„Für die deutschsprachige Industrie gilt es nun in ihre Digitalisierung zu investieren“, so Markus Wambach.
ITD: Herr Wambach, welche Erkenntnisse liefert das mittlerweile vierte „Industrie 4.0 Barometer“ von MHP und der LMU München über den aktuellen Stand der Industrie-4.0-Aktivitäten von Unternehmen im DACH-Raum?
Markus Wambach: Der digitale Reifegrad von Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum hinkt im internationalen Vergleich hinterher. Die Unternehmen in den untersuchten Märkten China, USA und UK waren deutlich fortgeschrittener. Ein Lichtblick im deutschsprachigen Raum ist die Automobilindustrie. Hier ist beispielsweise der Einsatz leistungsfähiger Kommunikationsarchitekturen weiter verbreitet als bei den Referenzindustrien.
ITD: Wie sieht es mit den Digitalisierungsfortschritten in deutschen Industrieunternehmen generell aus?
Wambach: Generell befinden sich die Unternehmen im deutschsprachigen Raum in Punkto Digitalisierung auf einem eher stagnierenden Niveau. Dies lässt sich durch den Vergleich der Ergebnisse des aktuellen Industrie 4.0 Barometers mit denen aus den letzten Jahren erkennen. In nahezu allen Kategorien kann kein signifikanter Fortschritt erkannt werden. Beispielsweise sind bei der Automatisierung der Fertigung, der Supply Chain Transparenz oder beim Digitalen Zwilling keine messbaren Steigerungen zu beobachten. Dieser mangelnde Fortschritt ist bedenklich, zumal der Anschluss an die internationalen Märkte langsam verloren geht.
ITD: Wie kann die deutsche Industrie ihre Stellung im digitalen Wettlauf sichern?
Wambach: Die Stellung zu sichern ist inzwischen fast zu wenig. Es geht eher darum, jetzt aufzuholen und verlorenen Boden wieder wettzumachen. In den anderen betrachteten Märkten wird ein wesentlich höheres Tempo bei der Digitalisierung vorgelegt. Für die deutsche Industrie gilt es nun in ihre Digitalisierung zu investieren. Zum einen ist es notwendig, Kapital für Investition in die IT-Landschaft oder in digitale Vernetzung der Produktion und Logistik zur Verfügung zu stellen. Zum anderen ist es unabdingbar, den Aufbau des nötigen Know-hows zu forcieren. Dies wird allerdings durch den vorherrschenden Fachkräftemangel erschwert. Unternehmen, welche jetzt noch zögern, Ressourcen und Kapital für die Digitalisierung bereitzustellen, drohen langfristige Einbußen.
ITD: Was bremst die Digitalisierungsbemühungen der Unternehmen noch am häufigsten aus?
Wambach: Generell sind meist eine nicht durchgängige Strategie und mangelndes Commitment des Top-Managements Hürden in der digitalen Transformation. Unternehmen, die bereits die Digitalisierung im Top-Management verankert haben, zeichnen im Vergleich zu ihren Peers einen wesentlich höheren Reifegrad auf. Eine Möglichkeit dies zu erreichen, ist die Etablierung eines CIOs in der Geschäftsführung. In diesen Unternehmen sind holistische Digitalisierungsstrategien, die bereichsübergreifende Zusammenarbeit fördern, stärker verbreitet. Zudem steht mehr Budget für die Digitalisierung zur Verfügung und auch die IT-Sicherheit besitzt einen höheren Stellenwert.
ITD: Im Fokus standen in diesem Jahr die beiden Themengebiete „Digitale Leadership“ und „Supply-Chain-Resilienz“. Was waren hierzu die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Studie?
Wambach: Beim Thema „Digital Leadership“ fallen besonders die kulturellen Unterschiede zwischen den untersuchten Märkten auf. Im bürokratischen DACH-Raum wird die Digitalisierung sehr langsam und starr angegangen. Währenddessen wird im innovationsgetriebenen China auf moderne Technologien gesetzt, dabei werden jedoch IT-Sicherheitsaspekte vernachlässigt. In den USA wird die Digitalisierung marktorientiert vorangetrieben. Die vom Brexit angeschlagene britische Wirtschaft war bereits auf die Versorgungssicherheit bedacht. Dadurch hat UK schon vor der Pandemie das Thema „Supply-Chain-Resilienz“ in den Fokus gerückt.
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Generell lässt sich international beobachten, dass der Supply Chain mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die weltweiten Sourcing-Strategien werden überdacht und kritisch hinterfragt. So ist ein Trend zur Eigenfertigung bei vielen Unternehmen zu beobachten. Wenn nicht selbst gefertigt wird, so werden häufig die Lagerbestände hochgefahren oder es wird versucht, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu reduzieren. Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen, dass viele Logistikketten der Unternehmen einen Nachholbedarf in Sachen Resilienz haben.
ITD: Welche Rolle spielt das Thema „Cybersecurity“ im Industrie-4.0-Umfeld angesichts einer steigenden Bedrohungslage?
Wambach: Cybersecurity ist selbstverständlich auch im Industrie 4.0 Kontext essenziell. Die meisten Unternehmen sehen die Relevanz, legen aber trotzdem nur geringen Fokus darauf. So wird besonders in China das Thema auffällig stark vernachlässigt. Auch in der DACH-Region gibt es noch erhebliches Optimierungspotenzial. Durch die vermehrte Verbreitung und zunehmende Vernetzung von digitalen Lösungen kommen immer mehr Betriebssysteme zum Einsatz. Infolge ergeben sich potenzielle Schnittstellen, die häufig von Angreifern genutzt werden. Wir empfehlen daher, dass im Unternehmensumfeld bei der Implementierung von Industrie-4.0-Lösungen auch das Thema „Cybersecurity“ ein fester Bestandteil sein muss.
Bildquelle: MHP