Die Pandemie hat das Thema „Digitalisierung“ in Deutschland zwar beschleunigt, aber eine ganze Reihe an Hindernissen bremst die Prozesse aus.
So ergab jüngst eine vom Eco-Verband beauftragte Civey-Umfrage, dass 71 Prozent der Deutschen unzufrieden mit der aktuellen Digitalpolitik sind. Besonders großen politischen Handlungsbedarf sehen die Befragten laut Studie in den Bereichen „Digitale Verwaltung“ (44,8 Prozent), „Digitale Infrastruktur“ (43,8 Prozent) und „Cybersicherheit“ (43,5 Prozent). Im europäischen Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) der EU-Kommission belegt Deutschland gerade einmal Platz 13. „Zum digitalen Aufbruch, wie ihn die Bundesregierung aktuell in ihrem Koalitionsvertrag vorsieht, ist es leider noch ein weiter Weg“, meint Alexander Rabe, Geschäftsführer des Eco-Verbands. „Was wir brauchen, ist eine Digitalpolitik mit Weitblick, die sich nicht dem Ressortprinzip beugt und gleichzeitig rasch auf akute Krisen und Herausforderungen wie die Energie- und Klimakrise reagieren kann.“ Dass Deutschland im DESI-Ranking nicht über einen Platz im Mittelfeld hinauskommt, hat laut Klaus Fetzer, Geschäftsführer für die Branchen „Public Sector“ und „Healthcare“ bei Arvato Systems, durchaus Gründe: „Anders, als es etwa in baltischen Ländern der Fall ist, kann die Digitalisierung der Verwaltung in Deutschland nicht auf der grünen Wiese beginnen. Es gibt historisch gewachsene Strukturen – man denke nur an den Föderalismus, der hier ein wirklich wichtiges Element ist. In vielen Bereichen stellt ein solcher Verwaltungsapparat ein hohes Maß an Qualität sicher. Hinsichtlich Digitalisierung ist er jedoch oft ein Hemmschuh.“
Verwaltungen stehen beim Thema „Digitalisierung“ grundsätzlich vor größeren Hürden als die Privatwirtschaft. Das habe zum einen gesetzliche Gründe, erläutert Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der DSAG: „Viele Gesetze sind schwer digitalisierbar, was sich gut am Onlinezugangsgesetz (OZG) beobachten lässt. Es musste dort erst einmal eine verfahrenstechnische Grundlage geschaffen werden, um Vorgänge elektronisch durchzuführen.“ Ein weiterer Punkt seien die komplexen Strukturen im öffentlichen Dienst, die spontane Änderungen nicht gerade begünstigen. „Es fehlen zudem Fachkräfte und die Zeit, um elektronische Verfahren einzuführen“, so Hungershausen. Neue Technologien müssten auch ausgeschrieben werden, was Entscheidungen weiter verlangsamt. In Deutschland komme noch das föderale System hinzu. Die Kleinteiligkeit der Zuständigkeiten macht es schwierig, in Fragen der Digitalisierung einen übergeordneten Konsens zu finden. Selbst auf Bundesebene gibt es das Ressortprinzip, was einheitliche Entscheidungen erschwert, wenn nicht sogar verhindert. „Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung wird aber nur dann gelingen, wenn auch die darunterliegende IT-Infrastruktur passt“, betont Klaus Fetzer, „und mit der IT-Strategie des Bundes gibt es ein Gesamtkonzept, das durchaus Hand und Fuß hat.“ Als Beispiel nennt er die Registermodernisierung: Es gebe Abermilliarden an Datensätzen, die in heterogenen Registersilos separiert liegen. „Behörden dürfen diese Informationen aus Datenschutzgründen nicht austauschen – etwa um Anträge schneller zu bearbeiten“, weiß der Experte. Die Einführung der personenbezogenen Identifikationsnummer im Rahmen des Registermodernisierungsgesetzes (RegMoG) sei hier ein Schritt in die richtige Richtung hin zu einer behördenübergreifenden Datenbereitstellung. Darüber hinaus gibt es durchaus Teilbereiche, die bereits digitalisiert sind. So reichen z.B. drei Viertel der Deutschen ihre Steuererklärung über das Elster-Portal ein. Allein dieses Beispiel zeigt: Es kann funktionieren.
Aber es geht längst nicht nur um die öffentliche Verwaltung. „Generell müssen wir eine positiv besetzte Diskussion anstoßen, die die immense Bedeutung von Daten und deren fundamental wichtigen Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft in den Mittelpunkt rückt“, fordert der BVDW-Präsident Dirk Freytag. „Daten stellen unbestritten die zentrale Grundlage für ein zukunftsfähiges Deutschland dar, dessen muss sich jeder bewusst sein.“ Statt immer wieder die Risiken zu betonen, plädiere der BVDW für einen sinnvollen, freien und verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Dafür müsse auch die Ausbildung im digitalen Zeitalter ankommen, meint Freytag: „Für den Nachwuchs bedeutet das beispielsweise, er muss bereits in der Schule anfangen, zu programmieren. Gleiches gilt für die Fortbildung und die Wirtschaft.“ Im Zuge der Digitalisierung wird qualifiziertes, spezialisiertes IT-Personal immer wichtiger – das gilt auch im SAP-Umfeld. In den kommenden Jahren wird die komplette Baby-Boomer-Generation in Rente gehen. Gleichzeitig kommen zu wenige Menschen auf den Arbeitsmarkt nach und viele neue, anspruchsvolle Jobprofile entstehen, für die Personal erst einmal ausgebildet werden muss. „Studien sprechen hier von mehr als 250.000 freien Stellen im MINT-Bereich, davon ein Großteil in der IT. Die Lücke zwischen Jobangeboten und passenden Experten bremst den technologischen Fortschritt und stellt Unternehmen vor große Herausforderungen“, so Hungershausen. Aus Sicht der DSAG müsse daher ein stärkerer Wissenstransfer zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft erfolgen, um junge Talente praxisorientiert auszubilden. Auch Eco-Geschäftsführer Alexander Rabe sieht die Qualifizierung als einen wichtigen Baustein des digitalen Wandels an: „Digitale Kompetenzen sind essenzieller Erfolgsfaktor für den Digitalstandort Deutschland. Sie führen zu Innovationsstärke und sind daher essenzielle Erfolgsfaktoren sowohl für den beruflichen Erfolg jedes Einzelnen als auch für die digitale Souveränität und die Wettbewerbsfähigkeit des Digital- und Wirtschaftsstandorts Deutschland.“
Das gelte im Übrigen auch für das Personal in der öffentlichen Verwaltung, ergänzt Klaus Fetzer. Es müsse Fortbildungsangebote wie Webinare und Schulungen geben, um das Verwaltungspersonal besser mitzunehmen. Ebenso wichtig findet der Experte, die Transformation ganzheitlich zu begleiten – Stichwort „Change Management“. „Dass zwei Ämter aus technischer Sicht nicht miteinander kommunizieren können, ist keine Frage des ,Das haben wir schon immer so gemacht‘. Nein, es braucht zeitgemäße Lösungen – und den Willen, sie umzusetzen“, meint Fetzer. Also nichts Geringeres als einen kompletten Kulturwandel in der öffentlichen Verwaltung. „Wir müssen endlich von den Bürgern und ihren Bedürfnissen her denken: weg von formularbasierten, hin zu nutzerbasierten Prozessen“, so der Experte.
Letztlich gibt es für die Digitalisierung kein Patentrezept. Klar ist, dass kein Weg an ihr vorbeiführt, will Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen und die großen Herausforderungen unserer Zeit wie den Klimawandel, den Fachkräftemangel oder die Energiekrise bewältigen. „Der Kern ist auch hier die Verwendung und Verarbeitung von Daten“, meint Dirk Freytag. Nur mit einem vernünftigen und gleichzeitig verantwortungsvollen Umgang mit Daten ließen sich die Klimaziele erreichen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft sichern. „Leider lässt die Agenda 2023 der EU-Kommission hierzu jedoch keine Ansätze erkennen“, kritisiert Freytag. „Fakt ist aber, nur der Einsatz von Daten macht unsere Wirtschaft effizienter und weniger ressourcenintensiv und trägt so dazu bei, den ökologischen und klimapolitischen Wandel positiv zu gestalten.“ Die finanzielle Förderung von Glasfaser- und Netzausbau unterstütze Unternehmen im Tiefbau und in der Kabelindustrie, für innovative Angebote und kreative Anwendungen würden in der aktuellen Digitalstrategie der Bundesregierung jedoch übergreifende Konzepte fehlen, kritisiert der Experte.
„Digitalisierung ist nur dann effizient, wenn sie flächendeckend und standardisiert eingeführt wird“, betont Jens Hungershausen. Die Corona-Pandemie habe zwar die Digitalisierung in den Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung beschleunigt. „Insgesamt sind wir jedoch noch lange nicht dort angekommen, wo wir sein könnten und müssten“, so der DSAG-Vorsitzende. Auch Klaus Fetzer sieht noch viele Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Schließlich seien mit der Digitalisierung auch enorme Chancen verbunden: „Wie wäre es etwa, wenn unser Auto erkennen würde, wer einsteigt? Und ob diese Person berechtigt ist, das Fahrzeug zu führen? Das klingt ein wenig nach Science-Fiction, doch in Zusammenarbeit mit den Automobilkonzernen ließen sich innovative Lösungen entwickeln, an die wir heute noch gar nicht denken“, so Fetzer. „Ich würde mir wünschen, dass auch die Politik über den Tellerrand schaut – ganz so, wie sie es etwa von forschenden Unternehmen erwartet.“
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