„Barcodes werden mittel- und voraussichtlich auch langfristig nicht gänzlich durch RFID abgelöst“, ist sich Frank Schmelzer, Leiter Business-Unit Intralogistik bei der Orbis AG, sicher.
IT-DIRECTOR: Herr Schmelzer, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse von Großunternehmen an Supply-Chain-Management-Projekten (SCM)?
F. Schmelzer: In 2011 ist die Nachfrage enorm gestiegen. Allerdings sind hier sicher auch Effekte durch die während der Finanzkrise zurückgehaltenen Investitionen enthalten. Vor allem die schon länger im SAP-Portfolio enthaltenen Themen Absatzplanung, Netzwerkplanung und Kapazitätsplanung sind auf dem Vormarsch.
IT-DIRECTOR: Inwieweit kommt in aktuellen SCM-Projekten die RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) zum Einsatz? Wie groß ist die Nachfrage?
F. Schmelzer: RFID ist in unserem Kundenkreis eher ein Thema der Lager- und Versandprozesse, die nach mancher Interpretation auch zum Thema SCM gezählt werden.
IT-DIRECTOR: In welchen Branchen ist RFID generell sinnvoll, wo ist sie nicht einsetzbar?
F. Schmelzer: RFID ist grundsätzlich in allen Branchen von Industrie und Handel einsetzbar, da innerhalb der Logistik stets Einsatzfelder für RFID existieren. Die Frage, ob ein Einsatz sinnvoll ist, kann nur im Gesamtkontext der internen und externen Logistikprozesse und daher branchenunabhängig zu beantwortet werden.
IT-DIRECTOR: Welche Möglichkeiten und Vorteile bietet jene Technologie?
F. Schmelzer: Die Möglichkeiten richten sich primär auf die Identifikation von Produkten, Ladungsträgen und Sendungen. Einer der Vorteile ist das „Anheften“ vieler Daten an das Objekt, was mit der Barcode-Technologie nur eingeschränkt möglich ist. Des Weiteren ist das „Ablesen/Erfragen“ der Informationen durch den Einsatz von RFID-Lesegeräten wesentlich einfacher. Es muss nicht punktgenau der Barcode gescannt werden, sondern die Informationen werden von den Tags (Transpondern) auf Anfrage gesendet. Das ermöglicht auch eine Erfassung mehrerer Produkte gleichzeitig (Pulkerfassung) ermöglicht.
IT-DIRECTOR: Was sind ihre Schwächen?
F. Schmelzer: Aktuell liegen die Schwächen zum einen in der Beeinflussung der Kommunikation durch Metall und Flüssigkeiten und zum anderen in der Höhe der Investitionen zum Aufbau der notwendigen Infrastruktur sowie den höheren laufenden Kosten durch die Nutzung der teureren RFID-Labels. Hinzu kommt, dass erst eine Durchdringung der gesamten Lieferkette (auch bei Lieferanten und Kunden) die Nutzenpotentiale die Investitionen rechtfertigen. Diese Durchdringung ist derzeit noch nicht vorhanden.
IT-DIRECTOR: Kann RFID auf Dauer den Barcode ersetzen?
F. Schmelzer: Barcodes werden mittel- und voraussichtlich auch langfristig nicht gänzlich durch RFID abgelöst, da zum einen die Auszeichnung der Endprodukte in Branchen, wie Lebensmittel- und Elektroindustrie, aufgrund der hohen Stückzahlen zu teuer ist. Weiterhin ist die Lebensdauer eines Transponders bzw. dessen Störanfälligkeit noch nicht im großen Umfang ausreichend getestet.
IT-DIRECTOR: Welche Wirtschaftlichkeit schreiben Sie der RFID-Technologie zu? Wie lang ist die Amortisationsdauer?
F. Schmelzer: Durch die hohen Investitionskosten wird eine Amortisationsdauer von ein bis drei Jahren, abhängig von der Reduzierung der Prozesskosten, derzeit noch die Regel sein.
IT-DIRECTOR: Welche Zukunft sagen Sie RFID voraus?
F. Schmelzer: Aufgrund der hohen Investitionskosten in die Infrastruktur im eigenen Unternehmen als auch bei den Zulieferern und Kunden ist ein wirtschaftlicher Einsatz nur dann möglich, wenn Prozesse stark vereinfacht werden können. Da die Durchdringung noch sehr gering ist, wird die Zukunft von RFID im Wesentlichen von den Kosten der Hardware und Softwareumstellung, dem Vertrauen in die Technologie (weitere Reduzierung der Lesefehlerquote) sowie von Unternehmen, die die Möglichkeiten und den Einfluss haben, die Technologie über den gesamten Logistikprozess zu implementieren, abhängen. Eine durchgängige Nutzung von RFID in gewissen Branchen wird frühestens in fünf bis zehn Jahren zu erwarten sein.