Einsatzszenarien von Business Analytics

Echtzeit als Maßstab

Interview mit Dirk Heitmann, Direktor Business Analytics bei IBM in Deutschland, über heutige und künftige Einsatzszenarien von Business Analytics sowie deren ­Zusammenspiel mit Big Data

Dirk Heitmann, IBM

Dirk Heitmann, IBM Deutschland

Laut der weltweiten IBM-Studie „Analytics: Big Data in der Praxis“, bei der 1.150 Unternehmen befragt wurden, glauben 63 Prozent der Verantwortlichen, sich mit Big-Data- und Analytiktechnologien einen Wettbewerbsvorteil verschaffen zu können. 2010 waren erst 37 Prozent dieser Auffassung – ein Anstieg um 70 Prozent in zwei Jahren. Aktuell wird Business Analytics oftmals noch vorrangig für das Finanzreporting und zur Unternehmenssteuerung eingesetzt. Die Studie zeigt jedoch, dass Unternehmen vor allem nach Mitteln und Wegen suchen, wie sie eine größere Nähe zu ihren Kunden herstellen können. Mangels Analysekompetenz werden hierfür externe Daten, die Einfluss auf den Absatz oder andere relevante Parameter haben, jedoch noch zu wenig genutzt.

IT-DIRECTOR: Herr Heitmann, gemäß der erwähnten Studie zeigen die Wachstumsraten von Business Analytics in den nächsten fünf Jahren steil nach oben – wie wird dies Unternehmen verändern?
D. Heitmann:
Analytics-Technologien werden in fünf Jahren in den meisten Firmen zur Standardausstattung der IT gehören. Dafür ausschlaggebend sind drei Gründe: Erstens werden immer mehr Daten produziert, die mit den neuen Werkzeugen schnell ausgewertet werden können. Zweitens wird die Technologie zunehmend preiswerter – der berühmte Return on Investment ist vielfach schon nach wenigen Monaten erreicht. Drittens bietet das Analyse-Instrumentarium bessere Möglichkeiten, Geschäftsabläufe und Entscheidungsprozesse gezielt zu unterstützen. Denn neben dem klassischen Einsatz im Finanzreporting können diese Instrumente wertvolle Erkenntnisse liefern, etwa im Marketing, in der Produktionssteuerung oder der Produktentwicklung. Hinzu kommen vollkommen neue Prognosemöglichkeiten, die ebenfalls in diesen Tools stecken.

IT-DIRECTOR: Können Sie uns konkrete Beispiele nennen?
D. Heitmann:
Das Unternehmen Meteolytix erstellt für eine deutsche Bäckereikette tagesaktuell detaillierte Vorhersagen für den Absatz der Brot- und Brötchensorten sowie von Feingebäck. Die IT-gestützten Prognosen sind wesentlich genauer als die bisher üblichen Schätzungen, weil sie nicht mehr nur auf Verkaufsdaten aus der Vergangenheit beruhen, sondern auch die Wettervorhersage des nächsten Tages berücksichtigen. Warum sind die Wetterdaten wichtig? Meteolytix stellte fest, dass offenbar ein starker Zusammenhang zwischen Wetterlage und Kaufverhalten besteht. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, nicht mehr nur nachzuvollziehen, was gestern passiert ist oder was gerade geschieht. Die Möglichkeit, riesige Datenmengen in kürzester Zeit zu analysieren, macht auch die Prognosen darüber, was kommt, immer verlässlicher. Das spart Geld und hilft bei den Entscheidungsprozessen. Aber nicht nur das Bäckerhandwerk profitiert, immer mehr Branchen nutzen Analytics, etwa zur Auswertung von Fahrzeugdaten für die Entwicklung und Wartung oder in der Kundenbetreuung. Hier liefern beispielweise semantische Analysen den Callcentern wichtige Hinweise darauf, ob ein Kunde abwanderungsgefährdet ist.

IT-DIRECTOR: Es werden ja vor allem immer mehr unstrukturierte Daten produziert – Stichwort Big Data. Wie kommen Business Analytics und Big Data zusammen?
D. Heitmann:
Big Data soll den Verantwortlichen Orientierung im Dickicht unstrukturierter Daten geben. Denn eine immer stärker vernetzte Welt generiert täglich eine Unmenge von Daten, wobei 80 Prozent davon unstrukturiert sind, also nicht nach bestimmten Kriterien aufbereitet werden können. Wir verschicken täglich Hunderte Milliarden E-Mails und posten Unmengen formloser Dokumente. Auch in Nachrichten, Blogs, Foren, Videos, Bildern oder Audiodateien können Informationen versteckt sein, die möglicherweise geschäftsrelevant sind. Aber welche Informationen transportieren sie? Klassische Datenbankprogramme können die Aufbereitung solcher unstrukturierter Daten nicht leisten. Big-Data-Werkzeuge schaffen das und Business Analytics hilft dabei, diese Daten intelligent zueinander in Beziehung zu setzen. Ein weiterer Trend, der sich in den nächsten Jahren verstärken wird, ist: Die Anforderungen an die Verarbeitungsgeschwindigkeit wachsen. Echtzeitanalyse, also die intelligente Auswertung und Verknüpfung von Datenströmen ohne Zeitverlust, wird zum Maßstab.

IT-DIRECTOR: Ein weiteres wichtiges Thema sind sogenannte In-Memory-Analysen, wie sie SAP Hana bietet. Wie schätzen Sie diese Technologie ein?
D. Heitmann:
In-Memory ist immer dann interessant, wenn Ergebnisse wirklich schnell vorliegen müssen. Sie sind insofern eher ein Ergänzungsbaustein für besonders zeitkritische Analysen etwa im Reporting, da die zeitlichen Anforderungen an das Berichtswesen zum Monats-, Quartals- und Jahresabschluss zunehmen. Hana ist sicherlich eine Möglichkeit, aber beileibe kein Allheilmittel. Es gibt kein „One size fits all“. Vielmehr bestimmen die konkreten Anforderungen eines Unternehmens, welcher Technologiemix den höchsten Nutzen bringt. Sollen strukturierte Daten analysiert werden, kann In-Memory, beispielsweise mit Cognos TM1, ein Baustein sein. Sind es unstrukturierte Daten, kommen auch ein Data Warehouse wie Netezza oder DB2 bzw. Infosphere ins Spiel.

IT-DIRECTOR: Welche Unternehmen setzen aus Ihrer Sicht Business Analytics besonders erfolgreich ein?
D. Heitmann:
Schon viele Unternehmen unterschiedlichster Branchen setzen auf ihre Anforderungen abgestimmte Analytiklösungen ein. Diese kommen u. a. aus der Automotive-, Retail- und Fertigungsbranche. Anschaulich ist das Beispiel des Windanlagenherstellers Vestas: Windturbinen sind mittlerweile so standardisiert, dass sie sich von Hersteller zu Hersteller kaum unterscheiden. Vestas hat mithilfe von Analytics dennoch einen Weg gefunden, sich im Markt zu differenzieren: Auf Basis von Geoanalysen und anderer Faktoren berechnet das Unternehmen den optimalen Standort von Windrädern und kann so auch den zukünftigen Output vorhersagen und vor allem optimieren. Analysen, die früher Wochen dauerten, können heute innerhalb weniger Stunden durchgeführt werden. Vor allem aber kann Vestas den Kunden genaue Aussagen darüber liefern, wie viel Energie die Anlage in den nächsten Jahren produzieren wird und wann der ROI erreicht sein wird. So hat der Anwender durch diese Lösung einen echten Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz erreicht.

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok