In seiner Jugend war Lars Börgeling erfolgreicher Profisportler und Olympiateilnehmer im Stabhochsprung.
ITD: Herr Börgeling, mit welchen Strategien und Maßnahmen können Unternehmen in der heutigen Zeit passende IT-Fachkräfte finden und somit den War for Talent für sich gewinnen?
Börgeling: Die erfolgreiche Gewinnung von IT-Fachkräften erfordert nicht nur eine klare Strategie und ein überzeugendes Arbeitgeberprofil, sondern auch eine agile und vertriebsorientierte Herangehensweise seitens der HR-Abteilung, die sich auf die aktive Ansprache von Kandidaten konzentriert und dabei moderne Technologien nutzt: Statt passiver Bewerbungen müssen Unternehmen mit Sourcing-Teams auf aktive Ansprache setzen. Ein effektives Application-Tracking-System, ähnlich wie im Vertrieb, unterstützt dabei, den Überblick zu behalten, passende Kandidaten zu finden und schnell auf Bewerber zu reagieren. Somit wird ein optimales Pipeline-Management gewährleistet und Talentpools können aufgebaut werden.
ITD: Welche Rolle spielt dabei das Thema „Mitarbeiterempfehlung“?
Börgeling: Mitarbeiterempfehlungsprogramme sind ein zentrales Element in der heutigen IT-Fachkräftegewinnung, da herkömmliche Methoden wie das passive Veröffentlichen von Stellenanzeigen nicht mehr ausreichen. Mitarbeiterempfehlungen sichern Bewerbern eine gewisse Transparenz, die heutzutage von Arbeitnehmern stark geschätzt wird. Für Unternehmen erhöht sich aus Mitarbeiterempfehlungsprogrammen in der Regel die Passgenauigkeit zwischen den Kandidaten und den Anforderungen der Position. Es existieren vielfältige Ansätze, Mitarbeiterempfehlungsprogramme attraktiv zu gestalten. Unternehmen können finanzielle Anreize wie Boni oder Prämien bieten, wenn ein empfohlener Kandidat eingestellt wird, sowie non-monetäre Anreize wie Punktesysteme, die gegen Goodies oder Dienstleistungen eingetauscht werden können.
ITD: Welche Faktoren machen Großunternehmen/Arbeitgeber für potenzielle Mitarbeiter attraktiv? Welche Ansprüche hat insbesondere die junge Generation an ihren neuen Arbeitgeber?
Börgeling: Die junge Generation sucht nach einem Arbeitsumfeld, das sich in vielerlei Hinsicht von früheren Vorstellungen unterscheidet: Ein angenehmes Arbeitsumfeld und eine ausgeglichene Work-Life-Balance sind zentrale Faktoren, aber auch die technische Ausstattung. Sie erwarten, dass ihre beruflichen Tools und Kommunikationsmittel mit den modernen Technologien in ihrem Privatleben vergleichbar sind. Employee-Listening-Tools ermitteln datenbasiert, wie Mitarbeiter ihre Arbeitssituation und -belastung empfinden, und unterstützen Arbeitgeber bei der effizienten Umsetzung von Ideen und Verbesserungsmaßnahmen.
ITD: Vorbei sind die Zeiten, in denen ein einfaches Aufstocken des Gehalts ausreichend war, um Mitarbeiter zu halten. Welche Rolle spielen heute etwa flexible Arbeitsmodelle/Hybrid Work?
Börgeling: Flexible Arbeitsmodelle spielen heute eine herausragende Rolle, sind aber allein an sich nicht ausreichen, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Eine durchdachte Recruiting-Strategie, gut organisierte Recruiting-Abteilungen und eine klare Employer Value Proposition sind entscheidende Faktoren, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Flexibles Arbeiten kann zwar ein Teil des Gesamtpakets sein, jedoch nicht der einzige und wichtigste.
ITD: Welche Aufgaben können moderne Technologien wie Cloud, Künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality/Augmented Reality (VR/AR) übernehmen, um die Motivation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu stärken?
Börgeling: Bevor man über den Einsatz neuer Technologien nachdenkt, ist es wichtig, die Unternehmenswerte und -ziele zu klären, sowie die Mitarbeiter zu befragen, welche Tools sie wirklich für ihren Arbeitsalltag benötigen. VR und AR bieten insbesondere im Bereich des E-Learnings große Möglichkeiten: Die Technologien gestalten das Lernen interaktiver und ansprechender. Das Metaverse könnte in Zukunft Treffpunkt für Meetings und Kooperationen sein, was das Konzept flexibler Arbeitsmodelle weiter ausbaut. Durch fortschrittliche KI-Übersetzungstechnologien könnten in Zukunft internationale Teams reibungslos zusammenarbeiten, unabhängig von Sprachbarrieren. Jedoch sollten bei der Integration solcher Technologien stets der Unternehmenskontext und die Bedürfnisse der Mitarbeiter im Vordergrund stehen.
ITD: Welche Bedeutung hat Teambuilding und welche konkreten Maßnahmen halten Sie in Großunternehmen für geeignet?
Börgeling: Teambuilding spielt eine zentrale Rolle, insbesondere angesichts der aktuellen Diskussionen über flexible Arbeitsmodelle, hybrides Arbeiten und Remote Work. In einer Zeit, in der Arbeitskräfte dezentral arbeiten und persönliche Kontakte weniger werden, ist der Aufbau und die Pflege von Teambeziehungen von großer Bedeutung. Die Kollegen und die Arbeitsatmosphäre sind für viele Mitarbeiter wichtige Gründe, warum sie einem Unternehmen treu bleiben, selbst bei möglicher Unzufriedenheit. Daher sollte der Fokus auf Teambuilding liegen. Dabei geht es nicht nur um große Events wie Outdoor-Aktivitäten, sondern auch um kleinere Maßnahmen wie regelmäßige gemeinsame Mittagspausen vor Ort.
ITD: Welchen Stellenwert besitzen IT-Weiterbildungsmöglichkeiten für Mitarbeiter?
Börgeling: Große Unternehmen sollten qualitativ hochwertige Trainings- und Entwicklungsabteilungen haben, die ansprechende Schulungsangebote bereitstellen, um die fachliche und persönliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter zu fördern. Dabei betrifft der Bereich „IT-Weiterbildung“ nicht nur die IT-Mitarbeiter selbst, sondern die gesamte Organisation. In unserer digitalisierten Gesellschaft ist nahezu alles von IT abhängig. Daher ist die gesamte Belegschaft mit auf die Reise der Digitalen Transformation zu nehmen. Die interne IT-Abteilung muss dafür eng mit der HR-Abteilung zusammenarbeiten.
ITD: Inwieweit beeinflusst das Verhalten des Chefs/der Führungsperson die emotionale Bindung der Mitarbeiter zu ihrem Job? Was sollte ein Chef niemals tun?
Börgeling: Die emotionale Bindung der Mitarbeiter wird stark von der Beziehung zum Vorgesetzten beeinflusst. Viele Mitarbeiter verlassen ihr Unternehmen aufgrund von Schwierigkeiten im Umgang mit ihrem Chef, da die Kommunikation unzureichend ist oder es an Wertschätzung und Verständnis mangelt. Heutzutage ist es als Chef nicht erforderlich, alles besser zu wissen als die Mitarbeiter. Jedoch ist es von großer Bedeutung, in der Kommunikation klar zu sein und als Vorbild voranzugehen. Ein offenes Ohr für die Mitarbeiter zu haben und für sie da zu sein, spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Employee-Listening-Tools können Führungskräfte dabei unterstützen, die Bedürfnisse ihrer Teams genau zu kennen und Verbesserungen gezielt vorzunehmen.
ITD: Wie wird sich der War for Talents im IT-Bereich Ihrer Ansicht nach in den kommenden Monaten entwickeln?
Börgeling: Aktuell beobachten wir, dass das Wachstum bei großen Software-Anbietern wie Microsoft, SAP oder Alphabet etwas verlangsamt ist. Doch obwohl einige Großunternehmen momentan Personal abbauen, wird dies nicht dazu führen, dass der Druck durch den Fachkräftemangel abnimmt. Im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass dieser Druck sich weiter verstärken wird, da die Digitalisierung schnell voranschreitet. Immer mehr nicht-technische Organisationen erkennen die Bedeutung von Top-Talenten im IT-Bereich und bauen dementsprechend ihre IT-Abteilungen aus. Die Herausforderung zwischen einer effektiven Recruiting-Strategie, der Bereitstellung adäquater Budgets und der Personalbeschaffung bleibt bestehen. Dies ist ein geschäftskritisches Thema. Während für IT große Budgets vorhanden sind, werden die Kosten für die Personalstrategie und das gezielte Anwerben von Talenten oft zu knapp kalkuliert. Unternehmen müssen sich bewusst sein, dass der Mangel an Fachkräften die Handlungsfähigkeit des Unternehmens beeinträchtigt. Hier muss dringend umgedacht werden.
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