Digitale Transformation

Dynamisch, aber ausbaufähig

Auch wenn die Digitalisierung in Deutschland durch Corona einen Boost erlebt hat, ist das Thema durchaus noch ausbaufähig. Im Interview zeichnen zwei Experten von Huawei Deutschland ein Bild der Lage: Ingobert Veith, Director Public Policy, und Dr. Michael Lemke, Senior Technology Principal (ICT).

  • Dr. Michael Lemke, Senior Technology Principal (ICT) Huawei Deutschland

    Dr. Michael Lemke, Senior Technology Principal (ICT) Huawei Deutschland

  • Ingobert Veith, Director Public Policy Huawei Deutschland

    Ingobert Veith, Director Public Policy Huawei Deutschland

ITD: Herr Lemke, Herr Veith, wie beurteilten Sie den Stand der Digitalisierung in Deutschland mit Blick auf Breitbandausbau, Netzabdeckung, Unternehmensinvestitionen?
Ingobert Veith:
Mit Bezug auf die Digitalisierung ist das Bild nicht ganz einheitlich, aber es besteht noch Nachholbedarf. Aktuell sehen wir hier insbesondere KMU als wirtschaftliches Rückgrat mit Potential. Themen sind hier interne Prozesse, passgenaue und mit der Wertschöpfung verzahnte Geschäftsmodelle sowie ein Blick auf ihre Innovationsmöglichkeiten durch Digitalisierungstechnologien wie (hybride) Clouds, künstliche Intelligenz und die Möglichkeiten, die sich aus 5G und WiFi6 erschließen lassen.

In Bezug auf den Breitbandausbau ist der Stand besser als allgemein wahrgenommen, aber es besteht die Erwartungshaltung, wesentlich schneller voranzuschreiten. Beispielsweise haben sich innerhalb der letzten sechs Jahre die allgemein verfügbaren Mobilfunkgeschwindigkeiten trotz drastisch zunehmender Datennutzung mehr als verdreifacht. Die existierenden Technologien haben es auch erlaubt, die Mobilfunknetze rasch auf 5G umzustellen. Der weitere Ausbau mit 5G, insbesondere im Bereich gewerblicher Nutzung (5G Campusnetze), läuft gerade an.

Im Glasfaserausbau herrscht Dynamik, die sich bald auch in den entsprechenden absoluten Zahlen abbilden wird. Die Investitionsbereitschaft steigt, insbesondere im Zuge der Covid-19 Pandemie, und verdeutlicht die stark gesteigerte Wahrnehmung der Wichtigkeit der Digitalisierung.

ITD: In welchen Segmenten sind Ihrer Meinung nach besonders hohe Investitionen notwendig, um Deutschland zum digitalen Vorreiter zu machen?
Veith:
Unbestritten bleibt der Bedarf im Bereich Netzinfrastruktur insbesondere entlang der Mobilitätstraßen und für die Gewerbegebiete, wo die Digitalisierung die meisten Hebeleffekte auf die Wirtschaft erwarten lässt.

Auch sind Investitionen für die Digitalisierung im Bereich der Verwaltung unerlässlich, denn die Digitalisierung kann nur Fahrt aufnehmen, wenn Verwaltungsvorgänge soweit wie möglich vereinfacht und im Netz stattfinden können – die Pandemie hat das unwiderruflich deutlich gemacht. Mindestens im gleichen Umfang müssen Investitionen im Schul- und Bildungsbereich getätigt werden.

Schließlich sind Investitionen in die souveräne Nutzung und Weiterentwicklung der Digitalisierungstechnologien wesentlich, wobei es insbesondere um die Nutzung der bereits genannten Basistechnologien geht. Die zukünftige Innovationsfähigkeit und die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland hängen entscheidend davon ab. Bei Künstlicher Intelligenz sind die Weichen mit den entsprechenden Programmen bereits gestellt, das Hauptaugenmerk liegt nun auf ihrer beschleunigten Anwendung.

ITD: Welche Fortschritte sehen Sie im Bereich der „Digitalisierung ländlicher Raum“, bspw. hinsichtlich Breitbandausbau und Netzabdeckung?
Michael Lemke:
Gerade im ländlichen Raum spielt 5G eine bedeutende Rolle. Für eine umfassende Versorgung können in Siedlungs- und Gewerbegebieten Synergien zwischen dem Glasfaserausbau und der Mobilfunkversorgung im Allgemeinen und 5G im Speziellen genutzt werden.

Aus technischer Sicht lassen sich diese Synergiepotenziale beispielsweise durch Infrastruktur-Sharing beheben. Ferner bietet sich an, allgemeine Mobilfunkinfrastrukturen auch für die häusliche, stationäre Anwendung nutzbar zu machen. Schließlich sind viele 5G-Anwendungen von zentraler Bedeutung für den ländlichen Raum: Angefangen bei der Telemedizin über autonome Mobilitätsangebote bis hin zur Digitalisierung von Prozessen in der Land- und Forstwirtschaft.

ITD: Wie verläuft der 5G-Ausbau Ihrer Meinung nach?
Lemke:
Deutschland hat wichtige erste Schritte in Richtung 5G unternommen. Die Mobilfunknetzbetreiber haben schnell eine erste Versorgung der Bevölkerung mit einer relativ breiten Abdeckung gesichert. Dabei lag der Fokus auf der Aufrüstung bestehender Basisstationen auf 5G und der Nutzung vorhandener Frequenzbänder. Hier kommt die sogenannte „Dynamic Spectrum Sharing“-Technologie zum Einsatz, die eine intelligente gleichzeitige Nutzung von 4G und 5G auf einer Frequenz ermöglicht.

ITD: Mit welchen Technologien könnte man die Abdeckung steigern? Gibt es praktikable Alternativen zum 5G-Ausbau?
Lemke:
Aus infrastruktureller Sicht könnten folgende Ansätze bei der Skalierung des 5G-Ausbaus helfen: Einsatz vollintegrierter, vorgefertigter und effizienterer Mastlösungen zur Abdeckung des ländlichen Raums und entlang wichtiger Transportwege auch unter Nutzung von Richtfunkanbindungen.

Zusätzliche vereinfachte 5G-Antennen in die kommunale Infrastruktur (bspw. auf Dächer) integrieren und so Siedlungs- und Industriegebiete mit 5G versorgen.
Mit Blick auf Synergien könnten „fixed-wireless“-Ansätze im C-Band, aber auch im Millimeterwellen-Spektrum eingesetzt werden. Dadurch würden mobile Infrastrukturen im öffentlichen Raum auch für Haushalte, die beispielsweise schwerer Glasfaser versorgt werden können, erschlossen.

Darüber hinaus gibt es weitere Ansätze, die zukünftig für Anwendungsfälle eine Rolle spielen könnten, beispielsweise LEO Satellitennetze, eine komplementäre Alternative für die Netzversorgung in schwer erschließbaren ländlichen Räumen.

ITD: 2019 lag die Abdeckung mit Glasfaserabdeckung in Deutschland bei 11 Prozent und damit erheblich hinter den meisten europäischen Nachbarländern. Wie sehen Sie die Entwicklung der Glasfaser-Abdeckung bis in Gebäude?
Veith:
Ohne das Miteinander der verschiedenen Marktteilnehmer und ohne den Ausbau von Glasfaserleitungen wird es nicht funktionieren – egal, ob die Glasfaser dabei bis zum Kunden oder nur zum Kabelverzweiger reicht. Eine maßvolle Regulierung und pragmatische Entscheidungen im Einzelfall können hier das Thema weiter vorantreiben. Neue, sich abzeichnende nicht-invasive Verlegetechnologien werden die Erschließung bis ins Gebäude erleichtern. Am Ende des Tages hängt der Ausbau aber oft an bürokratischen Hürden, wie zeitaufwändigen und komplizierten Genehmigungsverfahren. Dieser Engpass ist bekannt, aber immer noch nicht ausreichend umgesetzt. Einschlägige Verbesserungsvorschläge der Branche liegen den öffentlichen Entscheidungsträgern vor.

ITD: Welche Digitalisierungsprojekte haben Ihrer Meinung nach hierzulande in Zukunft die höchste Priorität? Auf welchem Stand wird die Technologie Ihrer Meinung nach in fünf bis zehn Jahren sein?
Veith:
Richtet man den Blick auf den aktuellen Status privater 5G-Campusnetze sind vielversprechende „Proof-of-Concepts“ und Piloten zu nennen. Allerdings muss man hier konstatieren, dass es sich immer noch um einen Trial-Status handelt. Unsere Erfahrungen mit 5G-Campus-Projekten zeigen, dass kein Projekt dem anderen gleicht. Diese erfordern Anpassungs- und Integrationsfähigkeiten.

Beide Kompetenzen stimmen wenig mit der derzeitigen Prozess-Struktur der Netzbetreiber überein, die durch Massenmarkt, Einheitlichkeit und hochgradige Automatisierung gekennzeichnet ist.

Kooperationen sind daher von großer Bedeutung. Ein gesundes und reichhaltiges Ökosystem ist der Schlüssel. Dieses entfaltet sich innerhalb mehrdimensionaler, zu entwickelnder Geschäftsmodelle. Hier muss der deutsche Markt sicherlich noch einen weiten Teil des Weges gehen.

Ein Ausblick auf 5 bis 10 Jahre hinaus bleibt natürlich vage, aber auf jeden Fall werden die heute diskutierten Technologien wie Cloud, KI, 5G usw. im regulären Einsatz sein und die sich bereits heute abzeichnenden Lücken durch evolutionäre Fortentwicklungen und auch durch Sprunginnovationen geschlossen sein. Es wird um 6G gehen, Konnektivität und Computing werden stärker verschränkt, Quantenkonzepte werden das Thema Sicherheit und Spezialanwendungen beherrschen. Es wäre auch erstrebenswert, dass alle Technologien dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet und die Effekte klar erkennbar sind.

Bildquelle: Huawei Deutschland  

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