Christian Rauch: „Das Know-how ist eine wichtige Komponente, allerdings ist es schnelllebig.“
ITD: Herr Rauch, wie läuft es zurzeit in Sachen „Digitalisierung“ von Wirtschaft und Gesellschaft? Wo liegen die größten Herausforderungen und in welchen Bereichen sind spürbare Fortschritte passiert?
Rauch: Schleppend. Wo die Digitalisierung im privaten Umfeld unaufhaltbar voran schreitet, und wie selbstverständlich durch den Verbraucher konsumiert wird, kommt diese im Unternehmenskontext, v.a. aber in der öffentlichen Verwaltung, kaum spürbar voran.
ITD: Was sind aus Ihrer Sicht die treibenden Motive deutscher Unternehmen, sich digitaler aufzustellen?
Rauch: Bei wenigen das echte Verständnis für ihr Kerngeschäft, und wie sie dieses durch die Möglichkeiten der Digitalisierung verändern, gestalten und ausbauen können. Bei der Mehrheit der Unternehmen drängt sich der Eindruck auf, man „müsse“ Digitalisierung betreiben, weil es irgendwie ja alle anderen auch tun. Es ist eher ein Mitschwimmen, als dass es einem klaren, strategischen Geschäftsziel folgt.
ITD: Inwieweit wirken sich die aktuellen Krisen und Unsicherheiten (Ukraine-Krieg, Inflation etc.) auf aktuelle Digitalisierungsvorhaben aus?
Rauch: Nach unserem Empfinden gar nicht. Digitalisierungsvorhaben im Kerngeschäft sind nicht von Budgetkürzungen o.ä. betroffen, und werden auch nicht verschoben. Durch Digitalisierung erwartet man sich i.d.R. mehr Unabhängigkeit, Kostensenkungen und höhere Flexibilität, um auf Markt- und gesellschaftliche Änderungen zu reagieren. Damit wird die Digitalisierung eher als Notwendigkeit gesehen, diesen aktuellen Veränderungen zu begegnen.
ITD: Inwieweit sehen Sie die Digitalisierung durch den Fachkräftemangel gefährdet?
Rauch: Kaum, wenn die Unternehmen neue, kreative Wege finden, Fachkräfte zu finden und zu binden. Lokalität, formale Ausbildung u.ä. spielen eine immer untergeordnetere Rolle. Wer intelligentes Sourcing im Personalstamm betreibt, kann seine Digitalisierungsvorhaben mit Geschwindigkeit umsetzend.
ITD: Immer wieder wird diskutiert, dass Informatik im deutschen Schulunterricht eine viel stärkere Rolle spielen sollte, gar Pflichtfach sein müsste. Welche Rolle spielt das Know-how von Fachkräften tatsächlich beim Thema „Digitalisierung“
Rauch: Das Know-how ist eine wichtige Komponente, allerdings ist es schnelllebig. Das heißt eine schulische Ausbildung kann maximal ein Grundverständnis im Kontext der Digitalisierung vermitteln. Die Fachkraft muss heute beständig lernen und zeichnet sich weniger durch die vorhandene Fachexpertise als vielmehr durch Neugierde, ein breites Verständnis für die wesentlichen Zusammenhänge und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen aus. Und: Digitalisierung bedeutet nicht 1:1 Informatik.
ITD: Welche Strategien sollten Unternehmen und Behörden jetzt verfolgen, um die Hürden bei der Digitalisierung zu überwinden? Fällt Ihnen ein gutes Best-Practice-Beispiel ein?
Rauch: Die Digitalisierung unternehmensinterner Prozesse bzw. Arbeitsabläufe muss gestärkt werden, um gerade bei knapper Personaldecke den Mitarbeitern eine motivierende und zeitgemäße Arbeitsumgebung zur Verfügung zu stellen, die Routineaufgaben minimiert und Zeit und Fokus für die wesentlichen Tätigkeiten ermöglicht. Und: Digitalisierung sollte nicht nur rein „technisch“ verstanden werden. Der Einsatz neuer Technologien und digitaler Services ermöglicht auch oftmals die Veränderung von Arbeitswesen bis hin zu Entscheidungsprozessen. Wer also die Digitalisierung als Möglichkeit versteht, Zusammenarbeits- und Entscheidungsmodelle im Unternehmen neu zu gestalten, wird auch in Zeiten des Fachkräftemangels als attraktiver Arbeitgeber und erfolgreiches Unternehmen bestehen können.
Bildquelle: iTSM Group