Bester Fit

Die Wünsche der Mitarbeiter verstehen

Im Interview betont Robert Gäpel, Geschäftsführer der Aitiva GmbH: „Wenn man das offene Gespräch mit Mitarbeitern sucht, ihre Wünsche versteht und auch unter Berücksichtigung der Tätigkeit versucht, sie miteinzubeziehen, fühlen sich Mitarbeiter auf lange Sicht wohl.“

Robert Gäpel, Aitiva GmbH

Robert Gäpel unterstützt nicht nur Unternehmen beim Recruiting, sondern auch potenzielle Kandidaten bei der Suche nach ihrem Traumjob.

ITD: Herr Gäpel, im Rahmen des gegenwärtigen Digitalisierungsschubs sind IT-Fachkräfte gefragter denn je, doch fehlen sie an allen Ecken und Enden. Eine aktuelle Bitkom-Studie beziffert die unbesetzten IT-Stellen inzwischen auf 96.000. Worin sehen Sie den Fachkräftemangel begründet?
Robert Gäpel: Sicher sorgt der demografische Wandel dafür, dass der Anteil an Erwerbstätigen in der Bevölkerung insgesamt schrumpft. So gravierend es die oft pauschalisierenden Hiobsbotschaften seit Jahren darstellen, gestaltet sich die Situation jedoch nicht. Einen Mangel, im Sinne von Defizit oder Lücke, gibt es in Deutschland nämlich flächendeckend nicht – nicht einmal in der IT. Neben vielen jungen, gut ausgebildeten Menschen suchen auch zahlreiche Quer- und Wiedereinsteiger einen passenden Job. Vor allem letztere bekommen aber immer noch zu wenige Chancen, weil viele Unternehmen an ihrem Idealbild des jungen, dynamischen und absolut flexiblen Bewerbers mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung festhalten. Das lässt nicht nur die Liste möglicher Kandidaten schrumpfen, sondern verstärkt auch das vermeintliche Gefühl eines Mangels.

ITD: Welche Unternehmen bzw. Branchen haben derzeit den größten Bedarf an IT-Fachkräften, gehen bei der Suche nach IT-Personal aber zunehmend leer aus?
Gäpel: In allen Bereichen ist die Nachfrage aktuell extrem hoch. Gesucht werden Fachkräfte von IT-Security, über Software-Entwicklung oder -Architektur bis hin zur Anwendungsbetreuung. Kandidaten zieht es dabei tendenziell in große Konzerne und zu IT-Dienstleistern. Entsprechend haben immer öfter kleine und nicht ganz so bekannte mittlere Unternehmen das Nachsehen.

ITD: Was müssen Großunternehmen heutzutage an ihren Recruiting-Prozessen optimieren und grundsätzlich bieten, um für IT-Fachkräfte interessant zu sein?
Gäpel: In den letzten Jahren hat sich der Arbeitsmarkt in Richtung „Bewerbermarkt“ verändert. Potenzielle Kandidaten rennen Firmen nicht mehr die Türen ein. Im Gegenteil: Spätestens seit Eintritt der Generation Y ins Erwerbsleben müssen Betriebe aktiv werden und Überzeugungsarbeit leisten. Von Stellenanzeigen in der lokalen Zeitung oder online lassen sich junge Zielgruppen nicht mehr begeistern. Zu lange Bewerbungsprozesse mit mehreren Assessment-Centern schrecken Interessenten ab. Außerdem weiß der selbstbewusste Nachwuchs, was er verlangen kann. Das trifft sowohl auf Lohnfragen als auch auf eine wertschätzende Organisationskultur zu. Wer es im Umgang mit potenziellen Mitarbeitern also erst nach Wochen oder sogar Monaten schafft, sich nach Eingang der Bewerbung zu melden, hat längst verloren. Im Kampf um Talente kann nur gewinnen, wer ausgetretene Pfade verlässt und im Recruiting-Prozess kreativ wird.

ITD: Welche Rolle spielen dabei ein hohes Gehalt und flexible Arbeitsmodelle wie etwa eine Mischung aus Homeoffice- und Büroarbeit?
Gäpel: Wer Bewerber fragt, was ihnen am wichtigsten ist, merkt schnell, dass eine faire Entlohnung ganz oben auf der Liste steht. Eine ebenso wichtige Rolle spielt jedoch die Flexibilität – und das sowohl in Bezug auf die Arbeitszeiten als auch auf den Arbeitsort.

ITD: Was ist für Arbeitssuchende im IT-Bereich derzeit interessanter: ein langjähriges Arbeitsverhältnis oder flexible Beschäftigungsmodelle?
Gäpel: Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Bewerber mit unterschiedlichen Belangen. Entsprechend wichtig ist es für Arbeitgeber, ausreichend Flexibilität an den Tag zu legen, um gegebenenfalls auf die Bedürfnisse der Wunschkandidaten zu reagieren.

ITD: Inwieweit hat sich das Freelancing-Konzept in der IT-Branche bereits etabliert? Inwieweit greifen Großunternehmen in Sachen IT-Expertise auf Solo-Selbstständige zurück?
Gäpel: Durchschnittlich sind IT-Selbstständige 35 Jahre alt und verfügen über ausreichende Berufserfahrung. Ein großer Teil der Unternehmer hat diese ca. über fünf bis acht Jahre in Festanstellung gesammelt. Die anderen rund 30 bis 50 Prozent haben sich ihre Expertise als Freelancer erarbeitet. Und ihre Ausgangsposition könnte etwa auch bei Projekten für Großunternehmen kaum besser sein – insbesondere, wenn sie zusätzlich zum Studium und ihrem Know-how weltweit einsetzbar sind. Allerdings ist die Tendenz, sich in der IT selbstständig zu machen, insgesamt eher rückläufig. Was hingegen wieder an Bedeutung gewinnt, insbesondere wenn der Fokus auf Flexibilität und Selbstverwirklichung liegt, sind Arbeitnehmerüberlassungen.

ITD: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile einer Mehrfachbeschäftigung in der heutigen Zeit?
Gäpel: In Bezug auf Freelancing bietet Mehrfachbeschäftigung vor allem Sicherheit, insbesondere wenn Freischaffende parallel zu ihren selbst gewählten Projekten in einem Unternehmen hauptberuflich und sozialversicherungspflichtig angestellt sind. Damit gehen sie finanziell ein geringeres Risiko als Solo-Selbstständige ein, haben aber trotzdem die Möglichkeit, sich je nach Auftrag neue, lukrative Herausforderungen zu suchen. Wer sich für einen solchen Schritt interessiert, sollte sich jedoch bewusst machen, dass hier vor allem die Work-Life-Balance nicht ganz so optimal ausgeglichen ist. Mehr Arbeit und mehr Koordinationsaufwand schlagen sich ganz klar in der Wochenarbeitszeit nieder.

ITD: Xing, Stepstone, Indeed, Jobmesse, Social Media: Über welche Kommunikationskanäle finden Unternehmen und zukünftige IT-Fachkräfte am besten zueinander und warum?
Gäpel: IT-Fachkräfte zeichnen sich in aller Regel durch eine hohe Lernbereitschaft aus – und das auch in ihrer Freizeit. Daher tummelt sich eine Vielzahl von Spezialisten auf Online-Plattformen wie Stack Overflow, Lynda.com oder Odin Projekt. Daneben existieren auch spezielle Jobbörsen etwa für Entwickler. Wer sich hier nicht auskennt, sollte jedoch unbedingt auf passende Vermittlungsagenturen zurückgreifen. Gerade in der anspruchsvollen IT-Branche gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten – für Bewerber ebenso wie für Unternehmen. Diese lassen sich am besten in gemeinsamen Gesprächen evaluieren. Im Idealfall haben solche spezialisierten Recruiter die gesamte Brache im Blick, kennen Jobprofile und finden den passenden Fit zwischen Kandidat und Unternehmen.

ITD: Welche Fehler gilt es bei der Fachkräftesuche bzw. dem IT-Recruiting zu vermeiden?
Gäpel: In oft langwierigen Bewerbungs- und Assessment-Prozessen versuchen Unternehmen herauszufinden, ob Wunschkandidaten ins Team passen. Auf der Suche nach dem perfekten Fit werden dabei oft Menschen ausgefiltert, deren Lebenslauf nicht optimal rund klingt oder die auf ein Foto verzichtet haben. Insbesondere solche Kandidaten könnten fachlich und menschlich jedoch genau die Qualifikationen mitbringen, die der Job, das Unternehmen und das Team benötigen. Besser wäre es hier, mit Bewerbern, die die Parameter für die Stelle erfüllen, persönlich zu sprechen und passende Fachkräfte einfach einzustellen. In der Probezeit gibt es immer noch die Möglichkeit, die Eignung von Arbeitnehmern zu testen.

ITD: Was müssen Unternehmen anno 2022 insbesondere noch tun, um ein „great place to work“ zu werden?
Gäpel: Wenn man das offene Gespräch mit Mitarbeitern sucht, ihre Wünsche versteht und auch unter Berücksichtigung der Tätigkeit versucht, sie miteinzubeziehen, fühlen sich Mitarbeiter auf lange Sicht wohl und wertgeschätzt. Oftmals werden gute Ideen einfach nicht gehört, da man an alten Wegen festhalten möchte, aber gerade ein gutes Unternehmen und ein guter Arbeitsplatz leben ein Stück weit von Veränderungen. So ist es eben auch beim „great place to work“, da hilft nicht nur der moderne Farbanstrich und die neue Büroausstattung, auch das Arbeiten an sich und das Denken der Unternehmer muss mit der Zeit gehen, um sich die besten Talente auf Dauer zu sichern.

ITD: Welche Trends in Sachen „Zukunft der Arbeit“ sollten Unternehmen auf jeden Fall im Blick haben?
Gäpel: Flexibilität, New Work und Vernetzung gelten als Gebot der Stunde. Einher geht das mit weniger Präsenzpflicht im Büro, flexiblen Arbeits-(zeit-)modellen und überhaupt neuen Formen der Zusammenarbeit. Auch agile Arbeitsweisen, die sich in der IT sehr gut umsetzen lassen, sollten Unternehmen unbedingt im Blick behalten.

Bildquelle: Aitiva GmbH

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