Clare Joy, Senior Strategy & Expansion Manager bei der digitalen Identitätsprüfungsplattform Onfido.
ITD: Frau Joy, die EU-Kommission hat jüngst den Rahmen für die EUid vorgestellt. Um was geht es dabei und welche Ziele werden mit dem digitalen Identitätsnachweis verfolgt?
Clare Joy: Der neue EUid (European Digital Identity Wallet) wird nationale, digitale Identitäten und weitere Nachweise persönlicher Merkmale enthalten. Das kann etwa den Führerschein, das Bankkonto oder berufliche Qualifikationen umfassen. Wichtig ist, dass es nicht um eine separate „Europäische Digitale Identität“ geht. Die EU-Mitgliedsstaaten werden Bürger und Unternehmen Digital Identity Wallets anbieten, die mit ihren bestehenden nationalen, digitalen Identitätsnachweisen verbunden sind. Der aktuelle Beschluss der EU-Kommission erlaubt es, dass die Wallets von öffentlichen Behörden und privaten Einrichtungen bereitgestellt werden können. Jedes EU-Land kann die Beteiligung des privaten Sektors an den Wallet-Apps festlegen. Die Nutzung wird für alle Bürger der EU kostenlos und freiwillig sein. Unternehmen, die per Gesetz oder vertraglicher Verpflichtung eine starke Benutzerauthentifizierung für digitale Identifikationszwecke benötigen, werden European Digital Identity Wallets akzeptieren müssen. Großkonzerne wie Facebook, Google und Amazon werden im Beschluss ausdrücklich erwähnt: Auch sie müssen den EUid für die Benutzerauthentifizierung akzeptieren. Die Kommission verfolgt dabei ganz klare Ziele:
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ITD: Inwieweit hat die aktuelle Pandemiesituation dazu beigetragen, das Vorhaben voranzubringen? An welchen Stellen hat Corona etwa offengelegt, weshalb eine digitale ID-Lösung sinnvoll ist?
Joy: Die Auswirkungen der Pandemie haben verdeutlicht, dass Bürger in der Lage sein müssen, eine Online-Identifikation, wie etwa Onfido sie bietet, zu nutzen. Diese sollte einfach und sicher sein und zudem europaweit verwendet werden können. Während der Pandemie waren Face-to-Face-Transaktionen und Onboardings schwierig oder unmöglich, sodass für die meisten Identifizierungsvorgänge die Verwendung einer digitalen ID notwendig war. Nicht-digitale Ausweise sind in einer Covid-19-geplagten EU, in der ein persönliches Treffen oft nicht möglich ist, ebenso ein Nachteil wie die Tatsache, dass die Regularien dafür, wie Identitäten aus der Ferne überprüft werden können, noch uneinheitlich sind.
ITD: Was können die Akteure der Initiative tun, um die Akzeptanz der EUid bei den Bürgern zu erhöhen und ihnen die Bedenken zu nehmen?
Joy: Der eID muss für alle Altersgruppen einfach zu benutzen sein. Er muss Sicherheit und einen angemessenen Schutz vor Datenmissbrauch bieten und die EU-Staaten müssen ihn gegenseitig anerkennen. Wenn es den EU-Akteuren gelingt, dies in die Gestaltung einzubeziehen, und die nationalen Regierungen es schaffen, den eID attraktiv zu vermarkten, werden die EU-Bürger ihre Bedenken höchstwahrscheinlich verlieren und die eIDs annehmen. Die Hersteller beziehungsweise Anbieter der EUids sollten zudem einen starken Fokus auf ein benutzerzentriertes Design legen. Dafür empfehle ich KPIs, um die Benutzerfreundlichkeit zu messen, wie etwa Abbruchraten und Benutzerzufriedenheit. Ohne ein einwandfreies Nutzererlebnis wird sich die Lösung nicht durchsetzen.
Bildquelle: Infido GmbH