Tobias Stepan engagiert sich für die mobile Digitalisierung, innere Sicherheit und ein starkes, europäisches IT-Ökosystem.
ITD: Herr Stepan, warum ist die Interoperabilität von Messaging-Diensten wichtig?
Stepan: Die Interoperabilität von Messengern kann App-übergreifend ein nahtloses Benutzererlebnis ermöglichen. Zudem ist sie in der Lage, die Trennung zwischen Plattformen aufzuheben, die Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern oder Monopolen aufzulösen und den Nutzern wieder die Kontrolle über die eigenen Daten zurückzugeben. Denn die Interoperabilität von Messengern gestattet es verschiedenen Organisationen mit Tools unterschiedlicher Anbieter, sich miteinander zu verbinden. Diese Inter-Server-Kommunikation ist effizient und schnell, was besonders für Organisationen mit mobilen Arbeitskräften relevant ist: etwa für Blaulicht-, Sicherheits- und Rettungsdienstorganisationen sowie Polizeibehörden, die bei Großereignissen, Umweltkatastrophen oder grenzübergreifenden Fahndungen zusammenarbeiten müssen. Im Gesundheitswesen ist die Vernetzung von Kliniken und Krankenhäusern, Krankenkassen und Labors nicht nur für die Patienten von Vorteil. Auch Ministerien, Behörden und Kommunalverwaltungen profitieren von der Interoperabilität, etwa bei übergreifenden Bauprojekten.
ITD: Welche Rolle spielt der EU Digital Markets Act (DMA) in diesem Zusammenhang?
Stepan: Er betrifft vor allem die Aspekte „Monopolstellung“ und „Abhängigkeit“. Der DMA verpflichtet aktuell 22 Plattformdienste, darunter Amazon, Apple, Google, Meta und Microsoft dazu, ihre Daten mit ihren Wettbewerbern zu teilen und für die Interoperabilität ihrer Dienste zu sorgen. Mit dem DMA will die EU-Kommission also die Monopole der amerikanischen Gatekeeper aufbrechen. Hier spielt die Interoperabilität von Messengern und Kommunikationslösungen eine erhebliche Rolle: Wenn etwa Messenger (wie schon die E-Mail-Anbieter) interoperabel wären, würde es kein Monopol von Whatsapp und Co. mehr geben, weil Nutzer auch andere Messenger-Apps ihrer Wahl verwenden und trotzdem mit allen Kontakten kommunizieren könnten. Monopole und Abhängigkeiten von Nutzern wären Geschichte. Zudem lassen sich durch einen Standard für Interoperabilität einheitliche, stärkere Sicherheits- und Datenschutzniveaus herstellen und auch europäische Gesetze rund um Datenschutz, Sicherheit und Compliance besser erfüllen. Deswegen ist zu erwarten, dass nicht nur die EU-Kommission auf einen Standard für die Messenger-Kommunikation setzen wird, sondern auch andere Institutionen und Behörden in den verschiedenen EU-Ländern, z.B. das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) oder der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI). Sie alle werden wahrscheinlich die gleichen Vorteile sehen. Daher rechne ich damit, dass noch viele andere einen solchen Standard empfehlen bzw. von den Anbietern Kompatibilität fordern werden.
ITD: Mit Blick auf Interoperabilität – was sind die größten Herausforderungen für die Anbieter?
Stepan: Damit die beschriebene Interoperabilität von Messengern funktioniert, bedarf es eines gemeinsamen Zustelldienstes und eines Transportprotokolls zwischen unterschiedlichen Domänen der Anwender. Obendrein ist eine gemeinsame Identitätstechnologie zu schaffen, damit gewährleistet ist, dass die Person, die eine Messaging-App nutzt, die Identität ihrer Zielkontakte erkennt und auch in der Lage ist, die Erlaubnis für eine Kommunikation mit den Zielkontakten zu erhalten. Dabei sind zwingend die individuellen Präferenzen der Nutzer bezüglich Erkennbarkeit und Erreichbarkeit zu berücksichtigen. In der Vergangenheit gab es bereits einige Versuche, ein Standardprotokoll für eben diese Interoperabilität von Messengern zu etablieren – allerdings ohne Erfolg. XMPP (Extensible Messaging and Presence Protocol), das vor 20 Jahren veröffentlicht wurde und man unter dem Namen „Jabber“ kennt, konnte sich nicht etablieren. Ich vermute, weil es sich aufgrund von Netzwerk-Overheads nicht so gut für mobile Geräte eignete, nicht effizient genug für größere Datenübertragungen war und weil es den heutigen Sicherheits- und Datenschutzanforderungen nicht gerecht werden konnte.
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ITD: Welches Protokoll wird sich aus Ihrer Sicht hier langfristig etablieren?
Stepan: Hier hat vor allem MIMI von der Internet Engineering Task Force (IETF) Potenzial. MIMI ist ein neuer Standard, der mit hoher Innovationsgeschwindigkeit und weltweiter Unterstützung vieler Anbieter den Markt stürmt. Im Gegensatz zu anderen Standards scheint MIMI offenbar beste Aussichten zu haben, sich langfristig zu etablieren. Das liegt zum einen daran, dass die IETF, ein freiwilliger Zusammenschluss aus IT-Experten, Herstellern und Anwendern, in den letzten Jahrzehnten bereits die relevantesten Internetstandards definiert hat. Und das kann die IETF auch mit MIMI schaffen. Zum anderen diskutiert man auch in der EU schon über MIMI und MLS – im Zusammenhang mit digitaler Souveränität, dem Beenden von Monopolstellungen und dem Auflösen von Anbietersilos. Ich halte den für 2024 geplanten Launch daher durchaus für realistisch. Damit könnte MIMI sich schon bald erfolgreich etablieren.
Bildquelle: Teamwire