Energieeinsparpotenziale im RZ

„Empfehlenswert sind wiederaufbereitete Komponenten“

Im Interview betont Uwe Müller, Datacenter-Lead und Evangelist bei Cisco Deutschland: „Eine längere Nutzung älterer Geräte, ‚nur‘ um Abfall zu vermeiden, ist nicht anzuraten.“

Uwe Müller, Cisco

Uwe Müller begeistert es, die stetige Innovation von Technologie hautnah mitzuerleben. Seine Vision ist die einer nutzerfreundlichen IT, die ressourcenschonend Services produziert, welche das Geschäft von Kunden und Partnern nach vorne bringt.

ITD: Herr Müller, sind Rechenzentren (RZ) bzw. ihre Betreiber in Ihren Augen Klimasünder?
Müller: In meinen Augen nicht, aber natürlich gelten Rechenzentren aufgrund ihres hohen Stromverbrauchs, CO2-Ausstoßes und Kühlungsaufwands nicht gerade als umweltfreundlich. Wir als Technologiebranche stehen auf jeden Fall in der Verantwortung, Rechenzentren deutlich ressourcenschonender zu konzipieren. Dafür gibt es auch einige Möglichkeiten. Die RZ-Betreiber sollten z.B. die Kapazität nicht mehr an Spitzenauslastung oder maximaler Performance orientieren, sondern an Energieeffizienz. Da muss ein Umdenken stattfinden.

ITD: Welchen konkreten Einfluss üben die hiesigen RZ mit ihrem Stromverbrauch und CO2-Ausstoß auf Deutschlands aktuelle Klimabilanz aus?
Müller: Für Deutschland liegen uns keine Zahlen vor, aber in der EU wird bis 2030 ihr Energiebedarf 3,2 Prozent des Gesamtverbrauchs betragen. 2020 benötigten Rechenzentren weltweit rund 16 Milliarden Kilowattstunden Energie. Dabei sind gemäß unserer Auswertungen Kühlung und Rack-Betrieb für rund die Hälfte, Server und Storage für etwa ein Viertel des Stromverbrauchs im Datacenter verantwortlich.

ITD: Inwieweit haben die Betreiber von Datacentern erkannt, wie wichtig es ist, sich um entsprechende Nachhaltigkeitsstrategien zu bemühen?
Müller: Laut einer aktuellen Studie von der International Data Corporation (IDC) sehen 83 Prozent der Unternehmen Nachhaltigkeit als eines der wichtigsten Kriterien für IT-Kaufentscheidungen. Dies liegt häufig an den aktuell hohen Energiekosten sowie den Schwierigkeiten in der Lieferkette. Gerade Betreiber von Rechenzentren sind stark von beiden Ursachen betroffen und haben ihre Nachhaltigkeitsziele erhöht. Auch wir verfolgen nun ehrgeizigere Pläne. Wir möchten bis 2040 den Net-Zero-Status erreichen, unsere Scope-1- und Scope-2-Treibhausgasemissionen bis 2030 um 90 Prozent reduzieren sowie 2025 eine Recyclingquote bei Plastik von mindestens 50 Prozent erzielen. Damit stehen wir stellvertretend für viele Unternehmen in der Tech-Branche.

ITD: Wie sollte eine Nachhaltigkeitsstrategie aussehen bzw. an welchen Stellschrauben muss gedreht werden? Wo schlummern Energieeinsparpotenziale?
Müller: Energieeinsparpotenziale schlummern im Prinzip überall, nicht nur in Rechenzentren, sondern auch im Enterprise Networking, im Gebäudemanagement oder im Verhalten jedes Mitarbeiters. In Zeiten von Hybrid Work und Collaboration befindet sich nicht immer jemand im Büro, sodass über Sensoren eine bedarfsorientierte Steuerung in Echtzeit möglich ist. Auch außerhalb der Geschäftszeiten können Unternehmen Access Points und Drucker, Beleuchtung und Klimaanlagen automatisch abschalten. Wenn 1.000 Access Points pro Tag statt 24 nur noch zwölf Stunden laufen, spart das rund 43.500 kWh pro Jahr. Die Technik Power over Ethernet (PoE) reduziert zusätzlich den Energiebedarf, indem die Stromversorgung für Geräte über das Ethernet-Kabel erfolgt. Damit sind keine separaten Netzteile oder Steckdosen mehr erforderlich. Aber ja, einer der größten Hebel bleibt das Rechenzentrum. Ein konkretes Beispiel: Neue Geräte wie die Cisco-8000er-Router verbrauchen 90 Prozent weniger Energie als die Vorgängerversionen und bieten eine höhere Leistung. Die Telekom hat diese neuen Router eingesetzt und allein durch die Einsparungen bei den Energiekosten sind die Investitionskosten nach 18 Monaten amortisiert. Das Potenzial ist also enorm.

ITD: Welche Tools und Lösungen sollten sinnvollerweise zum Einsatz kommen, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?
Müller: Zum Beispiel sollten statt einzelner Rack-Server modulare Systeme wie Nodes und Blades genutzt werden. So hat ein großer Finanzdienstleister nur durch die Umstellung auf eine modulare UCSX-Serie seinen Stromverbrauch um knapp ein Drittel gesenkt. Der Energiebedarf lässt sich durch Virtualisierung, Leistungsobergrenzen und geeignete Kühlungsregeln weiter reduzieren. Wichtig ist auch eine geeignete Analyse- und Steuerungssoftware. Mithilfe unseres  Intersight Workload Optimizer lassen sich sowohl lokale als auch in der Cloud befindliche Applikationen optimieren. Intelligente Software, Sensoren und ein Visibility Dashboard gewährleisten darüber hinaus ein geeignetes Temperatur- und Feuchtigkeitsmanagement im Rechenzentrum.

ITD: Was sind die effektivsten Instrumente bei der Dekarbonisierung?
Müller: Am schnellsten wirkt häufig der Austausch älterer IT-Geräte durch moderne Hardware. Beispielsweise sind neue Switches und Router meist nicht nur energieeffizienter, sondern auch flexibler einsetzbar, da sie integrierte Netzwerkdienste nach Bedarf bereitstellen. Zudem sind die Systeme zu konsolidieren und virtualisieren, etwa durch integrierte Lösungen aus Server, Speicher und Netzwerk. Beispielsweise greifen bei einem UCS-X-Server mehrere Applikationen auf gesharete Ressourcen zu. Desktop-Clients in Unternehmen können somit effizienter betrieben werden, was den Energieverbrauch reduziert und Ressourcen schont. Eine weitere Möglichkeit bietet die Auslagerung von Anwendungen und Services in die Cloud. Dann werden die Ressourcen sowohl bedarfsgerecht als auch innerhalb der Infrastruktur zur Mehrfachnutzung zur Verfügung gestellt. Die effektivste, aber auch aufwändigste Alternative ist der Aufbau eines eigenen Green IT Datacenter. Spezialisierte Partner unterstützen hier bei der geeigneten Gebäudearchitektur, dem Bezug umweltfreundlicher Energiequellen und einem hocheffizienten Betrieb.

ITD: Inwieweit können ältere oder wiederaufbereitete Komponenten zum Einsatz kommen?
Müller: Eine längere Nutzung älterer Geräte, „nur“ um Abfall zu vermeiden, ist nicht anzuraten. Denn sie verbrauchen meist viel mehr Energie und besitzen keine aktuellen Security-Funktionen. Selbst als Fallback-Lösung eignen sie sich selten, da ihre Ausfallsicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Empfehlenswert sind dagegen wiederaufbereitete Komponenten und Geräte. Wir orientieren uns an einem Lifecycle, der zum Ziel hat, ältere Materialien zurückzugewinnen, um diese in neue Komponenten einfließen zu lassen. Wir bieten Unternehmen eine 100-prozentige Rückgabemöglichkeit ihrer Datacenter-Komponenten und anderer Produkte. Dabei wird in der Regel sofort ein aktuelles Modell zum Austausch bereitgestellt.

ITD: Für welche Zwecke kann die Abwärme von Datacentern genutzt werden?
Müller: Die Abwärme lässt sich z.B. für die Heizung von nahe gelegenen Büros, Wohnungen oder gemeinnützigen Einrichtungen verwenden. Gerade im Zuge der aktuellen Energiekrise und der Diskussionen über die richtigen Heizsysteme kann dies eine einfache Lösung sein, die Geld und Aufwand spart. Allerdings sollten Unternehmen umgekehrt auch den Ort und die Gebäudeeigenschaften ihrer Rechenzentren prüfen. International tätige Provider können ihre Datacenter in kühlen Regionen wie in Skandinavien oder Kanada errichten. Durch die kältere Umgebung und die Nutzung der Außenluft benötigen sie weniger Energie für die Kühlung. Zusätzlich ist darauf zu achten, dass möglichst viel Strom aus erneuerbaren Energien stammt, etwa Wind- und Wasserkraft. 

ITD: Mit welchen Stolpersteinen ist die Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie für bestehende Rechenzentren häufig verbunden?
Müller: Damit die spätere Umsetzung wirklich gelingt, sollten Unternehmen zunächst analysieren, welche Lösungen sich am besten für sie eignen. Bei Analyse, Strategie und Umsetzung bieten erfahrene Partner wertvolle Unterstützung. Denn sie erkennen übliche Stolpersteine wie mangelnde Budgetierung, unzureichende Kosten-Nutzen-Analyse oder die fehlende Berücksichtigung begleitender Maßnahmen. Mit folgenden Best Practices lässt sich die Energieeffizienz nachhaltig erhöhen:

  • Eine regelmäßige Nutzungsanalyse zeigt die Auslastung von Servern, Speichern, Netzwerken und Gebäudeeinrichtungen.
  • Eine engere Zusammenarbeit zwischen Gebäudemanagement und IT ist ein oft vergessener, aber sehr wirksamer Hebel zur Energieeinsparung.
  • Das Echtzeit-Monitoring und die Verwaltung des Netzwerks sollten mit Server-, Speicher- und Facility-Management-Anwendungen integriert werden.
  • Director-Class-Switching, Common Fabric, Servicemodule und IVR erhöhen die Nutzung von Speicherressourcen um bis zu 70 Prozent.
  • Die Bereitstellung der Anwendungen lässt sich durch moderne Ansätze wie eine Servicemodularchitektur optimieren.
  • Services von hoch qualifizierten Dienstleistern und Partnern unterstützen bei der Planung, Gestaltung, Prüfung und allgemeinen Bewertung von Gebäudeeinrichtungen und Infrastruktur.

ITD: Wie können Betreiber von Datacentern ihre Klimabilanz stets im Blick behalten?
Müller: Ein wichtiger Punkt ist, dass die Applikationsperformance durch Messungen ständig an die realen Anforderungen angepasst wird. Dies erfordert eine umfassende Observability, die sowohl Hardware als auch Software genau beobachtet und das Zusammenspiel beider analysiert. Das vermeidet sowohl Engpässe als auch Ressourcenverschwendung.

ITD: Welchen Stellenwert schreiben Sie Emissionszertifikaten für Rechenzentren zu?
Müller: Emissionszertifikate sind vor allem für Betreiber von Rechenzentren interessant, um gegenüber Kunden und Auditoren die Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu belegen. Aber Zertifikate können nur einen bestimmten Stand der Technik repräsentieren, der in der Vergangenheit liegt. Zudem berücksichtigen sie nicht immer alle Technologien. Entsprechend ist es aus unserer Sicht wichtiger, die jeweils optimalen Lösungen zu nutzen, um eine möglichst hohe Nachhaltigkeit zu erreichen.

Bildquelle: Cisco

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