Nachhaltigkeit

Eine Frage des Überlebens

Im Interview sprechen Emanuel Lippmann, Global Program Manager Social Impact, und Torsten Schultz, ERG Planet Global Business Impact Lead bei Dell Technologies, über die Wichtigkeit von Nachhaltigkeitsstrategien für Unternehmen.

  • Emanuel Lippmann, Dell Technologies

    „Der Druck zu nachhaltigem Produzieren und Wirtschaften wächst“, weiß Emanuel Lippmann von Dell.

  • Torsten Schultz, Dell Technologies

    „Die Einbindung der Mitarbeiter ist und bleibt unverzichtbar“, betont Torsten Schultz von Dell.

ITD: Herr Schultz, der Earth Day am 22. April gibt jährlich ein Leitmotiv für vielfältige Aktionen rund um das breite Spektrum des Umwelt- und Klimaschutzes vor. Wie wird dieser Tag in Deutschland wahrgenommen? Ist er allgemein bekannt?
Torsten Schultz: Das Datum ist noch nicht so stark im kollektiven Bewusstsein verankert wie etwa der Weltfrauentag. Aber im Bildungsbereich und für NGOs spielt er bereits eine wichtige Rolle und wird dadurch weiter an Bedeutung gewinnen. Schulen nutzen ihn beispielsweise für Aktivitäten wie Projektwochen, NGOs wiederum dafür, das Thema „Nachhaltigkeit“ intensiv zu kommunizieren. Und für Unternehmen ist der Earth Day ein idealer Anlass, um die Aufmerksamkeit für das Thema „Nachhaltigkeit in der IT“ weiter zu steigern.

ITD: Inwieweit haben Deutschlands Unternehmen den Earth Day auf dem Schirm und planen entsprechende Aktionen?
Schultz: Der Earth Day wird auch hierzulande immer bekannter und gewinnt für deutsche Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Noch aber gibt es keine breite Bewegung, sondern eher individuelle Aktionen von Personen oder Gruppen. Hinzu kommen dann noch weltweit operierende Unternehmen, bei denen an dem Tag z.B. Mitarbeitergruppen – wir verwenden den englischen Begriff „Employee Resource Groups (ERG)“ – verschieden Aktivitäten durchführen.

ITD: Inwieweit hat sich Ihr eigenes Unternehmen mit dem Earth Day in diesem Jahr befasst?
Schultz: Wir nutzen den Termin traditionell gern, um unseren Mitarbeitern wertvolles Wissen zu vermitteln und sie für das Thema weiter zu sensibilisieren. Speziell zum 22. April haben wir u.a. unsere weltweiten „Earth Day Celebration Calls“ durchgeführt. Das sind interne virtuelle Veranstaltungen, zu denen wir externe Sprecher wie die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall einladen, damit sie aus ihrem weiten Erfahrungsschatz berichten. Außerdem haben wir kurz vor dem diesjährigen Earth Day unseren neuen Asset-Recovery-Service für Businesskunden vorgestellt. Er macht es Unternehmen einfacher, ihren Gerätepark nachhaltiger zu betreiben, die Lebenszyklen der Geräte zu verlängern und ihre Wiederaufbereitung zu vereinfachen.

ITD: Herr Lippmann, grundsätzlich gewinnen Klimaschutz, die Reduzierung des CO2-Ausstoßes und die nachhaltige Ausrichtung der Lieferkette auch in der IT-Branche immer mehr an Bedeutung. Mit welchen Tools und Lösungen können Unternehmen ihren eigenen CO2-Fußabdruck messen?
Emanuel Lippmann: Wir bieten unseren Kunden und Partnern die Messung des CO2-Abdrucks pro Gerät an, der mit der sogenannten PAIA-Methode des MIT ermittelt wird. Damit können wir auf Anfrage auch CO2-Reports über die gesamte bei uns gekaufte IT erstellen. Das ermöglicht einem IT-Leiter die Einbindung aller Geräte in die Klimastrategie seines Unternehmens.

ITD: Was sind erste Maßnahmen, um das Thema „Nachhaltigkeit“ im Unternehmen anzugehen, damit die Digitalisierung nicht zum Brandbeschleuniger für den Klimawandel wird?
Lippmann: Wenn wir das Thema „Nachhaltigkeit“ einmal allein auf den Klimaschutz reduzieren, dann ist zunächst eine ehrliche Bestandsaufnahme der Belastungen notwendig, die jedes Unternehmen generiert. Das beginnt beim Datacenter und kann zu dem Ergebnis führen, dass dessen Konsolidierung, Virtualisierung oder Cloud-Einbindung sinnvoll ist. Darüber hinaus geht es aber auch um das Thema nachhaltiger, für eine Wiederverwendung geeigneter Clients, sowie die Frage, wie viele Staustunden und Flugreisen durch Videokonferenzen ersetzen werden können. Das Credo lautet: Emissionen sollten am besten gänzlich vermieden oder zumindest reduziert werden. Was dann noch übrig bleibt, wird im Idealfall kompensiert. Hier können auch Recycling- und Refurbishing-Services im Sinne einer Kreislaufwirtschaft unterstützen.

ITD: Was sind hierbei die größten Herausforderungen und Stolpersteine?
Lippmann: Es gibt zwar bereits erste Standards bei Methodik und Reporting, die die vielen verschiedenen Anstrengungen vergleichbar und transparent machen, allerdings herrscht hier auch noch weiterer Optimierungsbedarf. Wir dürfen uns weder von anhaltenden Vorbehalten oder Vorurteilen noch vordergründigen – und meist falschen – Kostenargumenten bremsen lassen. Veränderung ist notwendig, aber wir alle wissen, dass sie vermittelt werden muss, um latente Widerstände zu überwinden. Klare, nachvollziehbare Fakten helfen dabei enorm.

ITD: Nachhaltigkeit bezieht sich jedoch nicht nur auf ökologische Aspekte, sondern auch auf den Umgang mit Mitarbeitern. Wie können Unternehmen ihre Belegschaft bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsinitiativen „mitnehmen“ und ihre Visionen auf sie übertragen bzw. das Team nachhaltig ins Unternehmen einbinden?
Schultz: Viele Initiativen und Ideen kommen schließlich aus der Belegschaft. Das Unternehmen selbst sollte sie in ein nachhaltiges Gesamtkonzept einbinden und die entsprechenden Freiräume dafür schaffen. In erster Linie gilt das Vorbildprinzip. Wenn Nachhaltigkeit nicht von der Unternehmensspitze glaubwürdig und durchgängig vorgelebt wird, bleiben alle programmatischen Initiativen und Maßnahmen ein Lippenbekenntnis.

ITD: Welche Rolle spielt das Thema „Homeoffice“ im Rahmen der Nachhaltigkeitsmaßnahmen?
Lippmann: Es kann helfen, vor allem durch die Reduzierung von Anfahrtswegen. Zudem bringt ein Homeoffice-Angebot weitere positive Nebeneffekte mit sich wie höhere Mitarbeitermotivation und eine bessere Work-Life-Balance. Wichtig ist in jedem Fall die Unterstützung durch die IT. Nur wenn Netzwerke, Server und Clients die Arbeit im Homeoffice optimal unterstützen und Mitarbeiter nicht durch fehlenden Zugriff auf Daten und Anwendungen ausgebremst werden, wird es auch genutzt. Untaugliches Equipment oder schlechter Support dagegen machen es unattraktiv.

ITD: Welchen Einfluss hat der Umgang eines Unternehmens mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ letztlich auf Kunden, Partner und den Rest der Gesellschaft?
Lippmann: Jedes Unternehmen muss sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung und der Signalwirkung, die von ihm ausgeht, bewusst sein. Wir produzieren weltweit mehr als zwei Geräte pro Sekunde, dazu kommen über 130.000 Mitarbeiter sowie Tausende von Zulieferern und Partnern. Damit diffundieren unsere Umweltinitiativen in die Gesellschaft hinein, sie schaffen Mehrwerte vor Ort und steigern damit auch unsere Attraktivität als Arbeitgeber.

ITD: Was raten Sie Unternehmen anno 2022, die sich bislang noch keine Gedanken über Nachhaltigkeitsstrategien gemacht haben?
Lippmann: Anfangen! Und zwar jetzt! Die Augen davor zu verschließen, wäre fatal für die Zukunft jedes Unternehmens. Der Druck zu nachhaltigem Produzieren und Wirtschaften wächst. Er kommt von allen Seiten – vom Gesetzgeber, von Investoren, von Partnern, von Mitarbeitern und nicht zuletzt von solchen, die es vielleicht einmal werden wollen. So gesehen ist Nachhaltigkeit in doppeltem Sinne eine Frage des Überlebens.

Bildquelle: Dell

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