Digitalisierung in Deutschland

„Die Migration in die digitale, resiliente Umgebung ist entscheidend“

Netzausbau und Digitalisierung liegen für Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und CEO T-Systems, in Deutschland auf einem deutlichen Wachstumskurs. Damit steigen jedoch auch die Anforderungen an Sicherheitsaspekte und Flexibilität.

Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und CEO T-Systems

„Elementar wichtig sind auch die Security-Lösungen. Daher denken wir Security von Anfang an mit, basierend auf den hohen Sicherheitsstandards der Deutschen Telekom“, so Adel Al-Saleh.

ITD: Herr Al-Saleh, wie beurteilten Sie den Stand der Digitalisierung in Deutschland mit Blick auf Breitbandausbau, Netzabdeckung, Unternehmensinvestitionen?
Adel Al-Saleh:
Für die Digitalisierung ist ein verlässliches Netz die Basis. Allerdings ist Digitalisierung nicht mit Netzausbau gleichzusetzen. Es geht vielmehr darum, das Geschäft in eine neue, moderne, sichere und resiliente Umgebung zu bringen. Da sind viele Unternehmen noch am Anfang. Die haben in der Corona-Krise gespürt, wie wichtig Resilienz und ein digitales Geschäftsmodell sind. Dadurch hat die Digitalisierung einen Schub erfahren. Zum Beispiel im Gesundheitswesen mit Videosprechstunden oder der Corona-Warn-App. Die digitale Umgebung, die Cloud, bietet unzählige Vorteile. Angefangen bei einer höheren Flexibilität und steigenden (Reaktions-)Geschwindigkeiten, über mehr Automatisierung bis hin zu steigender Innovation. Das verlangt natürlich auch neue Security-Ansätze. Der Rückzug ins Homeoffice macht viele Unternehmensnetze anfälliger. Daher unterstützen wir unseren Kunden bei der Transformation in die Cloud und liefern die richtigen Security-Lösungen direkt mit.

ITD: In welchen Segmenten sind Ihrer Meinung nach besonders hohe Investitionen notwendig, um Deutschland zum digitalen Vorreiter zu machen?
Al-Saleh:
Im „Rennen“ um die digitale Infrastruktur können wir die großen Player nicht einholen. Dafür investieren Unternehmen wie AWS oder Microsoft zu viel. Unsere große Chance liegt hingegen in der Migration der Industrie in die digitalen Umgebungen. Darin, Unternehmen in die Cloud zu bringen und so ihre Geschäfte zu digitalisieren. Dafür haben wir unter anderem Partnerschaften mit AWS, Microsoft und Google abgeschlossen, setzen aber auch auf souveräne Cloud-Lösungen wie Gaia-X. Wir bieten einen Multi-Cloud-Ansatz, der Unternehmen hochautomatisiert in die für sie optimale Cloud-Umgebung migriert. Dafür investieren wir immense Summen in die Schulung unserer Mitarbeiter. Derzeit schulen wir Tausende, damit sie unsere Kunden sicher in die Cloud führen.

ITD: Wie verläuft der 5G-Ausbau Ihrer Meinung nach?
Al-Saleh:
Der Rollout in Deutschland verlief schneller als erwartet. 5G ist inzwischen für mehr als 66 Millionen Menschen (>80% der Bev.) verfügbar. Unser Glasfasernetz ist auf 600.000 Kilometer gewachsen. Diese Zahlen sind Stand Ende März. 5G ist insbesondere für die Digitalisierung der Industrie von Bedeutung. Um die riesigen Mengen an Daten, die durch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung der Industrie entstehen, zu händeln, spielen bessere Konnektivität, geringere Latenz und Sicherheitsaspekte eine große Rolle. Daher treiben wir beispielsweise den Aufbau von Campusnetze voran. Erst kürzlich haben wir eine Partnerschaft mit Ericsson bekannt gegeben, die die weltweite Einführung von 5G-Campusnetzen beschleunigen soll. Mit der Messe Hannover bauen wir jetzt 5G für das größte Messegelände der Welt.

ITD: Mit welchen Technologien könnte man die Abdeckung steigern? Gibt es praktikable Alternativen zum 5G-Ausbau?
Al-Saleh:
Für die derzeitigen Anwendungsgebiete von Privatpersonen ist LTE normalerweise völlig ausreichend. Für die Digitalisierung der Industrie – insbesondere, wenn es um Automatisierung geht – das Gesundheitswesen, die virtuelle Realität und auch Landwirtschaft verspricht 5G bedeutende Fortschritte in der Digitalisierung. Bessere Konnektivität, geringe Latenz und Sicherheitsaspekte spielen hier eine große Rolle, um die immens steigenden Datenmengen zu verarbeiten. Wir engagieren uns auch in diesem Bereich und treiben den weltweiten Aufbau von 5G-Campusnetzen weiter voran.

ITD: 2019 lag die Abdeckung mit Glasfaserabdeckung in Deutschland bei 11 Prozent und damit erheblich hinter den meisten europäischen Nachbarländern. Wie sehen Sie die Entwicklung der Glasfaser-Abdeckung bis in Gebäude?
Al-Saleh:
Die Deutsche Telekom verlegt pro Jahr über 50.000 Kilometer Glasfaser. Das ist mehr als jeder andere Wettbewerber. Mit aktuell mehr als 550.000 Kilometern vertreiben wir zudem das größte Glasfasernetz in Europa. Wir verfolgen dabei einen schrittweisen Ansatz. Um voranzukommen haben wir zunächst auf Glasfaser bis zum Verteilerkasten an der Straße gesetzt. Jetzt bauen wir das Schritt für Schritt in die Häuser aus. Unser Ziel als Telekom ist es, dass jeder Haushalt bis 2030 einen Glasfaseranschluss bis in den Haushalt bekommt. Beim Glasfaser-Ausbau stehen aber auch unsere Wettbewerber in der Pflicht.

ITD: Es gibt einige Beispiele für deutsche Start-ups, die die Digitalisierung in Deutschland vorantreiben könnten? Gibt es Leuchtturmprojekte, die auch international relevant sind?
Al-Saleh:
Für uns war 2020 die Corona-Warn-App ein Leuchtturmprojekt . Sie ist ein Musterbeispiel für die Digitalisierung einer komplexen, kritischen Prozesskette. Die App hat innerhalb weniger Monate 25 Millionen Nutzer gefunden. Damit war sie Spitzenreiter in den Download-Charts.
Ein anders hervortretendes Thema für Deutschland als Industrienation liegt in der Migration in die Cloud. 94 Prozent der Unternehmen sind auf Cloud-Anbieter angewiesen, um ihre Geschäfte erfolgreich zu führen. Die digitale Umgebung bietet insbesondere mehr Flexibilität und eine höhere Resilienz. Zum Beispiel dann, wenn innerhalb weniger Tage die Produktion von Desinfektionsmitteln von einem anderen Kontinent wieder nach Deutschland verlagert werden muss. Heute steht jedoch der Großteil der Unternehmen noch am Anfang ihrer digitalen Transformation. Wir müssen die Industrie dabei unterstützen, ihre Geschäfte in die Cloud zu bringen, sodass sie das volle Potential der Digitalisierung ausschöpfen können. Dabei verfolgen wir den Ansatz „Public Cloud First“ und bieten hybride Cloud-Lösungen an. Sie sind flexibel an die Geschäfte unserer Kunden anpassbar. Elementar wichtig sind auch die Security-Lösungen. Daher denken wir Security von Anfang an mit, basierend auf den hohen Sicherheitsstandards der Deutschen Telekom.

ITD: Welche Digitalisierungsprojekte haben Ihrer Meinung nach hierzulande in Zukunft die höchste Priorität? Auf welchem Stand wird die Technologie Ihrer Meinung nach in fünf bis zehn Jahren sein?
Al-Saleh:
Die Migration in die digitale, resiliente Umgebung ist entscheidend. Eine Studie von Forrester aus dem Jahr 2019 hat ergeben, dass 49 Prozent der befragten Unternehmen noch am Anfang ihrer digitalen Transformation stehen. Hier wird sich in den nächsten Jahren viel tun. Meine Prognose ist, dass bereits in zwei bis drei Jahren 50 Prozent aller Prozesse und Daten in der Public Cloud wiederzufinden sind. Mit der zunehmenden Vernetzung im Zuge von Industrie 4.0 und Internet of Things wächst auch der Bedarf an Sicherheitslösungen. Denn nun geraten auch die sogenannten OT-Systeme, also Maschinen und Anlagen, ins Visier von Hackern. Hier hat Deutschland mit seiner ausgeprägten Fertigungsindustrie große Chancen auf eine Vorreiterposition.

Bildqelle: Deutsche Telekom AG

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