Obstkorb und Tischkicker reichen nicht

„Ein passendes Umfeld schaffen“

Im Gespräch mit Julia Rettig, Director Marketing bei Nagarro in Deutschland und mit ihrem Team auch für das Thema „Employer Branding“ verantwortlich

Julia Rettig, Director Marketing bei Nagarro

Vor Nagarro war Julia Rettig im Bereich „Projekt- und Account-Management“ bei einer Agentur beschäftigt und hat sich intensiv mit Remote-Work-Ansätzen auseinandergesetzt.

ITD: Frau Rettig, Unternehmen müssen auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen, um in Zeiten des Fachkräftemangels ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen und sich damit Wettbewerbsvorteile zu schaffen. Welche Bedürfnisse sind das genau?
Rettig: Das sieht nach einer einfachen Frage aus, ist es aber ganz und gar nicht. Denn: Jeder Mensch ist verschieden und hat dementsprechend unterschiedliche Bedürfnisse. Für den einen ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtig, für den anderen steht Weiterentwicklung an oberster Stelle und der nächste braucht vor allem ein gutes Teamgefüge. Ganz allgemein sehen wir, wie wichtig auch im Kontext von New Work Unternehmenswerte sind – und zwar nicht nur auf dem Papier. Wenn ich mir als Unternehmen auf die Fahne schreibe, agil zu sein, dann aber nicht die notwendigen Grundlagen dafür schaffe, wie ein offenes und flexibles Arbeitsumfeld und die entsprechende Kultur, sind Werte nur Schein. Es ist offensichtlich, dass Unternehmen nicht durch einen Obstkorb und Tischkicker Mitarbeiter für sich gewinnen oder halten werden – es geht vielmehr darum, ein passendes Umfeld zu schaffen. Das funktioniert eben am besten über gemeinsame Werte und eine offene Unternehmenskultur. Gerade bei den jüngeren Millenials und der Gen Z, die jetzt in den Arbeitsmarkt kommen, sehe ich Flexibilität als größtes Bedürfnis – und das in ihrer ganzen Vielschichtigkeit in Bezug auf Arbeitszeit und -ort. Unternehmen müssen sich so aufstellen, dass sie auf ganz unterschiedliche Auslegungen schnell reagieren können. Ein Grund, warum wir 2020 so schnell auf die Herausforderungen der Corona-Pandemie reagieren konnten, war, dass wir schon immer auf Remote-Work eingestellt waren – zwar hatten das bisher nur wenige Kollegen genutzt, aber wir hatten die Infrastruktur, die Hardware und das Mindset.

ITD: Wie gestaltet sich aus Ihrer Sicht ein attraktives Arbeitsplatzkonzept in einem Großunternehmen?
Rettig: In der IT haben wir unheimlich große Entfaltungsmöglichkeiten, was den Arbeitsplatz angeht – ganz abhängig davon, was man machen muss. Programmieren ist anders als Präsentieren ist anders als Implementieren usw. Insofern können auch Arbeitsplätze ganz unterschiedlich aussehen und das auch für jeden ganz individuell. Während der eine sich vor allem im Homeoffice fokussieren kann, freut sich der nächste über einen Arbeitsplatz im Büro und der übernächste will beide Optionen. Im Grunde muss das Arbeitsplatzkonzept auf volle Flexibilität bei voller Transparenz und voller Erreichbarkeit ausgelegt sein. Darunter verstehe ich vor allem Kollaborations-Tools und -plattformen, die von überall erreichbar sind. Wenn das gegeben ist, ist der Rest fast Kür.

ITD: Welche Herausforderungen müssen Unternehmen bei der Kombination aus Büro, Homeoffice und Offsite Locations bewältigen?
Rettig: Am wichtigsten ist, dass Mitarbeiter keinen Mehraufwand haben, indem sie beispielsweise durch das Gebäude laufen und einen freien Platz suchen und obendrein vielleicht sogar noch Hardware tauschen müssen. Diese Herausforderungen haben wir durch eine App gelöst, in der alle Mitarbeiter ihre Plätze buchen können. Die Entscheidung liegt dann auch beim Unternehmen, ob es eine Clean-Desk-Policy gibt und alle Plätze buchbar sind oder ob es Plätze für Kollegen gibt, die über einen längeren Zeitraum täglich im Büro sind. Eine weitere Herausforderung, die aber durch die richtigen Plattformen und VPN gelöst werden, ist, dass alle Systeme erreichbar sind – auch von zuhause oder offsite.

ITD: Von wo aus werden Arbeitnehmer die nächsten Wochen und Monate wohl bevorzugt arbeiten – vom Homeoffice aus, um möglichst Kontakte und damit Infektionsrisiken zu vermeiden, oder vom Büro aus, um daheim Heizkosten zu sparen?
Rettig: Das kommt darauf an – muss ich vielleicht sogar Kinderbetreuung sicherstellen oder brauche ich Ruhe im Office, kann ich besser im eigenen Büro arbeiten. Viele Unternehmen haben ja auch Homeoffice-Pauschalen ausgegeben.

ITD: Wie können wiederum Unternehmen eine produktive Arbeitsumgebung sicherstellen, die infektionssicher und zugleich nachhaltig, sprich energiesparend, ist?
Rettig: Unternehmen müssen einerseits Tools zur Arbeitsplatzbuchung zur Verfügung stellen und andererseits Konzepte für das Büro und das Homeoffice – in Form von Hygienemaßnahmen wie Händewaschen, Lüften, Maske tragen sowie Schulungen und Hinweise zum Energiesparen wie Geräte ausschalten, unnötige Stromkiller wie Videoübertragung abschalten etc.

Bildquelle: Nagarro

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