Die Prävention, Bekämpfung und Aufklärung wirtschaftskrimineller Aktivitäten verlagert sich zunehmend in den digitalen Raum.
Die Prävention, Bekämpfung und Aufklärung wirtschaftskrimineller Aktivitäten verlagert sich zunehmend in den digitalen Raum – mit massiven Auswirkungen auf die Arbeit von Wirtschaftsprüfern, Compliance-Managern oder Juristen. Fehlende Fachkräfte gefährden dabei nicht nur unmittelbar die Sicherheit im Unternehmen, sondern auch die erfolgreiche Umsetzung der digitalen Transformation.
Um zu verstehen, wie sich die Aufarbeitung juristischer Sachverhalte im digitalen Zeitalter verändert, lohnt sich ein Blick auf das neueste Datenleck, die sogenannten Paradise Papers: Rund 1,4 Terabyte Daten, verteilt auf 13,4 Dokumente umfasst das brisante Material, welches dem Journalistennetzwerk ICIJ zugespielt worden ist. Der schiere Umfang dieser Enthüllungen offenbar ein neues Komplexitäts-Level, mit dem Juristen, Wirtschaftsprüfer und Compliance-Beauftragte heutzutage konfrontiert sind und das deren Arbeitsweisen erheblich verändert. So spielen computer-gestützte Analysemethoden und digitale Beweissicherung im Rahmen der IT-Forensik mittlerweile eine wesentlich wichtigere Rolle bei der Korruptionsbekämpfung und juristischen Auseinandersetzungen.
Unter dem Stichwort „Legal Tech“ etwa werden eine Reihe von Software- und Online-Tools zusammengefasst, mit deren Hilfe bestimmte Tätigkeiten, wie etwa lineare und extrem zeitaufwendige Review-Prozesse oder Due-Dilligence-Prüfungen auf absehbare Zeit nahezu vollständig von Maschinen ausgeführt werden könnten. Ähnliches gilt für bestimmte Aspekte des Auditing oder der Bilanzprüfung. Dort werden Methoden wie Data Mining und Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt, um anhand bestimmter Muster oder Unregelmäßigkeiten in den Datensätzen mögliche Betrugsversuche frühzeitig zu identifizieren. Der klassische Buchprüfer scheint ausgedient zu haben.
Dass Juristen und Wirtschaftsprüfer allerdings schon bald komplett durch Software ersetzt werden, ist unwahrscheinlich. Vielmehr werden wir zukünftig eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit mit IT-Fachleuten, Kriminologen und anderen Berufsfeldern erleben. Bedarf haben die Unternehmen dabei nicht nur an Technologiespezialisten, sondern vor allem an Schnittstellenmanagern, die in der Lage sind diese Prozesse zu steuern und interdisziplinäre Teams effektiv zu führen. Neben hervorragenden Fachkenntnissen müssen diese auch die Funktionsweise von Algorithmen verstehen und den Umgang mit Datenbanken und Big Data beherrschen, wie etwa eine Studie der Bucerius Law School aus dem vergangenen Jahr nahelegt. In diesem Spannungsfeld aus klassischen Disziplinen und neuen Tätigkeitsanforderungen entstehen gerade eine Reihe von neuen, spezialisierten Berufsfeldern:
Der Bedarf an speziellen Fachkräften wird bislang vor allem von externen Dienstleistern wie etwa Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Kanzleien oder Unternehmensberatungen gedeckt. Nur wenige Unternehmen unterhalten innerhalb ihrer Compliance- oder Rechtsabteilungen eigene Teams für das Thema digitale Forensik. Das könnte sich allerdings bald ändern. Laut einer aktuellen KPMG-Umfrage plant rund die Hälfte der befragten Unternehmen eine Erhöhung ihrer Investitionen in die Bekämpfung von Cybercrime. Neben Ausgaben für entsprechende Technologielösungen wird dies langfristig auch zu einer Professionalisierung dieser Tätigkeitsbereiche und dem Auf- bzw. Ausbau eigener Forensikeinheiten im Unternehmen führen.
Momentan fehlt dafür allerdings geeignetes Personal. Laut Umfrage haben bereits heute mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen große Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden. Ein Grund: Bislang existieren kaum entsprechende Ausbildungsangebote für diese spezifischen Berufsprofile. So spielen etwa Themen wie Legal Tech an den meisten juristischen Fakultäten in Deutschland noch keine große Rolle. Gleichzeitig erlebt der gesamte Berufszweig gerade einen massiven Umbruch der klassischen Karrierewege. Statt Juristen oder Wirtschaftswissenschaftlern sind immer häufiger Informatiker oder Technologie-Experten ohne Hochschulabschluss in Kanzleien oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu finden. Zudem drängen vermehrt Fachkräfte aus dem Ausland auf den Bewerbermarkt, etwa Juristen, die als Anwalt in Deutschland keine Zulassung erhalten.
Eine Chance für jene Unternehmen, die dringend auf angewiesen sind, um die digitale Transformation erfolgreich und vor allem rechtssicher zu gestalten. Denn bereits heute nennen Unternehmen in einer aktuellen Bitkom-Umfrage Datenschutz und IT-Sicherheit als größte Hindernisse auf dem Weg zur digitalen Transformation. Die Verfügbarkeit von Fachkräften zur Cybercrime-Abwehr wird somit zum wesentlichen Erfolgsfaktor die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und -modellen.
* Die Autorin Vanessa Wick ist Senior Consultant bei der Executive Search Beratung LAB & Company.
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