Interview mit Gerd-Lothar Leonhart, Bull u. Science und Computing

Digitalisierung als Innovationstreiber

Interview mit Gerd-Lothar Leonhart, Geschäftsführer von Bull in der DACH-Region und Vorstandsvorsitzender der Science + Computing (s + c) AG, über IT-Herausforderungen beim Research & Development sowie Energieeffizienz im High Performance Computing

Gerd-Lothar Leonhart, Bull

Gerd-Lothar Leonhart, Geschäftsführer bei Bull

IT-DIRECTOR: Herr Leonhart, Ihr Unternehmen hat 2008 die s + c AG übernommen – welche Rolle spielt die Firma innerhalb des Bull-Konzerns?
G.-L. Leonhart:
Als hundertprozentige Tochterfirma konzentriert sich s + c u.a. auf klassische Value Consulting Services mit Fokus auf den „Research & Development“-Bereich (R&D). Dabei geht es nicht allein um die Implementierung klassischer IT-Systeme, sondern auch um die Integration verwandter Bereiche wie Computer Aided Enigeering (CAE).

Darüber hinaus bietet s + c Services für das High Performance Computing für die Industrie, kurz HPC, und bedient hier auch traditionelle IT-Themen. Möchte ein Kunde nicht mit den Hardwarelösungen von Bull arbeiten, übernehmen wir im Projekt die Serviceleistungen und arbeiten mit offenen Architekturen.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt das Cloud Computing im Rahmen Ihrer strategischen Ausrichtung?
G.-L. Leonhart:
Cloud Computing spielt für uns eine übergeordnete Rolle. Es bildet sozusagen den Rahmen für die zunehmende umfangreiche Digitalisierung in den Anwenderunternehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei folgende Fragen: Wie geht man mit der allumfassenden Digitalisierung um? Oder wie handhabt man den Umgang mit dem Internet als primärer bzw. profunder Datenbasis?

IT-DIRECTOR: Dennoch bleibt der Hardwarebereich ein wichtiges Standbein?
G.-L. Leonhart:
Auf jeden Fall, denn Bull ist in Europa der einzige noch verbliebene Hardware- und Technologiehersteller. Überdies besitzt unsere französische Muttergesellschaft ein schlankes Management, weshalb wir Entscheidungen unbürokratisch und schnell fällen können. Vor diesem Hintergrund agieren wir als innovatives Unternehmen, das sich auf Augenhöhe mit dem Mittelstand befindet. Da der Hochleistungsstandort Deutschland wesentlich durch den Mittelstand geprägt wird, ist dieser eine wichtige Zielgruppe für uns.

IT-DIRECTOR: Wie definieren Sie den Mittelstand?
G.-L. Leonhart:
Zum „gefühlten“ Mittelstand gehören für uns auch Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern oder einem Umsatz von über 2 Mrd. Euro. Hierzu zählen Firmen wie Benteler, Miele oder Würth. Entscheidend sind nicht die nackten Mitarbeiter- bzw. Umsatzzahlen, sondern vielmehr die Historie, Kultur und Hierarchie eines nach wie vor in Familienbesitz befindlichen bzw. inhabergeführten Unternehmens. Desweiteren bedienen wir natürlich auch kleinere Mittelständler. So kann auch ein international agierender Maschinenbauer mit wenigen Mitarbeitern für uns ein interessanter Kunde sein.

IT-DIRECTOR: Wie können sich insbesondere Firmen aus der Primär- bzw. Fertigungsindustrie am internationalen Markt behaupten?
G.-L. Leonhart:
Die zunehmende Digitalisierung gilt als Innovationstreiber für Produktionsbetriebe. Die großen Fragen lauten an dieser Stelle: Wie gestalten sich die Datenstrukturen? Und wie geht man mit diesen Datenmengen um und wie kann man sie nahtlos in sämtliche IT-Systeme integrieren? Mit der Beantwortung dieser Fragen sind hiesige Unternehmen in der Lage, einmal ins Ausland verlagerte Primärproduktion wieder zurückzuholen. Die damit einhergehenden Veränderungen im Produktionsumfeld fasst man aktuell unter dem Schlagwort „Industrielle Revolution 4.0“ zusammen. Insbesondere im Rahmen der diesjährigen Hannover Messe, auf der wir erstmals mit einem Stand vertreten sein werden, dreht sich alles um das Leitmotiv „Industrie 4.0“.

IT-DIRECTOR: Was präsentieren Sie in Hannover?
G.-L. Leonhart:
Wir sind u. a. auf dem CAE-Forum vertreten und zeigen dort branchenspezifische Einsatzzwecke für Cloud-Lösungen. Ein Beispiel: Gießereien nehmen häufig nur einmal im Jahr die Berechnung einer neuen Gussform vor. Die dafür benötigte Rechnerleistung können wir nun auf den Punkt genau aus der Cloud anbieten. Sich speziell für diesen Vorgang eigene Hardware anzuschaffen, wäre für den Anwender deutlich überdimensioniert.

Ein solches Beispiel lässt sich beliebig auf andere Branchen übertragen. So werden im Rahmen der Produktentwicklung von Automobilherstellern unzählige Crashtests vorgenommen. Die daraus resultierenden Aufzeichnungen müssen jahrelang vorgehalten werden. Hierfür bieten wir dedizierte Lösungen rund um das Thema „Messdatenmanagement“ an.

IT-DIRECTOR: Was macht einen gelungenen Cloud-Service aus?
G.-L. Leonhart:
Generell sollte man unterscheiden, ob man von einer Private, Public oder Hybride Cloud spricht. Wir sehen uns in allen Bereichen gut aufgestellt. Allerdings stellen wir nicht die Cloud als solche in den Vordergrund, sondern vielmehr die Frage, wie wir für unsere Kunden sichere Infrastrukturen optimal bereitstellen können – und dies sowohl in einer privaten als auch öffentlichen Wolke.

Cloud Computing besitzt viele Facetten – angefangen beim Backup über Datenschutz und Hochverfügbarkeit bis hin zur Sicherheit. Ich bin sicher, dass Daten aus der Prototypentwicklung eines Automobilherstellers niemals den Weg in eine öffentliche Cloud finden werden. Demgegenüber ist die Buchungsabwicklung von Flugmeilen in einer öffentlichen Cloud in Indien eher unkritisch.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren Branchen gehen Sie neben der Fertigungsindustrie an?
G.-L. Leonhart:
Derzeit liegt unser Fokus zum einen auf dem Gesundheitswesen und dort auf den IT-Systemen von Kliniken und Krankenhäusern, die den kaufmännischen sowie den medizinischen Bereich miteinander verbinden müssen. Will man hierbei kaufmännische Daten archivieren, geht es um einige hunderttausend Dokumente. Will man jedoch EKG- oder MRT-Daten sicher ablegen, rückt man schnell in den Millionenbereich vor. Denn ein einfacher Buchungssatz ist gänzlich anders geartet als die tomografische Gesamtaufnahme des menschlichen Körpers. Dennoch muss die IT beide Ebenen miteinander verknüpfen und für harmonisierte Datenflüsse sorgen.

Zum anderen gehen wir verstärkt den Automotive-Sektor an, insbesondere im Bereich Research & Development. Als Beispiel seien nochmals die umfangreichen Crashtests angeführt. Fährt ein Fahrzeug gegen die Wand, entstehen rund 10.000 Bilder pro Sekunde. Hinzu kommen Millionen unterschiedlicher Messwerte. Damit die Produktentwickler aus diesem riesigen Datenberg die für sie relevanten Schlussfolgerungen ziehen können, spielen unsere auf die Anforderungen des Kunden abgestimmten Lösungskomponenten eine große Rolle. Diese setzen sich je nach Bedarf aus Hardware, Software und damit verbundenen Services zusammen.

IT-DIRECTOR: Ein wichtiges Standbein für Bull ist nach wie vor das High Performance Computing. Wie sind Sie hier aufgestellt?
G.-L. Leonhart:
Drei Installationen der weltweit 20 größten Rechnersysteme stammen von uns, womit wir bei den HPC-Anbietern ganz vorne mitspielen. Hierzulande setzen das Forschungszentrum Jülich sowie die Universitäten in Aachen, Dresden, Düsseldorf, Köln und Münster auf unsere Supercomputer. Im Rahmen sogenannter Leuchturmprojekte gehen wir mit Hochschulen auch Kooperationen zu Forschungszwecken ein, zuletzt so geschehen bei der TU Dresden.

IT-DIRECTOR: Welche Systeme kommen dabei zum Einsatz?
G.-L. Leonhart:
Wir haben mit der TU Dresden einen Vertrag über eine Forschungskooperation sowie die Lieferung eines Peta­flop-Supercomputers geschlossen. Nach dessen Installation, die in zwei Phasen vorgesehen ist, soll der Hochleistungsrechner mit einem Investitionsvolumen von brutto 15 Mio. Euro der Forschung in ganz Sachsen zugutekommen. Dabei wird das System mehr als 100 laufende wissenschaftliche Projekte aus einer Vielzahl von Forschungseinrichtungen unterstützen.

In der Endausbaustufe soll das System eine Gesamtleistung von mehr als einem Petaflop erreichen – das sind 1.000.000 Mrd. Rechenoperationen pro Sekunde. Um diese Leistung zu erreichen, werden in unserem Supercomputer mehrere Tausend Prozessorkerne der neuesten Intel-Xeon-Prozessorgeneration arbeiten. Desweiteren wollen wir im Rahmen der Kooperation gemeinsam mit der TU Dresden die Entwicklung einer Softwarelösung zur Messung und Optimierung der Energieeffizienz von HPC-Systemen vorantreiben.

IT-DIRECTOR: Wie energieeffizient können diese Mega-Rechner arbeiten?
G.-L. Leonhart:
Unsere Hardware basiert auf einem Liquid-Cooling-System, wobei die direkte Kühlung der Hardware auf Basis von rund 30 Grad warmem Wasser vonstatten geht. Nach der Kühlung ist das Wasser auf ca. 70 Grad erhitzt und kann beispielsweise als Heizung des Firmengebäudes fungieren. Auf diese Weise lässt sich die entstehende Abwärme effektiv nutzen.

IT-DIRECTOR: Wie viel Energie kann man damit sparen?
G.-L. Leonhart:
Wir haben die in unseren HPC-Clustern eingesetzten Blades selbst entwickelt, um das Warmwasser direkt in das Chassis einleiten zu können. So wird die Wärme genau dort abgeleitet, wo sie entsteht – nämlich an den Prozessoren und dem Hauptspeicher. Auf Basis verschiedener Messungen ermittelten wir, dass der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) eines solchen Clusters mit Hilfe dieser Methode auf 1,1 gesenkt werden konnte. Im nächsten Schritt kann bei der Verwendung mehrerer solcher Cluster die Kühlleistung für das gesamte Rechenzentrum deutlich gesenkt werden.

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