5G-Projekte

„Eine Prüfung im Vorfeld ist zwingend erforderlich“

„Aktuell sind über 321 Anträge bei der BNetzA für private 5G-Campusnetze genehmigt worden“, berichtet Dr. Claudius Noack, IT-Consultant und 5G-Experte bei Lufthansa Industry Solutions. „Das Interesse ist also groß.“

Dr. Claudius Noack, IT-Consultant und 5G-Experte bei Lufthansa Industry Solutions

Dr. Claudius Noack arbeitete während seines Studiums der Medientechnik, das ihn in die USA und nach Kamerun führte, lange Zeit in der Forschung und Entwicklung eines Medizintechnikunternehmens.

ITD: Herr Noack, für welche Unternehmen lohnt sich der Aufbau eines privaten Campusnetzes?
Noack: Jedes Unternehmen mit einer erhöhten Anforderung an mobiler Konnektivität und einer gewissen Unternehmensfläche von mehr als 3.000 m² – wobei es auch kleinere Unternehmen gibt, die privates 5G einsetzen, um sich mit speziellen Anwendungsfällen komplett vom bestehenden WiFi zu lösen.

ITD: Welche Vorteile bietet solch ein Netz? Können Sie konkrete Anwendungsmöglichkeiten nennen?
Noack: Eine flächendeckende kostengünstige Anbindung, eine sichere, weniger störanfällige und zuverlässige Verbindung, geringere Latenz bei viel Bewegung sowie eine spezifische Adaption und Konfiguration des Netzwerks an den eigenen Anwendungsfall, z.B. mehr Upload als Download.

ITD: Inwieweit schmieden Unternehmen anno 2023 entsprechende Pläne für ein Campusnetz? Wie groß ist das Interesse?
Noack: Aktuell sind über 321 Anträge bei der BNetzA für private 5G-Campusnetze genehmigt worden. Das Interesse ist also groß. Alle größeren Unternehmen haben entweder schon private 5G-Campusnetze oder planen diese. Mittelfristig werden sich private 5G-Campusnetze zusätzlich zu den bestehenden WiFi-Netzen als Standard in jedem Unternehmen etablieren, da der Bedarf an kabelloser und flexibler Datenübertragung weiterhin stark steigen wird.

ITD: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um solch ein Netzwerk betreiben zu können?
Noack: Generell gibt es keine allgemein gültigen Voraussetzungen für ein 5G-Netz. Allerdings gibt es für konkrete Anwendungsfällen und spezielle Standorte unterschiedliche Anforderungen und Voraussetzungen, die im Einzelfall geprüft werden müssen. Dies kann z.B. die Frequenzbeantragung der BNetzA sein. Hier gibt es verschiedene „Deployment Types“, wie ein 5G-Projekt umgesetzt werden kann.

ITD: Stichwort „Komplexität“: Mit welchen Herausforderungen sind der Aufbau und Betrieb eines Campusnetzes für Gebäudeverwalter und Netzwerkmanager verbunden?
Noack: Der Aufbau muss mit einer guten Funkfeldplanung einhergehen und sollte von Experten durchgeführt werden. Der Betrieb kann nach intensiver Schulung auch von der betriebsinternen IT-Abteilung durchgeführt werden. Auch hier ist im Einzelfall und Anwendungsfall zu prüfen, welche Möglichkeiten für das jeweilige Unternehmen am besten ist.

ITD: Welche technische Ausrüstung bzw. Hardware sind vonnöten?
Noack: Zusätzlich zu den Serverkomponenten „Core“ sind je nach Netzwerk 5G-Antennen vonnöten, die im Indoor-Bereich die gleiche Größe wie WiFi Accesspoints haben. Ein häufig vergessener Punkt sind auch die Endgeräte. Keinem Unternehmen nützt es etwas, wenn zwar ein privates 5G-Netz vorhanden ist, aber es kein Endgerät gibt, welches den konkreten Anwendungsfall abdeckt. Nicht alle Endgeräte, auf denen 5G steht, können auch in ein privates 5G-Campusnetz eingebunden werden. Auch hier ist eine Prüfung im Vorfeld zwingend erforderlich.

ITD: Welche Investitionen kommen auf Unternehmen zu?
Noack: Hier muss ganz genau der Anwendungsfall betrachtet haben. Es gibt Projekte, bei denen es für das Unternehmen zu keinen Investitionskosten kommt, sondern monatliche Kosten anfallen. Beim Bezug eines eigenen Netzes kann es bei 50.000 Euro losgehen. Natürlich hat dies immer mit dem Anwendungsfall und der abzudeckenden Fläche zu tun. Generell kann man sagen, dass 5G-Netze je nach Anwendungsfall auch günstiger als WiFi Deployments sein können. Dies muss im Einzelfall von Mobilfunkexperten geprüft werden.

ITD: Wie schaut es mit der Stromversorgung des Netzwerks aus? Was gilt es zu beachten?
Noack: Die Core-Komponenten können in einem normalen Rechenzentrum betrieben werden. Je nach Redundanz und Anwendungsfall ist die Stromversorgung der Core-Komponenten mit einer normalen Absicherung getan. Die 5G-Antennen können z.T. direkt mit POE betrieben werden. Wichtig ist auch hier wieder die Prüfung des Anwendungsfalles durch erfahrene Berater.

ITD: Wie kann die Netzwerksicherheit gewährleistet werden – gerade auch bei einer parallelen Versorgung des Campus via öffentliches Mobilfunknetz?
Noack: Die Netzwerksicherheit mit einem privaten 5G-Netz ist gegenüber einem öffentlichen Netz und vor allem gegenüber WiFi-Netzen höher, da spezielles Equipment und Vorwissen über das anzugreifende Netz vorhanden sein müssen, die nicht so einfach erworben werden können. Zusätzlich werden bei 5G neue Verschlüsselungstechnologien bei der Authentifizierung angewendet.

ITD: Worauf sollten Unternehmen bei der Auswahl eines entsprechenden Dienstleisters achten?
Noack: Wichtig ist, dass der Dienstleister den jeweiligen Anwendungsfall vollumfänglich abdecken kann. Nicht alle Dienstleister können alle Funktionen jetzt schon bedienen und z.T. sprechen die Dienstleister hier ihre eigene Sprache. Deshalb sollte man sich bei der Auswahl und Evaluation der jeweiligen Dienstleister auf eine Beratung stützen, welche solche Prozesse schon mehrfach erfolgreich im industriellen Umfeld begleitet und umgesetzt hat.

Bildquelle: LHIND

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