Auf dem gegenwärtigen Energiemarkt nimmt der Bezug von Strom aus volatilen erneuerbaren Quellen zu. Bei hoher Einspeiseleistung kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Situationen, in denen die Stromerzeugung temporär über dem Verbrauch lag. Damit vergrößert sich der Konkurrenzdruck zwischen Energieversorgern.
Stadtwerke bekommen ihn ebenfalls zu spüren. Sie müssen ebenso wie die großen Energieversorger in Europa den Fokus darauf richten, Programme zur Optimierung ihrer Prozesse zum Management der Energien aus erneuerbaren Anlagen aufzulegen, um sowohl ihre Wettbewerbsposition als auch ihre interne Prozesseffizienz zu verbessern. Die größte Herausforderung besteht dabei im Einsatz von integrierten „Energy Trading & Risk Management“-Lösungen (ETRM). Diese ETRM-Modelle müssen die gesamte Wertschöpfungskette des Energiemanagements abdecken – von der Erzeugungs-und Verbrauchsprognose über die Trades bis hin zum Verkauf der Energie. Dabei müssen diese Systeme als „virtuelle Kraftwerke“ agieren und das Management von Demand-Response-Angeboten für Kunden übernehmen.
Eine Unternehmensplattform, die alle diese Prozesse bündelt und transparent darstellt, bietet Energieversorgern und Stadtwerken viele Vorteile: Angefangen von der aktiven Risikobewertung über die Preisfindung und Margenkalkulation bis zur Kundenbindung oder Flexibilisierung des Angebots. Zudem ermöglicht die Verfügbarkeit genauer Echtzeitinformation die schnellere und teilweise automatisierte Entscheidungsfindung.
Um eine solche Plattform erfolgreich aufzusetzen, müssen alle beteiligten Geschäftsprozesse genau analysiert und in Modellen erfasst werden. Im ersten Schritt gilt es, ein Konzept zur Risikobewertung und zum Risikomanagement zu entwickeln. Diese Modellierung verschafft Einsichten in Marktrisiken und enthält Echtzeitaktualisierungen. Zusätzliche Metriken zu den Risikofaktoren und -indikatoren bilden die Grundlage für eine umfassende Risikoberechnung. Um alle generierten Daten sinnvoll nutzen zu können, muss die Lösung auf dieser Ebene auch Reporting-Funktionen für den konsolidierten Value-at-Risk-Indikator enthalten.
Im zweiten Schritt erarbeiten die Manager in den Fachabteilungen zusammen mit den IT-Experten eine Lösung zur Erzeugungs- und Verbrauchsprognose. Dabei sollten die Vorhersagemodelle für die Energieerzeugung unterschiedliche Energieträger und verschiedene Zeithorizonte berücksichtigen. Bei der jährlichen Planung liegt der Fokus auf der langfristigen Produktions- und Verkaufsplanung. Im Gegensatz dazu werden für die kurzfristigen Vorhersage für die nächsten ein bis drei Folgetage auch Wetterdaten berücksichtigt, um eine Planung mit maximaler Zuverlässigkeit zu erreichen. Für jeden zeitlichen Horizont werden im Rahmen des Planungsprozesses Mengen-, Preis- und Verkaufsprognosen durchgeführt. Dabei schätzen Experten die erzeugten Energiemengen und Referenzpreise, optimieren den Preismix und analysieren Markttrends. Zudem kann das Portfolio auf Basis der erwarteten Volumina und Verkaufskonditionen für die spezifischen Märkte optimiert werden.
Nach dieser umfassenden Erarbeitung geeigneter Modelle und Lösungen muss im dritten Schritt das passende ETRM-Software-System ausgewählt oder aus mehreren geeigneten Komponenten aufgebaut werden. Dabei ist für das jeweilige Stadtwerk das System am besten geeignet, das die fachlichen und technischen Anforderungen aller betroffenen Geschäftsbereiche am besten erfüllt. Zur Analyse der konkreten Erfordernisse ist es ratsam, eine Vergleichsmatrix mit Gewichtungen und Bewertungen zu erstellen, Produktdemonstrationen mit den Softwareherstellern zu vereinbaren und eine finale Software-Scoring-Tabelle zu generieren.
Schließlich werden die zuvor identifizierten Services in der ausgewählten Zielarchitektur umgesetzt, das ETRM-System wird konfiguriert und in die bestehende IT-Landschaft des Stadtwerks integriert. Um eine reibungslosen Einführung der neuen ETRM-Lösung zu gewährleisten, sind umfassende Integrationstests und anschließende Schulungen der Mitarbeiter erforderlich.
Um den Wert der Plattform für das Risikomanagement voll ausschöpfen zu können, ist ein integriertes Energiemanagement-Dashboard notwendig. Auf dem Dashboard fließen die Daten aus allen relevanten Prozessen ein. Diese werden mit den quantitativen Messungen der gegenwärtigen und künftigen kritischen Erfolgsfaktoren des Unternehmens kombiniert. So liefert das Dashboard alle wichtigen Kennzahlen auf einen Blick. Diese lassen sich in Kategorien wie etwa Umsätze, Produktion, Energiekosten oder Marktüberwachung unterteilen und in der Anzeigegranularität weiter verfeinern. So bilden die Daten eine effiziente Entscheidungsgrundlage.
Eine integrierte und auf die individuellen Anforderungen abgestimmte ETRM-Softwarelösung ermöglicht den Stadtwerken und Energieversorgern von der Liberalisierung der Energiemärkte zu profitieren. Da die Marktbedingungen und Produktlandschaften sich zunehmend verändern und immer komplexer werden, ist eine flexible und leistungsfähige IT-Architektur und ein überdurchschnittlich entwickeltes Risikomanagement nötig, um die eigene Wettbewerbsposition im sich verschärfenden Wettbewerb zu festigen und Kunden langfristig zu binden.
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* Die Autoren des Beitrags sind Luigi Edoardo Cardani, Vice President Energy & Utilities von NTT Data sowie Dr. Michael Spreng, Head of i-Mobility
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