Blockchain-Technologie

Eine glückliche Verkettung

5G, KI und Blockchain zählen zu den Tech-Trends schlechthin der ­vergangenen Jahre. Während sich rasch zahlreiche Anwendungsszenarien für die Ersteren etablierten, erwies sich der praktische Einsatz der Blockchain zunächst als sperrig. Dies könnte sich nun ändern.

Eine glückliche Verkettung

„Blockchains ermöglichen eine demokratische, transparente und intrinsisch ­sichere Teilhabe an Ökonomien, die ohne sie nicht möglich wäre“, sagt Stefan Adolf von Turbine Kreuzberg.

2009 wurde die Kryptowährung Bitcoin vorgestellt. Sie basiert auf der Blockchain, einem Journal, in dem sämtliche Bitcoin-Transaktionen verzeichnet werden. Die Blockchain selbst sorgt dabei nicht nur für Transparenz: Digitale Signaturen sollen außerdem Fälschungssicherheit gewährleisten und kryptografische Primitive vor Manipulationen schützen. So weit, so gut. Doch wie kommt es, dass sich eine Technologie, die maßgeblich zur weiteren Digitalisierung von Geschäftsprozessen beitragen könnte, bisher noch nicht in der Breite durchsetzen konnte? Was ist dran an der Kritik einiger Experten, die Blockchain sei zwar eine spannende Lösung, ihr mangele es allerdings an einem konkreten Problem?

„Das Argument der ,Lösung auf der Suche nach einem Problem‘ habe ich vor 20 Jahren beim Aufkommen des heutigen Internets auch schon gehört“, kontert hier prompt der Blockchain-Experte Prof. Dr. Alfred Taudes. Der Wissenschaftler leitet an der WU Wien das Institut für Kryptoökonomie und untersucht mittels einer Kombina-tion aus Spieltheorie, Computernetzwerken und Methoden der Kryptografie Protokolle, die die Produktion, Verteilung und den Konsum von Gütern und Dienstleistungen in einer dezentralisierten digitalen Wirtschaft regeln. Derartige Aussagen mögen dem Experten zufolge zu einem gewissen Grad und für eine gewisse Zeit zutreffend sein, denn in diesem Zeitraum müssten die Potenziale der neuen Technologie erst experimentell ausprobiert -werden. Außerdem würden viele Anwendungsmöglichkeiten nicht gesehen, da noch in alten Kategorien gedacht werde. „Vor 1990 konnte sich niemand soziale Medien, E-Commerce oder Suchmaschinen vorstellen. Erst die neuen technologischen Möglichkeiten und die Triebkräfte der schumpeterschen kreativen Zerstörung haben die Killeranwendungen des Internet 2.0 hervorgebracht“, führt Taudes den Gedanken aus.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Eine ähnliche Saite schlägt auch Dr. Nils Bulling an. „Sicherlich gibt es Blockchain-Use-Cases und -Lösungen, die künstlich wirken und auch nicht der Blockchain-Technologie bedürfen“, sagt der Head Digital Strategy and Innovation beim Software- und Finanz-dienstleistungsunter-nehmen Avaloq. Der Aussage, es gebe allgemein keine Probleme, die durch die Technologie zu lösen seien, widerspricht er jedoch deutlich. „Ein Hinweis auf entsprechende Probleme sind Use Cases, bei denen viele Parteien auf Daten zugreifen müssen und Integrität, Sicherheit, Transparenz und Nachverfolgbarkeit fundamentale Kriterien sind“, erklärt er. Die Blockchain verspreche hier z. B. eine Steigerung der Automatisierung und die Beschleunigung von Prozessen bei gleichzeitig großer Verlässlichkeit und Sicherheit. Eher nüchtern betrachtet hingegen Stefan Adolf, Developer Ambassador bei Turbine Kreuzberg, den „-Hype“ um die Blockchain und ihre Möglichkeiten, da dieser vor allem auf dem Versprechen basiere, geldwerte Transaktionen ohne Zahlungsdienstleister abwickeln zu können. „Wird menschliches Handeln unter vorrangig technischen und ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, gelangen einige Menschen zu der Erkenntnis, dass Blockchains eigentlich jedes Pro-blem der Welt lösen und Konzerne, Banken und sogar Staaten obsolet machen können“, so Adolf. Das sei zwar realitätsfern, diese Vision aber treibe den Hype an und damit den Kurs von Kryptowährungen in die Höhe. Hinter den bullishen Kryptokursen von Januar 2021 verortet der Experte keinen realen Gegenwert oder technischen Durchbruch, sondern ausschließlich den emotionsgetriebenen Preiseffekt des systemisch verknappten Guts Bitcoin. Davon abgesehen stellt auch er fest, dass Blockchains eine demokratische, transparente und sichere Teilhabe an Ökonomien ermöglichen: „Der Zugang zu Marktplätzen, Decentralized-Finance-Produkten und im Preisgefüge der Tokenisierung versteckten Investitionshebeln steht grundsätzlich jedem offen, der in der Lage ist, eine Kryptowallet zu installieren“, hält Stefan Adolf fest. So sei es nicht mehr notwendig, eine Bank zu beauftragen, ein Depot zu eröffnen. Das sei ein gewaltiger Sprung für den demokratischen Zugang zu Kapital oder Finanzprodukten und ermögliche eine größere Teilhabe an ökonomischen Prozessen. „Ich bin deshalb sicher, dass Blockchains eine zentrale Rolle in der Ökonomie des 21. Jahrhunderts spielen werden“, prognostiziert er.

Eine Frage des Vertrauens

Die Blockchain ist der breiten Öffentlichkeit bisher vor allem im Zusammenhang mit Kryptowährungen ein Begriff. Nun ist gerade der Finanzsektor für viele ein sensibles Gebiet, auf dem Veränderungen äußerst kritisch begutachtet und nur sehr zögerlich angenommen werden. Historisch betrachtet betrifft dies etwa die Abkehr vom Goldstandard, die Einführung von Kreditkarten oder Überweisungen am Bankautomaten. Ansätze wie Online-Banking oder mobiles Bezahlen sind zwar schon seit einiger Zeit vorhanden, haben die Gesellschaft aber noch nicht durchdrungen. Dabei sind nicht alle europäischen Länder so vorsichtig: In Schweden etwa hängt vielerorts etwa schon heute an Geschäften ein Schild mit der Aufschrift: „Vi hanterar ej kontanter“ („Wir akzeptieren kein Bargeld“) – das skandinavische Land verfolgt das ehrgeizige Ziel, bis 2030 komplett auf Bargeld zu verzichten. Hierzulande ist man wesentlich skeptischer. Einer aktuellen -Deloitte-Studie zufolge nutzen die Deutschen im internationalen Vergleich mobile Zahlverfahren wesentlich seltener als Menschen in anderen europäischen Ländern:  Nur rund 25 Prozent greifen demnach regelmäßig auf Mobile-Payment-Verfahren zurück. 

Kein Wunder also, dass virtuelle Währungen eher verhalten aufgenommen werden. Ein Investment in Kryptowährungen, so Nils Bulling, sei zu einem gewissen Grad immer auch eine Glaubens- oder Vertrauensfrage. Im Prinzip seien derartige Investments mit Goldanlagen vergleichbar, jedoch nicht nur neuer, sondern mitunter schwerer greifbar. „Kryptowährungen wie Bitcoin sind äußerst volatil, versprechen riesige Renditechancen, unterliegen aber auch einem signifikanten Risiko, wie man in den vergangenen Jahren oftmals sehen konnte“, gibt der Avaloq-Experte zu bedenken. Obwohl eine gewisse Zurückhaltung nachvollziehbar sei, müsse man sehen, dass Kryptowährungen der erste Schritt hin zur Blockchain-Technologie im Finanzwesen sind. Noch tiefgreifender werden ihm zufolge voraussichtlich die Änderungen sein, die durch digitale Assets entstehen. Diese Tokenisierung von Assets erlaube neuen Kundengruppen das Anlegen in bestimmte Asset-Klassen, die zuvor wohlhabenderen Kunden vorbehalten waren. Dies ermögliche wiederum eine stärkere Diversifikation von Portfolios – prinzipiell eine Risikoreduktion für den Kunden. Durch tokenisierte non-bankable Assets könnten also Finanzinstitute die Demokratisierung des Wealth Managements vorantreiben. „Mit diesen Use Cases und auch der Adoption von Stable Coins – also Kryptowährungen, die durch Fiatgeld oder andere Assets gedeckt sind – wird das Vertrauen in Kryptowährungen und digitale Assets steigen“, ist sich Bulling sicher. Banken sollten sich -daher mit der Materie auseinandersetzen, um ent-sprechende Lösungen anbieten zu können, wenn das Interesse der Klienten zunimmt und die Nachfrage entsprechend wächst. „Ist das Institut nicht vorbereitet, könnten sich etwa Nachteile bei der Neukundenakquise ergeben oder sogar Kunden abwandern“, warnt er. Aktuell müsse man sich aber noch keine Sorgen machen, den Anschluss verloren zu haben. Dennoch sei es an der Zeit zu evaluieren, wie digitale Assets in die eigene Strategie passen, denn die Adoption von Krypto-Assets sei auch eine Frage des Innovations-Mindsets und der Organisation allgemein.

Anwendungsfälle identifizieren

Neben den Kryptowährungen und Krypto-Assets, also als Token in einer Blockchain repräsentierte Unternehmensanteile, sieht Alfred Taudes von der WU Wien im Immobilien- oder Kunstmarkt, im Supply-Chain-Management, im E-Government sowie im Gesundheits- und Energiesektor weitere wichtige Anwendungsfelder. „Wenn Sie die oben genannten Anwendungsgebiete betrachten, erkennen Sie, dass es sich durchwegs um Szenarien handelt, in denen zwischen unabhängigen Organisationen Daten hoher Qualität auszutauschen sind“, stellt er fest.

„Blockchains eignen sich hervorragend, um Aktionen zwischen Systemen zu vermitteln, ohne dafür deren Betreibern individuell vertrauen zu müssen“, betont der Turbine-Kreuzberg-Entwickler Stefan Adolf. Dabei werden typische IAM- oder SSO-Verfahren, z. B ein Google-Log-in, gegen private Schlüssel und Identitätsnachweise ersetzt, die jeder Akteur selbst kontrolliert und mit Blockchain-Transaktionen unkomprimittierbar nachweisen kann, erklärt er. Großes Potenzial sieht er in den in Blockchains verankerten, öffentlich zugänglichen Smart Contracts, mit denen sich ganze Ökosysteme der Wertschöpfung vollständig in einer Blockchain abbilden lassen. „Diese Technologie wird traditionelle Plattformen, Marktplätze oder föderal angelegte Vermittlungs-Software wie ERPs nachhaltig beeinflussen“, ist sich Adolf sicher. Neben den bereits von Alfred Taudes benannten Einsatzszenarien sieht er großes Potenzial bei der Token-basierten Ökonomisierung von digitalen und realweltlichen Werten, z. B. in Datenmarktplätzen, auf denen alleine von ihren Urhebern kontrollierte Daten zur Verwendung für Maschinelles Lernen verfügbar gemacht werden können. Ein weiteres Feld könnte der Gesundheitssektor sein, wo derzeit die elektronische Gesundheitsakte (ePA) im Fokus steht. Hier, so Adolf, würde allein durch den Einsatz dezentraler Speichersysteme bereits einen großen Schritt in Richtung eines höheren Datenschutzes gemacht. Sein Unternehmen habe daher bereits 2019 begonnen, dezentral ausgelegte Ansätze für eine ePA zu evaluieren. „Dank unserer Erfahrungen bei der Konzeption und Umsetzung von Blockchain-basierten Applikationen sind wir von deren Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft überzeugt“, betont er.

Doch wie können Unternehmen überhaupt herausfinden, ob es sich für sie lohnt, auf die Blockchain zu setzen? „Solange sich Unternehmen in einem intern kontrollierbaren Informationsraum bewegen, in denen alle Akteure zentral benannt werden können, bieten Blockchains, abgesehen von unfälschbaren Audit-Trails und Peer-2-peer-basierter Synchronisation, keinen allzu großen Mehrwert“, betont Stefan Alfred. Spannend, führt er aus, werden Blockchains dann, wenn Dienste oder Daten unter klaren Bedingungen Dritten zur Verfügung gestellt werden sollen, um neue Wertschöpfungsmodelle zu ermöglichen, da hierfür alle Parteien Zugriff auf Schnittstellen oder Daten benötigen, um etwa Bestellprozesse anzustoßen. 

Um allerdings das Potenzial der Blockkette zu heben, müssen zunächst die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Aus rechtlicher Sicht sind laut Alfred Taudes Adaptionen im Bereich der Digitalisierung der Wertpapiere und Regulierungsfragen von Digital Assets und Tokenisierung dringend. Um generell die Akzeptanz für den Einsatz der Blockchain zu steigern, bedarf es auch der Partizipation diverser Stakeholder. „Man benötigt Unternehmer, die Kryptoökonomie verstehen, gute Entwickler, lernfreudige Mitarbeiter und Kunden und einen Staat, der die geeigneten Rahmenbedingungen setzt und auch im eigenen Bereich Blockchain-Anwendungen vorantreibt“, sagt Taudes abschließend. 

Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus

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