„Menschen sollen dort agieren, wo sie am effizientesten sind: das bedeutet in der Interaktion mit anderen Menschen, wenn es darum geht, differenziert Entscheidungen zu treffen und gelegentlich auch das Bauchgefühl den Ausschlag gibt“, sagt Ari Albertini.
Ari Albertini: „Die Herausforderung für Applikationsentwickler besteht nicht darin, möglichst viele Funktionen zu integrieren, sondern die Komplexität der Anwendung hinter einer einfachen Bedienoberfläche zu verstecken, so dass der Nutzer gerne und intuitiv darauf zurückgreift.“
Ari Albertini ist davon überzeugt, „dass insgesamt die digitale Interaktion – nicht nur zwischen Bürgern und Behörden, sondern auch zwischen Unternehmen – in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird“.
„Eine Herausforderung, die viele Unternehmen noch nicht auf dem Schirm haben, ist die Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinien“, sagt Ari Albertini.
„Als ‚spannend‘ erachten wir das Thema ‚Kryptoagilität‘, d.h. schnell zu reagieren, wenn ein Sicherheitssystem unsicher geworden ist, und diese Systeme einfach und bestenfalls automatisiert durch Updates wieder in einen sicheren Zustand zu versetzen“, so Ari Albertini.
ITD: Herr Albertini, der Firmenname FTAPI ist keine Abkürzung, die sich einfach einprägt. Zudem verstecken sich hinter diesen Buchstaben andere IT-Begrifflichkeiten, als man im ersten Moment vermuten könnte.
Ari Albertini: Das ist richtig. Aus diesem Grund finden unternehmensintern regelmäßig Diskussionen und Überlegungen hinsichtlich einer eventuellen Änderung des Firmennamens statt, die dann genauso regelmäßig verworfen werden. Wir tragen diesen Namen seit der Firmengründung 2010 und er ist als Besonderheit unser Markenzeichen geworden. Die richtige Aussprache unseres Firmennamens FTAPI lautet ɛfʈɐpi.
ITD: Wie würden Sie die Ausrichtung Ihres Unternehmens im Detail beschreiben?
Albertini: Wir sind eine junge und moderne Software-Company, die eine innovative und sichere Plattform für Daten-Workflows bereitstellt. Angefangen haben wir mit der Entwicklung von Lösungen für den Datenaustausch, sprich dem Transfer großer Datenmengen zwischen Unternehmen. Analog zum Wandel in der IT haben sich im Laufe der Zeit die Bedürfnisse des Marktes verändert. Heute beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig mit den Themen „Daten-Workflows“ und „Automatisierung“ und setzen uns darüber hinaus unter dem Slogan „Securing Digital Freedom“ für die Identitätswahrung von Personen und Unternehmen ein. Wir möchten IT-Anwender von stupiden, regelbasierten Aufgaben entlasten. Menschen sollen dort agieren, wo sie am effizientesten sind: das bedeutet in der Interaktion mit anderen Menschen, wenn es darum geht, differenziert Entscheidungen zu treffen und gelegentlich auch das Bauchgefühl den Ausschlag gibt. Geändert haben sich auch die Bezugsmodelle für unsere Anwendungen. Während in den ersten Jahren unsere Applikationen „On-Premise“ beim Kunden installiert wurden, vollziehen wir seit ca. drei Jahren – und seit zwei Jahren sehr intensiv – den Wechsel hin zu einem Cloud- bzw. Software-as-a-Service-Anbieter (SaaS), 100 Prozent hosted in Germany.
ITD: Wie ist Ihr Unternehmen organisiert?
Albertini: Wir sind ein echtes „Made in Germany“-Unternehmen. Zurzeit beschäftigen wir knapp 100 Mitarbeiter. Unser Firmensitz ist in München. Unter einem Dach steuern wir von hier aus sämtliche Firmenaktivitäten, von der Produktentwicklung, über die Verwaltung bis hin zum Vertrieb. Der Vertrieb erfolgt zu einem Großteil direkt, darüber hinaus bieten rund 20 ausgewählte IT-Systemhäuser und -Dienstleister unsere Produkte an. Aktuell führen wir Gespräche mit weiteren potenziellen Vertriebspartnern, darunter auch namhafte IT- und Telekom-Unternehmen, die über starke Marktzugänge verfügen. In der Kooperation mit solchen „Multiplikatoren“ sehen wir ein enormes Potenzial, das wir mittelfristig nutzen möchten.
ITD: Welche Unternehmenskultur kennzeichnet die FTAPI Software GmbH?
Albertini: Ich denke, was FTAPI ausmacht, ist unser Anspruch, ein durch und durch „transparentes“ Unternehmen zu sein. Wir haben beispielsweise für große Teile des Unternehmens ein Gehaltsmodell entwickelt, das auf einer Formel basiert, die die Höhe des Einkommens für jedermann nachvollziehbar und sichtbar festlegt. Auch Versuche, gänzlich auf Hierarchien zu verzichten, hat es gegeben. Wir mussten jedoch feststellen, dass ab einer gewissen Unternehmensgröße dadurch Ineffizienzen entstehen, die die Vorteile eines solchen Konzepts übersteigen. Heute gibt es nur wenige und flache Hierarchien. Führungspositionen werden vorrangig mit eigenen Mitarbeitern besetzt und wir betreiben einen hohen personellen Aufwand bei der Gewinnung neuer Talente. Durchschnittlich sind acht Personen aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen am Einstellungsprozess beteiligt, die schnell zu einer Entscheidungsfindung kommen. Passt der Kandidat zu uns, vergehen vom Eingang der Bewerbung bis zur Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag nur 14 bis 21 Tage.
ITD: Wie stellt sich der Markt für Ihre Produkte und Dienstleistungen aktuell dar?
Albertini: Mit unserer Software-Plattform, die sensible Daten-Workflows über Unternehmensgrenzen hinweg schützt, zentralisiert und automatisiert, sind wir breit aufgestellt. Während in den ersten Jahren unsere Kunden hauptsächlich aus der Fertigungsbranche kamen, wo es darum ging, große und sensible Datenmengen wie CAD-Zeichnungen oder Prototypdateien zu transferieren, zählen heute auch die öffentliche Verwaltung und das Gesundheitswesen zu unseren Kunden. Unsere Umsätze generieren wir nur noch zu 30 Prozent in der Fertigungsindustrie, das Behördenumfeld macht ebenfalls 30 Prozent aus und das Gesundheitswesen folgt mit 20 Prozent. Der Rest verteilt sich auf diverse Branchen und Anwendungsbereiche. Generell hat sich der Markt für unsere Produkte und Dienstleistungen in den vergangenen drei Jahren ausgesprochen positiv entwickelt. Ausschlaggebend dafür war nicht nur das Thema „Digitale Transformation“, sondern auch die kontinuierlich steigenden Ansprüche, wenn es um den Schutz sensibler Datenbestände geht. In vielen Fällen ersetzen wir mit unseren Lösungsansätzen antiquierte Anwendungen auf Fax- und FTP-Basis. Gerade im Behördenumfeld, aber auch in kleinen und mittelständischen Betrieben, existiert hier ein enormes Optimierungspotenzial.
ITD: Gegen welche Wettbewerber treten Sie an?
Albertini: Wettbewerber finden sich in allen von uns bedienten Anwendungsbereichen. Das gilt für den Sektor „Secure E-Mail“ genauso wie für sichere Datenräume oder sichere Formulare. Auch im Bereich der Workflow-Automatisierung treten wir gegen viele andere Lösungsanbieter an. Meines Wissens gibt es allerdings europaweit kein Unternehmen, das – vergleichbar zu uns – ein solches Portfolio kombiniert über eine integrierte Plattform anbietet.
ITD: Vor welchen Herausforderungen stehen Ihre Kunden und mit welchen Problemen haben Sie zu kämpfen?
Albertini: Der Servicegedanke gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Ansprüche der Endanwender steigen, das wird insbesondere im Behördenumfeld deutlich, wo die Bürger immer lauter schnelle und vor allem digitale Verwaltungsprozesse einfordern. Die Umsetzung gestaltet sich allerdings oft aufwändiger als gedacht. Wir bekommen häufig Anfragen von Gemeinden, ihr Formularwesen zu digitalisieren. Damit ist es allerdings nicht getan. Der Bürger erwartet nicht nur Formulare, die er digital auf der Behörden-Webseite ausfüllen kann; er erwartet auch eine Eingangsbestätigung seines Antrags, die ihm nach wenigen Minuten an seine E-Mail-Adresse geschickt wird.
ITD: Die angebotenen Services müssen allerdings auch für jedermann verständlich und bedienbar sein.
Albertini: Genau. Hier liegt eine weitere „Klippe“, die es zu umschiffen gilt. Der Benutzer möchte nicht erst ein Handbuch durcharbeiten, ehe er einen Service nutzen kann. Die Herausforderung für Applikationsentwickler besteht nicht darin, möglichst viele Funktionen zu integrieren, sondern die Komplexität der Anwendung hinter einer einfachen Bedienoberfläche zu verstecken, so dass der Nutzer gerne und intuitiv darauf zurückgreift. Besonders wichtig ist eine einfache Bedienbarkeit, wenn es um Sicherheit und Datenschutz geht. Es bringt nichts, ein hochfunktionales Verschlüsselungssystem zu installieren, wenn der Nutzer letztendlich sensible Daten als PDF ungeschützt per E-Mail versendet, weil die Bedienung als zu kompliziert empfunden wird.
ITD: Wo sehen Sie Wachstumspotenziale bzw. wo eröffnen sich neue Anwendungsfelder für Ihr Angebotsportfolio?
Albertini: Ich bin davon überzeugt, dass insgesamt die digitale Interaktion – nicht nur zwischen Bürgern und Behörden, sondern auch zwischen Unternehmen – in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird. Das Thema „Workflow-Automatisierung“ hat dabei das größte Wachstumspotenzial, nicht zuletzt deshalb, weil aufgrund des Fachkräftemangels Mitarbeiter von banalen Tätigkeiten entlastet werden müssen. Auch neue Gesetzgebungen geben dem Marktsegment, in dem wir uns bewegen, neue Impulse. Die DSGVO zählt ebenso dazu wie das Online-Zugangsgesetzt OZG. Besonders das Inkrafttreten der DSGVO hat zu einer deutlich steigenden Nachfrage nach unseren Plattformlösungen geführt. Auch wenn Gesetze nicht das „Mindset“ der Verantwortlichen ändern, erzwingen sie eine intensive Auseinandersetzung mit der Digitalisierungsthematik. Häufig werden dabei bislang ungenutzte Mehrwerte erkannt und im Rahmen entsprechender Projekte erschlossen.
ITD: Können Sie weitere Beispiele nennen?
Albertini: Eine Herausforderung, die viele Unternehmen noch nicht auf dem Schirm haben, ist die Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie. Damit sind Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern sowie Behörden und Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnern gefordert, ein IT-gestütztes Hinweisgebersystem zu implementieren. Wer in einem Unternehmen oder einer Behörde Verstöße gegen nationales oder EU-Recht feststellt, muss diese in Zukunft anonym, DSGVO-konform und zu jeder Uhrzeit melden können. Entsprechende Hinweisgeber, so genannte Whistleblower, sollen durch diese Maßnahmen geschützt werden. An die Umsetzung wurden seitens der EU diverse Anforderungen zum Personen- und Identitätsschutz geknüpft, sodass klassische Kommunikationswege entweder unzulässig oder schwer umsetzbar sind. Sowohl eine interne Telefon-Hotline als auch eine gesonderte E-Mail-Adresse genügen nicht, da die Anonymität des Hinweisgebers nicht gewährleistet werden kann. Direkte Gespräche würden zwar den Anforderungen genügen, sind aber in der Praxis schwer umsetzbar. Auf Basis unserer Ende-zu-Ende verschlüsselten Formularlösung SecuForms und unserer sicheren Lösung für den Datenaustausch SecuTransfer bieten wir ein schlüsselfertiges und zugleich anpassbares Hinweisgebersystem an, das alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt.
ITD: Wie funktioniert das genau?
Albertini: Jede Meldung, die über das Formular eingeht, wird sicher Ende-zu-Ende verschlüsselt und auf Hochsicherheitsrechenzentren von SysEleven in Deutschland gespeichert. Die Datenübertragung erfolgt nach dem Zero-Knowledge-Prinzip, so dass niemand, auch kein Admin oder FTAPI selbst, auf die Daten zugreifen kann. Lediglich der zuvor bestimmte Empfänger – das kann eine ausgewählte Person im Unternehmen oder eine externe Anwaltskanzlei sein – erhält diese unverschlüsselt zur Einsicht. Whistleblower erhalten neben einer Eingangsbestätigung auch eine Kopie ihrer Meldung. Sie haben außerdem die Möglichkeit, sich anonym einzuloggen, wenn sie einen weiteren Informationsaustausch wünschen, dabei aber ihre Identität nicht preisgeben wollen. Alle Metadaten wie die IP-Adresse oder Log-Dateien werden nach 24 Stunden automatisch gelöscht.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Inwieweit spielen Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI) für Sie eine Rolle, wenn es um die Entwicklung neuer oder die Weiterentwicklung bestehender Produkte geht?
Albertini: Für KI – und das betrifft ausschließlich „echte“ KI und keine regelbasierten Ablaufsteuerungen, was häufig in einen Topf geworfen wird – sehen wir aktuell nur wenige Berührungspunkte mit unseren Themenbereichen. Was wir feststellen, ist, dass die Themen „Datensicherheit“ und „Nachvollziehbarkeit der Daten“ kontinuierlich an Relevanz gewinnen. Das heißt, wie erkenne ich Angriffsmuster oder unautorisierten Datenabfluss in unstrukturierten Umgebungen? Hier gibt es durchaus Potenziale für KI-Ansätze. Als „spannend“ erachten wir das Thema „Kryptoagilität“, d.h. schnell zu reagieren, wenn ein Sicherheitssystem unsicher geworden ist, und diese Systeme einfach und bestenfalls automatisiert durch Updates wieder in einen sicheren Zustand zu versetzen. Wie notwendig eine solche Kryptoagilität ist, wurde erst kürzlich am Beispiel der Log4j-Sicherheitslücke deutlich, über die eine riesige Anzahl von Systemen angreifbar wurde.
ITD: Welche technologischen Innovationen sind in den kommenden Jahren zu erwarten?
Albertini: Aufgrund der Tatsache, dass in absehbarer Zeit Quantencomputer mit enormen Rechenleistungen zur Verfügung stehen werden, rückt auch das Thema „Quantenkryptografie“ in unseren Fokus. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie und wann heute übliche Public-Key-Verfahren gegen quantensichere Algorithmen ausgetauscht werden können. Bei derartig komplexen technologischen Fragestellungen greifen wir auf hochspezialisierte Institutionen wie beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC in Garching zurück. Wir haben unser aktuelles Security-Konzept dort überprüfen lassen und nutzen das Fraunhofer AISEC mit seiner enormen Expertise als Dienstleister und Berater.
ITD: Welche unternehmerischen Ziele verfolgt FTAPI mittel- und langfristig?
Albertini: Wir verfolgen konsequent eine Cloud-First-Strategie. Inzwischen entscheiden sich 98 Prozent der Neukunden für unsere Cloud-basierten Lösungen. Durchschnittlich migrieren wir drei bis fünf Kunden pro Woche von „On-Premise“ in die Cloud. Betrachten wir unseren gesamten Kundenstamm, betreuen wir aktuell einen mehrheitlich und wachsenden Anteil an Cloud-Nutzern, während On-Premise immer mehr zur Ausnahme wird. Unser Ziel ist es, in den kommenden zwei Jahren die Zahl unserer Cloud-Nutzer auf 95 Prozent zu erhöhen. Die verbleibenden fünf Prozent werden weiterhin von uns unterstützt, müssen jedoch ihre Infrastruktur an unser Betriebsmodell, bestehend aus einer modernen Kubernetes-Umgebung mit skalierbarer Datenbank, anpassen. Strategisch betrachtet, sehen wir unseren Vertriebsschwerpunkt in den kommenden 18 Monaten nach wie vor in der DACH-Region. Da unsere Produkte – nicht zuletzt aufgrund der EU-weiten Gesetzgebung – für viele europäische Märkte interessant sind, können wir uns nach diesem Zeitraum einen Markteintritt in weiteren europäischen Ländern vorstellen.
Alter: 31 Jahre
Familienstand: ledig
Werdegang: Studium der Wirtschaftsinformatik an der TU München; parallel Projektberater bei der Aconso AG; seit Studiumsabschluss für die FTAPI Software GmbH tätig, u.a. als Enterprise Solution Manager u. VP Marketing & Produktmanagement
Derzeitige Position: Chief Operating Officer (COO)
Interessen: Wandern, Kochen
Bildquelle: Claus Uhlendorf