Interconnection-Plattformen

„Die Vernetzung ist entscheidend“

Im Interview verrät Mareike Jacobshagen, Head of Global Business Partner Program bei DE-CIX, u.a. spannende Ansätze für die physikalische Sicherheit von Rechenzentren.

Mareike Jacobshagen, DE-CIX

„Auch Daten können sich maximal mit Lichtgeschwindigkeit bewegen“, weiß Mareike Jacobshagen von DE-CIX.

ITD: Frau Jacobshagen, die aktuelle Diskussion um den Klimawandel betrifft natürlich auch Rechenzentren (RZ) in Deutschland. Die hiesigen Rechenzentren bieten großes Potenzial, Energie, Rohstoffe und Kosten einzusparen. Wie ist der Status quo hinsichtlich der Energieeffizienz deutscher Rechenzentren? Was macht ein nachhaltiges Rechenzentrum anno 2022 aus und in welchen Bereichen liegen derzeit die größten Optimierungspotenziale bzw. Stellschrauben?
Mareike Jacobshagen: Wir beim DE-CIX sind uns als Betreiber einer für die Digitalisierung kritischen Infrastruktur selbstverständlich unserer Verantwortung für Sicherheit und in Bezug auf die Ökobilanz bewusst. Als Mieter von Flächen innerhalb der Rechenzentren für unsere Interconnection-Plattformen sind wir allerdings von den infrastrukturellen Gegebenheiten in den Rechenzentren – auch in Sachen „Ökologie“ – abhängig. Wir ziehen bei der Auswahl unserer Datacenter verschiedene Faktoren in die Entscheidungsfindung mit ein. Die Unterstützung unserer Rechenzentrumspartner beim Vorantreiben ökologischer Themen ist für uns dabei selbstverständlich. Neben grünem Strom zählt auch die Abwärmenutzung dazu. Hier sehen wir in Zukunft ein sehr großes Potenzial. Unter anderem ist der Anschluss von Rechenzentren an die örtlichen Nah- und Fernwärmenetze ein wichtiges Projekt, welches in skandinavischen Ländern bereits ein fester Bestandteil der energiepolitischen Konzepte ist. Wir freuen uns sehr, dass es in der Rechenzentrumsbranche eine immer stärkere Bewegung hin zu nachhaltigen Konzepten und der Nutzung grüner Energie gibt.

ITD: Welche Technologien tragen zu mehr Nachhaltigkeit im RZ bei? Welche Energie- und Kosteneinsparungspotenziale lassen sich so letztlich heben?
Jacobshagen: Im Rahmen unserer weltweiten Tätigkeiten versuchen wir seit unserer Gründung vor über 25 Jahren beim Thema „Effizienz“ voranzugehen. Dazu gehört an erster Stelle der Einsatz der jeweils aktuellsten Hardware, die zur Steigerung der Energieeffizienz beiträgt. Zum Beispiel tauschen wir auch Hardware aus, die zwar noch laufen würde, aber sehr viel mehr Strom verbraucht als aktuelle Alternativen. Damit lassen sich Einsparungen des Strombedarfs von 70 bis 80 Prozent erreichen. Selbstverständlich werden auch bei der Herstellung der Hardware Emissionen erzeugt. Auf die Laufzeit umgerechnet ist das aber eine sinnvolle Investition. Zudem setzen wir bei der Einrichtung von neuen Internetknoten vermehrt auf Konzepte mit stärkerer Standardisierung und Vorkonfigurierung sowie Remote bzw. Smart Hands, die die Einrichtung am Standort übernehmen. So muss am Ende kein eigener Techniker vor Ort sein. Das spart enormen Reiseaufwand. Bei einem Knoten wie dem DE-CIX Leipzig fällt das vielleicht weniger ins Gewicht, bei unserer aktuellen Expansion nach Afrika schon deutlich mehr. Darüber hinaus werden durch die zunehmende und immer schneller werdende Vernetzung erst der effiziente Einsatz von Energie, die Steuerung der Nutzung von Energie sowie die effiziente Vernetzung von Geräten im Sinne der Automatisierung möglich – man denke an Smart-Grid-Ansätze.

ITD: Neben dem Energieverbrauch ist auch die Ausfallsicherheit eines RZ ein wichtiger Punkt. Welche Aspekte sind für die physikalische Sicherheit und Hochverfügbarkeit eines RZ entscheidend?
Jacobshagen: Was die physikalische Sicherheit angeht sehen wir viele spannende Ansätze in der Branche – vom Einsatz von Robotern im Monitoring, über georedundante Strategien für Rechenzentren bis hin zu neuen Konstruktionsweisen oder ungewöhnlichen Rechenzentren an Orten wie Bunkern. Darüber hinaus ist natürlich die Vernetzung entscheidend, idealerweise als Teil eines robusten, verteilten Interconnection-Ökosystems. Redundanzen sollten zudem sowohl für die Stromversorgung und Datenspeicherung als auch die Netzwerkanbindung heutzutage selbstverständlich sein.

ITD: Welche drei Aspekte sollten unbedingt beim Neubau von Rechenzentren anno 2022 beachtet werden?
Jacobshagen: Heutzutage kommt es bei neuen Rechenzentren auf drei Dinge an: Standort, Marktpositionierung und Vernetzung. Fragen, die sich Rechenzentrumsbetreiber stellen müssen, sind: Welche Daten werden im Rechenzentrum gespeichert oder verarbeitet? Muss mein Rechenzentrum also direkt in einem digitalen Hub wie Frankfurt sitzen oder besser möglichst nah am Endnutzer? Wie kann ich meinen Mietern den Datenaustausch miteinander, mit den großen Hyperscaler Clouds und zu den vom Endnutzer genutzten Internet-Service-Providern möglichst einfach machen? Dieses Thema wird sich, zumindest in Teilen, durch technologische Vorgaben selbst regeln. Durch immer weiter steigende Latenzanforderungen brauchen wir nämlich mehr dezentrale Rechenzentren und Interconnection-Infrastruktur in der Fläche. Auch Daten können sich maximal mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Um beispielsweise die Anforderungen von Virtual Reality (VR) oder Remote Surgery zu erfüllen, bleibt den Unternehmen gar nichts anderes übrig, als die Daten näher zum Endkunden zu bringen. Dazu braucht es dezentrale Rechenzentren und idealerweise eine Präsenz eines Internetknotens und Interconnection-Ökosystems vor Ort. Für die Rechenzentren ergeben sich dadurch auch zusätzliche Upsell-Potenziale.

Bildquelle: DE-CIX

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