Nicht nur dem Bildungswesen, sondern auch der öffentlichen Verwaltung hat die Corona-Pandemie den Spiegel vergangener Versäumnisse vorgehalten.
„Denk ich an Digitalisierung in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“ – und tatsächlich, folgt man der medialen Berichterstattung über den Digitalisierungsgrad der Bundesrepublik, könnte man meinen, Heine hätte in seinen „Nachtgedanken“ seine Tränen ebenso gut über Deutschlands digitale Missstände vergießen können. Die deutlichste Kritik erfahren derzeit u. a. die Bereiche „Schule“ und „öffentliche Verwaltung“. Dass es so einfach jedoch nicht ist, erklärt Ronald de Jonge, Business Unit Director Next Public bei Sopra Steria: „Wenn vom ‚digitalen Rückstand‘ die Rede ist, sehen Kritiker meines Erachtens nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Deutschland ist bei der Digitalisierung weitaus besser aufgestellt, als viele oftmals glauben – gerade auch im öffentlichen Sektor.“ Die Corona-Pandemie habe sehr deutlich gezeigt, dass der Staat funktioniere, resilient aufgestellt sei und die Digitalisierung durchaus beherrsche, auch wenn das Ziel natürlich noch nicht erreicht sei. Er plädiert für eine Gesamtschau: „Gerade der Föderalismus erweist sich bei der Digitalisierung durchaus als großer Vorteil, anders als oft behauptet wird.“ In den Ländern und Kommunen gebe es bereits heute viele spannende und hoch innovative Projekte. Als Beispiel führt der Experte einen digitalen Impfpass als Karte mit QR-Code an, den der Landkreis Altötting in Bayern schon im Januar eingeführt habe. „In Zukunft sollte es jedoch darum gehen, den bundesweiten Austausch zu und die Entwicklung von solchen Lösungen zu stärken, damit am Ende alle Regionen und Verwaltungsebenen gleichermaßen partizipieren können“, mahnt er an.
Jon Abele, Leiter Government und Public Sector bei Bearingpoint, bewertet diesen Punkt ganz anders: „Der ,digitale Rückstand‘ in Deutschland kann pauschal konstatiert werden und er ist auch objektiv messbar“, stellt er klar. Ziehe man etwa den E-Government Development Index (EGDI) der Vereinten Nationen heran, stelle man fest, dass Deutschland dort nicht zu finden sei – angezeigt werden dort nur die Top 20. „Vor uns finden sich Länder wie Zypern, Litauen oder Spanien“, ärgert er sich. Gleiches gelte für den E-Government Benchmark Report der EU, wo sich Deutschland im Mittelfeld befinde, „und das auch nur“, so Abele, „weil neben den 27 Mitgliedsstaaten u.a. Anrainer wie Montenegro, Serbien, Albanien und Nordmazedonien mitbetrachtet werden“.
„Die Digitalisierung als Prozess der Umwandlung in vielen Teilbereichen, die jeweils eine gesonderte Strategie erfordern“, so will es Daniel Breitinger vom Digitalverband Bitkom verstanden wissen. Der Bildungsexperte beobachtet diesen Prozess in verschiedenen Branchen und Lebensbereichen auf verschiedenem Niveau und mit einer unterschiedlichen Geschwindigkeit. Gerade der Stand der Digitalisierung in Schulen hänge sehr stark vom Engagement einzelner Lehrkräfte ab: „Um hier eine Strategie aufzuzeigen, brauchen wir dringend bundesweite Mindeststandards und einheitliche digitale Lösungen.“ Auch fordert er ein zentrales Online-Dashboard, das über den Stand der Digitalpaktumsetzung aufkläre und so transparent mache, wo man mit dem Infrastrukturausbau und anderen Digitalisierungsprozessen an Schulen steht. „So können wir zeigen, wo mehr Kooperation und Unterstützung nötig ist“, erklärt Breitinger.
Fest steht, dass „die Digitalisierung“ – selbst wenn man nur die beiden Bereiche „Bildung“ und „öffentlicher Sektor“ anschaut – hoch divers ist und unterschiedlichste Technologien, Strategien und Akteure umfasst. Wie also lässt sich eine seriöse Skala finden, an der sich der Digitalisierungsgrad in Deutschland messen lässt?
„Das Grundproblem ist“, so Joachim Rieß, Account Executive, Public Sector bei Dell Technologies Deutschland, „dass es im Bildungsbereich bisher keine verbindlichen Standards gibt.“ Auch der Anspruch und die Zielsetzung der verschiedenen Entscheidungsträger in den Bundesländern und Kommunen seien sehr unterschiedlich. Das sehe man z. B. schon an den bereitgestellten Plattformen für den digitalen Unterricht. „Die Ausstattung, die den Bildungseinrichtungen in den letzten Jahren zur Verfügung stand, war zum größten Teil schlicht mangelhaft. Diesen Rückstand kann man in ein bis zwei Jahren nicht so einfach aufholen“, kritisiert er.
Eine Saite, die auch Bitkom-Bildungsreferent Breitinger anschlägt: „Eine einheitliche Skala auf Makroebene lässt sich nur schwerlich finden, zu unterschiedlich sind hier die einzelnen Bedürfnisse und Ansätze.“ Das zeige sich bereits, wenn man nur das Schulsystem als Teilbereich betrachtet. Die Corona-Pandemie habe offengelegt, dass die digitale Bildung in Deutschland einem Flickenteppich gleicht. Eine Bitkom-Umfrage unter Eltern schulpflichtiger Kinder habe ergeben, dass acht von zehn den Föderalismus als Bremsklotz der Digitalisierung der Schulen sehen. Die Forderung seines Verbands: einen gemeinsamen Ansatz von Bund, Land und Schulträgern in Form einer „Föderalismus-Reform 3.0“, die einheitliche digitale Lösungen erarbeitet und Mindeststandards schafft. Der Bund brauche dringend mehr Kompetenzen, um Schulen unmittelbar dort zu verpflichten und zu unterstützen, wo diese Mindeststandards nicht erfüllt werden können, betont er. Was hingegen den öffentlichen Sektor angeht, vertritt Jon Abele eine deutliche Meinung: „Den Digitalisierungsgrad zu vergleichen und anhand objektiver Kriterien zu messen, ist weniger anspruchsvoll, als gemeinhin angenommen wird“, stellt der Bearingpoint-Experte fest. So nehme der EGDI Angebote von E-Services, Telekommunikationsinfrastruktur sowie die Fähigkeiten der Menschen zur Nutzung von E-Services in den Blick. Er selbst habe da das englische Sprichwort „The proof of the pudding is in the eating“ im Sinn. „Digitalisierung ist dann erfolgreich, wenn digitale Angebote von möglichst vielen genutzt werden.“ Erfreut nimmt er zur Kenntnis, dass diese pragmatische Sichtweise, den digitalen Fortschritt zu bewerten, auch in Politik und Verwaltung zunehmend Anhänger finde.
„Die Digitalisierung betrifft alle Bereiche des Lebens und damit selbstverständlich auch Schulen. Diese sogar besonders, da sie die nächste Generation fit für die Herausforderungen der digitalen Welt machen sollten“, stellt Dell-Fachmann Rieß gleich zu Beginn klar. Doch wer dieser Tage Lehrern, Auszubildenden oder Eltern in seinem Umfeld einmal genauer zuhört, bekommt etwas anderes zu hören. Kindern fehlt es an adäquater digitaler Ausstattung, Lehrer schicken via Whatsapp-Gruppenchat abfotografierte Kopien von Overhead-Projektor-Folien herum und wenn das Internet zu langsam ist, muss der Online-Unterricht gar ganz ausfallen. Das alles allein wirkt sehr improvisiert – das empfindliche Thema „Datenschutz“ einmal komplett ausgeklammert. Die genutzten Medien unterscheiden sich dabei nicht etwa bloß von Bundesland zu Bundesland, sondern sind sogar innerhalb einzelner Schulen und sogar Klassenverbände gang und gäbe. Da nimmt es wenig wunder, dass man hierzulande zurzeit verstohlen gen Norden blickt und zum Teil neiderfüllt finnischen Grundschülern dabei zusieht, wie sie ganz selbstverständlich ihre Tablets auspacken und sich in ihre Online-Lernportale einloggen. Die geringere Population spielt bei der Vorreiterrolle sicher eine Rolle, doch ausschlaggebend ist sie nicht.
„Die Digitalisierung hat in die finnischen Schulen schon viel früher Einzug gehalten als in die deutschen Schulen. Entsprechend waren sie auf den Fernunterricht auch besser vorbereitet und unser Nachholbedarf wurde deutlich“, berichtet Bitkom-Experte Breitinger. In Finnland stünden Schülern, die keine Endgeräte haben, genügend Leihgeräte zur Verfügung. Auch die Verwendung von digitalen Lernprogrammen sei bereits seit vielen Jahre fester Bestandteil des dortigen Schulalltags und in der Lernkultur verankert. „Das zeigt, dass digitale Bildung hier schon lange mehr bedeutet als die Digitalisierung von Folien der Tageslichtprojektoren“, merkt er an.
Auch aufgrund der Fläche und der großen Entfernungen seien Video-Tools in finnischen Klassenzimmern schon vor Jahren ein häufig genutztes Werkzeug gewesen, sagt Joachim Rieß von Dell. „Und die Breitbandversorgung ist in einem so großen Land mit geringer Bevölkerungsdichte einfach ein Muss“, konstatiert er. Hinzu kämen eine breite Akzeptanz und Offenheit der Bevölkerung gegenüber neuen Technologien, die man auch in anderen Bereichen, etwa der Telemedizin, beobachten könne.
Der Punkt „Breitband“ liegt auch Daniel Breitinger am Herzen: „In einem Schulgebäude bewegen sich gut und gerne mehr als 1.000 Menschen. Da kann man sich vorstellen, wie viel Bandbreite und Netzwerkkapazitäten benötigt werden, um eine vernünftige Anwendung digitaler Bildungsangebote zu garantieren.“ Man müsse insbesondere darauf achten, dass alle Schulen mitgenommen werden, gleich ob diese in der Stadt oder auf dem Land seien. „Eine schnelle Internetverbindung muss zur Grundausstattung gehören wie Tisch und Stuhl. Hier sprechen wir auch von Bildungsgerechtigkeit“, wird der Experte deutlich. Entscheidend sei zudem, dass die Lehrer in Finnland bereits in der Ausbildung auf den Umgang mit den Endgeräten und den digitalen Lernprogrammen vorbereitet werden, ergänzt Daniel Breitlinger. In die Curricula deutscher Lehramtsstudiengänge müssten dringend bundesweit die gleichen Kompetenzfelder für Medien und Digitalisierung eingeführt werden, drängt er, da nur so alle Lehrkräfte gut auf den Unterricht der Zukunft vorbereitet werden könnten.
Doch auch was die Hardware anbelangt, sind die Voraussetzungen denkbar suboptimal, findet Joachim Rieß: „Bis vor wenigen Jahren waren PCs in Schulen teils Spenden von Unternehmen, die alte Rechner dort abgegeben haben, weil diese besser waren als gar keine Rechner“, blickt er zurück. Wlan, Server oder auch einfache Storage-Systeme seien meist dem kreativen Jonglieren der Systembetreuer zu verdanken, hätten aber wenig mit Standards oder Ausfallsicherheit zu tun. Gerade jetzt fordert die Bundeskanzlerin, „die Schulen mit Hochdruck“ zu digitalisieren und dafür auch Geld in die Hand zu nehmen. Die Ausstattung habe sich zwar den letzten beiden Jahren auf Initiative der Politik verbessert, jedoch ließen sich die verpassten Jahre nicht einfach nachholen, indem man Geld zur Verfügung stelle, kritisiert Rieß. „Eine Klasse mit Endgeräten auszustatten, hilft nicht, wenn die komplette Infrastruktur dahinter, also Server, Storage und das passende Netzwerk, fehlen. Das sind die Bereiche der Digitalisierung, die als Grundvoraussetzung vorhanden sein müssen“, erläutert er. Die aktuellen Förderprogramme seien also allesamt Anschubfinanzierungen – so lobenswert dies sei, müsse man auch die Folgekosten bedenken. Er fordert zu einem neuen Lern- und Lehrverständnis auf: „Bildung und deren Digitalisierung kosten Geld – und das dauerhaft. Wenn man das einmal verstanden hat, wird man auch in zwei bis drei Jahren einen völlig anderen Ausstattungsgrad der Schulen sehen und die Vorteile der Digitalisierung spüren können.“
Nicht nur dem Bildungswesen, sondern auch der öffentlichen Verwaltung hat die Corona-Pandemie den Spiegel vergangener Versäumnisse vorgehalten. Doch wurden hier auch wichtige Impulse gesetzt. So habe die Bundesregierung mit einigen entscheidenden Gesetzen bereits eine rechtliche Grundlage für die Digitalisierung geschaffen, sagt Jon Abele von Bearingpoint. Dazu zählt der Experte das Online-Zugangsgesetz, das zweite Open-Data-Gesetz, das Smart-ID-Gesetz sowie das Registermodernisierungsgesetz. „Diese Gesetze werden derzeit umgesetzt und zeigen für Insider bereits wesentliche Fortschritte. Dennoch wird auch nach 2022 noch sehr viel zu tun bleiben, um die Chancen der Digitalisierung zu heben“, gibt Abele sich verhalten optimistisch.
Doch gibt es im öffentlichen Sektor strukturelle Faktoren, die gewisse Digitalisierungsprozesse erschweren. „Gerade Bereiche, die auch bisher wenig gesteuert werden und weit entfernt von privatwirtschaftlichen und agilen Strukturen sind, wie Bildung, Gesundheit und öffentliche Sicherheit, haben sich sehr schwergetan und sich an Stolpersteinen wie dem Datenschutz, dem Reifegrad der Mitarbeiter und fehlender Steuerung aufgerieben“, beklagt Jon Abele. Auf der Habenseite zeigt er sich jedoch beeindruckt davon, wie schnell sich dennoch z. B. die virtuelle Zusammenarbeit durchgesetzt habe: „Solche Beispiele gilt es zu sichern und weiter auszubauen, damit die Revolution, die durch die Krise erst denkbar wurde, fortgesetzt wird“, schließt er.
Im Public Sector stehen und fallen Modernisierungsansätze mit den Anwendern in den Behörden. Werden diese genügend in die Digitalisierungsprozesse eingebunden? „Da unterscheiden sich der Public Sector und die Privatwirtschaft nicht sonderlich“, konstatiert Ronald de Jonge von Sopra Steria und ergänzt, auf beiden Seiten gebe es gute und negative Beispiele. Deutlich wird die Rolle der Mitarbeiter, wenn es um den demografischen Wandel geht, denn um die Digitalisierung voranzubringen, müssen Fachkräfte her – auf diese hat es aber auch die Privatwirtschaft abgesehen. Ronald de Jonge beobachtet allerdings, dass der öffentliche Dienst in den vergangenen Jahren bei der jüngeren Generation beliebter geworden ist, obwohl er bei der Bezahlung natürlich nicht mit den Jobangeboten aus der Privatwirtschaft mithalten könne: „Vorteile wie die Work-Life-Balance, eine Arbeit für das Gemeinwohl oder auch die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes sind gerade heutzutage für viele junge Menschen durchaus gewichtige Argumente, um in den öffentlichen Dienst und nicht in die Privatwirtschaft zu wechseln.“
Um die raren Fachkräfte sinnvoll einzusetzen, schlägt Jon Abele zudem vor, „die eigenen Experten gerade für das Steuern und Beaufsichtigen von externen Experten einzusetzen, was für viele Mitarbeiter eine reizvolle Rolle darstellt und damit der öffentlichen Hand die größtmögliche Skalierung von internen Ressourcen ermöglicht.“
Digitale Dienste im Public Sector dienen in erster Linie den Bürgern – für ihren Erfolg ist es daher wichtig, diesen eine demokratische Teilhabe daran zu ermöglichen. Ist hier an den entscheidenden Stellen die User Experience (UX) unzureichend, kann dies die Akzeptanz des gesamten Digitalangebots gefährden. Das sind auch de Jonge zufolge die beiden ausschlaggebenden Punkte, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. „Das Online-Zugangsgesetz hat genau deshalb auch nicht allein die Digitalisierung der Schnittstelle, sondern auch den Abbau von Medienbrüchen zum Ziel“, erklärt er. Beides bedinge einander. Digitalisierte Schnittstellen zu einem internen Prozess, der dann jedoch eine Vielzahl von Medienbrüchen aufweise, vergleicht der Sopra-Steria-Fachmann mit Potemkinschen Dörfern.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Um die Digitalisierung in Deutschland auch dort voranzutreiben, wo es keine direkten ökonomischen Incentives gibt, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Ein Schlüsselelement ist, die Anwender – sprich die Mitarbeiter – frühzeitig abzuholen. Für Ronald de Jonge steht insgesamt fest, dass sich die Digitale Transformation nur mit einer starken Mitarbeiterbeteiligung erfolgreich umsetzen lässt. „Die Digitalisierung darf sich gerade nicht darin erschöpfen“, mahnt er, ,,einen analogen auf einen digitalen Prozess umzustellen. Vielmehr geht die Transformation immer mit einem generellen kulturellen Change in der Organisation einher.“
Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus