Rory Kenny, CEO von Loudly: „NFTs geben den Künstlern ihre Rechte zurück.“
ITD: Herr Kenny, was genau hat es mit den sogenannten NFTs auf sich? Warum spielen sie eine immer größere Rolle in der Kreativbranche?
Rory Kenny: Die größten Herausforderungen, denen sich die Kreativbranche im Zeitalter des Internets bislang gegenübersah, lassen sich in zwei Dimensionen einteilen: Erstens waren digitale Güter nicht knapp und daher schwer mit einem Marktwert zu versehen. Zweitens war es praktisch unmöglich, das Eigentum oder die Urheberschaft an einem digitalen Vermögenswert nachzuweisen, es sei denn, es sind aktive Rechtsteams beteiligt.
Mit den Fortschritten in der Blockchain-Technologie, mit NFTs und intelligenten Verträgen werden die Probleme des Eigentums, der Knappheit und der Marktplätze gelöst. Non-Fungible Token sind einzigartige Zertifikate, die festlegen, wem digitale Güter und Werke gehören. Sie werden fälschungssicher in einer Wallet auf der Blockchain, einer dezentralen Datenbank, gespeichert. NFTs lassen sich auf bestimmten Plattformen wie Rarible erwerben, auf denen Künstler ihre Werke bereitstellen und verkaufen können. Besonders in den vergangenen Jahren haben NFTs sehr an Beliebtheit gewonnen. Die Kreativbranche erkennt neue Trends oft schneller als andere, weil sie neugierig ist und Dinge gerne ausprobiert.
ITD: Inwiefern verändert sich durch NFTs die Art und Weise, wie Künstler Einnahmen und Interesse an ihrer Arbeit generieren?
Kenny: NFTs haben das Potenzial, die Art und Weise, wie wir Kunst konsumieren, nachhaltig zu verändern. Sie revolutionieren den Handel und bieten neue Distributionsmöglichkeiten, da sie digitale Inhalte zu handelbaren Gütern verwandeln. Streaming-Anbieter wie Spotify und Apple Music haben beispielsweise den Konsum von Musikfans drastisch verändert. Heute stehen uns jederzeit Millionen Songs und Alben zur Verfügung. Neue Musik zu entdecken, war noch nie so einfach – aber die emotionale Verbundenheit, die früher beim physischen oder digitalen Kauf entstanden ist, ist durch das Streaming verloren gegangen. Die NFT-Technologie könnte Künstler und Fans wieder miteinander verbinden und auch über den Kauf von Songs und Alben hinaus ein neues Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Außerdem geben NFTs den Künstlern mehr Freiheiten und sorgen für bessere Bezahlung – sie bieten eine spannende Alternative zum aktuellen System der Major Labels, in dem diesen das Urheberrecht an den Aufnahmen zusteht. NFTs geben den Künstler ihre Rechte zurück, wodurch sie sich wieder unabhängig machen und mit ihren Fans verbinden können.
NFTs sind für die gesamte Creator Economy sehr wichtig, die laut einer Yougov-Umfrage von uns mit Fanbase, einem Marktplatzunternehmen für digitale Inhalte, einen milliardenschweren Wirtschaftszweig in Deutschland bildet. 28 Prozent der Generation Z sind schon Content Creators in Vollzeit oder möchte es noch werden, doch sie sehen sich immer noch mit einigen Herausforderungen konfrontiert, was beispielsweise die Monetarisierung von Inhalten angeht. Diese können durch NFTs gelöst werden.
ITD: Rechtlich gesehen sind noch einige Fragen ungeklärt – etwa wie das unrechtmäßige Verbreiten von NFTs unterbunden werden kann. Auch in anderen Bereichen werden Diskussionen laut – etwa was das Thema „Umwelt“ angeht. Wie stehen Sie zu diesen Kritikpunkten?
Kenny: Piraterie, Urheberrechtsverletzungen und Plagiate gehören leider zu weit verbreiteten Praktiken, auch wenn die Bemühungen, sie zu beenden oder einzudämmen, sehr hoch sind. Da sich die Welt der NFTs derzeit in einem „Wild-West-Szenario“ befindet, ist der beste Weg, diese Probleme zu entschärfen, als Erster da zu sein und sicherzustellen, die NFTs der eigenen digitalen Kunst frühzeitig zu veröffentlichen und sie mit einer breiteren digitalen Präsenz (offizielle Social-Media-Handles) zu verbinden. Es wird Jahre dauern, bis die rechtlichen Rahmenbedingungen und technischen Systeme zur Überwachung formuliert und umgesetzt sind. Wenn ein NFT-Käufer jedoch ernsthaft interessiert ist, wird er nur das Echte kaufen wollen, da Raubkopien mittel- bis langfristig keinen Wert haben werden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Den Umweltschutz nehmen alle sehr ernst. Viele Künstler wählen z.B. umweltbewusst die NFT-Plattform mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck. Ich bin davon überzeugt, dass durch die Verbesserung der eingesetzten Kerntechnologien die Umweltauswirkungen von NFTs in den nächsten 24 Monaten drastisch reduziert werden können. Der hohe Energieverbrauch ist ein unglücklicher Nebeneffekt der für Blockchain-Aktivitäten erforderlichen Rechenleistung – da es sich jedoch um ein Problem handelt, das es zu lösen gilt, können wir davon ausgehen, dass Tausende von Entwicklern aktiv an einem Durchbruch arbeiten. Denn dieser wird sich positiv auf die Branche auswirken.
ITD: In Europa ist das Thema noch recht unbekannt. Wie kann KI-basierte Musik den Entstehungsprozess von NFTs in Zukunft vorantreiben?
Kenny: Die KI-gestützte Musikproduktion löst zwei große Probleme: Erstens ermöglicht sie es auch Nichtmusikern, in den Genuss des Musikmachens zu kommen. Das heißt, sie demokratisiert den Zugang zur Musikproduktion für 95 Prozent der Weltbevölkerung. Dies ermöglicht es praktisch jedem, Musik zu machen und sie als NFTs zu verkaufen, wenn man das möchte. Zweitens können KI-Musiktechnologien enorme Produktivitätsgewinne für Musikproduzenten bringen. Bei Loudly haben wir es kürzlich möglich gemacht, 100 hochwertige, KI-gestützte Musik-Remixe eines Songs an einem Tag zu erstellen. Diese Remixe können nun als „NFT Music Collection“ mit viel geringerem Aufwand für den ursprünglichen Künstler veröffentlicht werden. Wir haben also monatelange Arbeit auf einen Tag reduziert.
Bildquelle: Loudly