtschaft wiederum helfen intelligente Sensoren, durch eine präzise Düngung und Wässerung Ressourcen einzusparen. Die industrielle Abwärme, die insbesondere von Rechenzentren erzeugt wird, ist geeignet, das Defizit in der Fernwärmeversorgung, das durch die Abschaltung der Kohlekraftwerke entsteht, auszugleichen. Fakt ist, dass in Deutschland bis 2030 mit Hilfe von digitalen Technologien einer Bitkom-Studie zufolge bis zu 290 Megatonnen CO2-Äquivalent eingespart werden können. Das würde etwa 37 Prozent der prognostizierten Treibhausgas-Emissionen des Jahres 2030 entsprechen.
Auf der anderen Seite belastet jedes neue IT-Produkt zunächst einmal die Umwelt. Die Technikbranche hängt stark von wertvollen Rohstoffen wie seltenen Erden, Lithium oder Platin ab, die oftmals nicht nachhaltig sind und einen hohen Energie- und Wasserverbrauch bei der Gewinnung mit sich bringen. Das Ziel muss deshalb sein, so viele Ressourcen wie möglich aus nachhaltigen Quellen zu beziehen und verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen. Und das beinhaltet nicht zuletzt eine längere Produktlebensdauer durch die Möglichkeit von Reparatur und Aufrüstung sowie einen geschlossenen Recycling-Kreislauf.
Recycling klingt zunächst einmal nach einem einfachen Prozess – und für manche Materialien wie Wasserflaschen ist es das heute mehr oder weniger auch. Bei elektronischen Geräten wie Notebooks sieht das allerdings ganz anders aus, wie die vom Weltwirtschaftsforum ins Leben gerufene „Platform for Accelerating the Circular Economy“ (PACE) festgestellt hat: Laut dem Report „A New Circular Vision for Electronics“ macht Elektroschrott zwar nur 2 Prozent der festen Abfallströme, aber rund 70 Prozent des gefährlichen Abfalls aus, der auf den Deponien landet. Immerhin können in komplexen Technikteilen bis zu 60 Elemente aus dem Periodensystem stecken, was die Arbeit mit recycelten Materialien erschwert. Umso wichtiger ist es, diese Stoffe – wenn das Produkt das Ende seines Lebenszyklus erreicht hat – wieder in den Kreislauf zu bringen und E-Schrott in brauchbares Material für neue Komponenten umzuwandeln. Eine einfache Demontage und ein minimaler Einsatz von Klebstoff und Schrauben sind dabei Voraussetzung, um die Arbeit der Recyclingindustrie zu erleichtern.
Gleichzeitig geht es darum, alternative Materialien für die Stoffe zu finden, bei denen der Kreislauf nicht oder nur schwer zu schließen ist. So können zum Beispiel recycelte Kohlefasern aus der Luft- und Raumfahrtindustrie als Polycarbonat-Basis für die Herstellung von Laptops verwendet werden. Eine andere Alternative sind Laptopdeckel aus Bio-Kunststoffen, die aus Baumabfällen bei der Papierherstellung gewonnen werden.
Natürlich ist Nachhaltigkeit kein Selbstläufer – sie muss von den Verbrauchern gelebt, von Unternehmen aktiv betrieben und von der Politik flankiert werden. Nur so lässt sich der „Rebound-Effekt“ vermeiden, der entsteht, wenn der Konsum die Umweltvorteile von Innovationen wieder zunichte macht. Deshalb braucht es branchenweite Standards und gemeinsame Definitionen für kreislauffähige Elektronikprodukte und -dienstleistungen.
Ein erster Schritt auf internationaler Ebene ist die Circular Electronics Partnership (CEP), die sich zum Ziel gesetzt hat, ein Forum für die Zusammenarbeit zu schaffen und Wege zu skizzieren, die für das Vorantreiben der Kreislaufwirtschaft wichtig sind. Ende 2020 hat sich das EU-Parlament zudem in einer richtungsweisenden Abstimmung für ein Verbraucherrecht auf Reparatur ausgesprochen – mit dem Ziel, eine geplante Obsoleszenz von Produkten zu vermeiden. Erste Länder wie Frankreich haben mit dem sogenannten Reparatur-Index für elektronische Geräte bereits konkrete Maßnahmen umgesetzt.
Darüber hinaus würde auf Herstellerseite eine weltweite Harmonisierung von Vorschriften zur Sicherstellung eines ethischen und verantwortungsvollen Transports von Materialien über Grenzen hinweg dazu beitragen, dass diese vermehrt zur Wiederverwendung eingesetzt werden. Parallel dazu gilt es, die Nachfrage nach entsprechenden Produkten anzukurbeln. Die öffentliche Hand beispielsweise verfügt über eine enorme Marktmacht, was ihre Investitionen in IT betrifft. Und obwohl die EU bereits vor Jahren ein Rahmenwerk geschaffen hat, das eine umweltfreundlichere Einkaufspolitik fördert, nutzen viele Stellen diese Möglichkeit bislang nicht.
Nachhaltigkeit ist längst kein Trend mehr, sondern eine Notwendigkeit. Erfolgreiche Unternehmen verstehen es, die Wechselwirkungen zwischen Wertschöpfungsketten und Umwelt effizient zu managen. Es geht darum, neue Denkweisen zu kultivieren, Innovationen zu nutzen und eine Plattform für neue Technologien zu schaffen, um einige der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft zu lösen.