Mit seiner Expertise im Lieferketten- und Werkstoff-Management treibt Dr. Sebastian Fabel die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle voran.
ITD: Herr Fabel, im Rahmen der Materials-as-a-Service-Strategie unterstützen Sie als Anbieter Kunden bei der Digitalisierung ihrer Lieferketten. Welche Chancen bietet ein digitalisiertes Lieferketten-Management?
Fabel: Der Grundgedanke ist simpel: Digitalisierung schafft Transparenz. Erst wenn bestimmte Daten einsehbar sind, werden Optimierungspotenziale ersichtlich. Das gilt auch für komplexe globale Lieferketten. Mit digitalen Lösungen wird es Unternehmen möglich, Lieferungen und Prozesse akkurater und effizienter zu planen – und dies nahezu in Echtzeit. So können etwa Fehllieferungen oder kurzfristige Änderungen in der Bedarfsplanung vermieden werden. Das ist nicht nur ressourcen- und kostenschonend, sondern auch nachhaltiger. Ich bin zudem überzeugt, dass End-to-End(E2E)-Datenkollaboration weitere messbare Chancen über die gesamte Lieferkette hinweg birgt.
ITD: Was genau bedeutet E2E-Datenkollaboration im Kontext von Lieferketten?
Fabel: Seit Jahrzehnten kämpfen Supply Chain Manager mit dem Bullwhip-Effekt. Unternehmen neigen dazu, im Falle von Unsicherheiten bei Bestellungen auf einen erhöhten Pufferanteil zu setzen. Unter anderem durch zeitverzögerte und unvollständige Kommunikation zwischen aufeinanderfolgenden Stufen der Lieferkette, schaukelt sich dieser Effekt bis zum Tier-n-Produzenten voll auf. Dort führt er zu immer größer und schwieriger zu erfüllenden Bestellmengen. Das führt wiederum zu Lieferunfähigkeit oder sogar dem Zusammenbruch der Lieferkette – wir haben es zu Beginn der Corona-Pandemie alle bei Nudeln im Supermarkt erlebt. Unsere Vision ist die digitale Datenkollaboration über alle Akteure der Lieferkette hinweg, also End-to-End. Wenn Unternehmen ihre Transaktionsdaten miteinander teilen, also auch Auftragsvolumen bis zu einem gewissen Grad transparent machen ohne Betriebsgeheimnisse verraten zu müssen, können wir dem Bullwhip-Effekt aktiv entgegenwirken – und somit die Versorgungssicherheit stärken.
ITD: Nachhaltigkeit und Resilienz von Lieferketten rücken zunehmend in den Fokus. Welche Potenziale bietet Künstliche Intelligenz (KI) dafür?
Fabel: Dass der Einsatz von KI für die Logistik und das Supply Chain Management großes Potenzial hat, steht außer Frage – sei es in Bereichen wie Forecasting, Planung oder Steuerung der Lieferketten. Wir bieten unseren Kunden bereits einige Lösungen an, die auf KI basieren. So stellt beispielsweise unsere Software Pacemaker auf Basis von Produktionsdaten, Vergangenheitswerten, Nachfrageprognosen, Marktdaten sowie weiteren Metadaten rund einen Tag früher akkurate Prognosen zur Verfügung. So können etwaige Anpassungen in der Disposition frühzeitig vorgenommen oder eingeplant werden. Das hilft Unternehmen mittel- und langfristig dabei, die Anzahl an Transporten sowie ihre Bestands- und Lagerkosten zu reduzieren. Insbesondere für die Umwelt ist das ein wichtiger Gewinn. Dabei werden wir in Zukunft noch viele Potenziale heben können, denn die KI wird mit jeder Entscheidung schlauer.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Gibt es Stolpersteine, die Unternehmen bei der Digitalisierung ihres Supply Chain Managements im Blick behalten sollten?
Fabel: Idealerweise ist die Digitalisierung der Supply Chain ein integraler Bestandteil der gesamten Digitalisierungsstrategie eines Unternehmens und wird nicht losgelöst davon betrachtet. Nur wenn Einzelprozesse gut aufeinander abgestimmt sind und sich harmonisch in ein Gesamtbild einfügen, hat auch eine digitale Supply Chain Aussicht auf Erfolg. Am entscheidendsten ist der Faktor Mensch: Die Mitarbeiter müssen sorgfältig in die Veränderung gewohnter Abläufe eingebunden werden. Das erhöht nicht nur die Akzeptanz der Neuerungen, sondern sorgt ebenso für mehr Effizienz. So ist es auch bei der E2E-Datenkollaboration. Sie scheitert in den seltensten Fällen an fehlenden Technologien, sondern an fehlendem Vertrauen zwischen verschiedenen Akteuren, mangelnder Akzeptanz oder unklarer Governance.
Bildquelle: Thyssenkrupp Materials Services