Ditmar Tybussek ist Niederlassungsleiter Wiesbaden und Entwicklungsleiter Cierp3 bei der Allgeier IT Solutions GmbH.
IT-DIRECTOR: Herr Tybussek, was bedeuten Dienste wie Software as a Service (SaaS) und andere Cloud-Angebote heute für unseren Markt?
D. Tybussek: Der Branchenverband Bitkom erwartet in 2012 für den deutschen Markt ein Umsatzplus mit Cloud-Lösungen von mehr als 50 Prozent auf über 5 Mrd. Euro. Bis 2015 soll das Umsatzvolumen gar auf 13 Mrd. Euro ansteigen. Einfache und flexibel skalierbare SaaS-Lösungen bieten Unternehmen spürbare Vorteile, indem durch die Mietvariante die Kosten der IT-Landschaft der jeweiligen Marktlage angepasst werden können. Die bedarfsgerechte Skalierbarkeit wird durch die nutzungsabhängige Abrechnung und eine monatliche Kündbarkeit gewährleistet. Der Implementierungsaufwand und die Kosten für die Wartung und Aktualisierung des Systems verringern sich zudem auf ein Minimum, während die Lösung stets „up to date“ ist. In schwierigen Marktphasen werden für viele Unternehmen teilweise seit Langem benötigte Softwaresysteme oder einzelne Module durch die geringen Investitionskosten erst erschwinglich.
IT-DIRECTOR: Mit Standards zum integrierbaren und performanten SaaS-Angebot – Zukunft oder Realität?
D. Tybussek: Dass sich das SaaS-Angebot noch nicht flächendeckend etabliert hat, ist u.a. den fehlenden inhaltlichen Standards der Angebotslandschaft geschuldet. Es gibt zwar technologische Standards, wie etwa Webservices (Stichwort: SOA) oder Kommunikationsstandards, jedoch ist für die reibungslose und vor allem sichere Kommunikation der Anwendungen untereinander noch mehr vonnöten. Unternehmen müssen letztlich eine Transaktionssicherheit sicherstellen, die der Webservice alleine allerdings nicht herstellen kann. Ein angefragter Webservice beispielsweise liefert Artikeldaten, ein anderer stellt Auftragsinformationen zur Verfügung und ein weiterer legt neue Kundenstammdaten an. Inwieweit diese Daten jedoch von dem System an der Gegenstelle richtig verarbeitet werden, wird von dem Webservice leider bis dato nicht geprüft.
Gerade in der Massendatenverarbeitung bei großen Unternehmen gewinnt die Transaktionssicherheit von Webservices an Bedeutung. Für unsere eigenen Systeme können wir etwa diese bei der Übermittlung der Webservices sicherstellen. Allerdings stehen wir damit bei den ERP-Anbietern in Deutschland heute noch ziemlich alleine dar, da viele Hersteller dieses Problem noch gar nicht erkannt geschweige denn gelöst haben.
Wir würden uns wünschen, dass sich über kurz oder lang ein Standard etabliert, der diese Transaktionssicherheit der kommunizierenden Systeme gewährleistet – ähnlich wie es in anderen Bereichen bereits mit Edi oder Edifact umgesetzt wurde. Dieser Standard sollte aber nicht nur die vollständige und korrekte Übertragung der sensiblen Unternehmensdaten, sondern auch die Sicherheit der Kommunikation und die Wahrung von Zugriffsberechtigungen gewährleisten. Auf Basis eines solchen Standards können sämtliche Anwendungen innerhalb der Cloud sicher und problemlos miteinander kommunizieren.
IT-DIRECTOR: Inwieweit profitieren die Anwenderunternehmen von diesen Standards im Cloud-Umfeld?
D. Tybussek: Die direkten Investitionskosten einer Unternehmenssoftware sind dank der SaaS-Mietvariante heute recht überschaubar und skalierbar. Herstellern und damit im Endeffekt auch den Anwenderunternehmen entstehen im laufenden Betrieb letztlich dabei die größten Kosten, wenn es darum geht, eine reibungslose Kommunikation mit den jeweils genutzten und stets aktualisierten Systemen und Modulen herzustellen. Ein Beispiel: Man möchte dem Versendersystem mitteilen, dass ein bestimmtes Paket versandbereitet ist und ein entsprechendes Paketlabel produziert werden soll mit der richtigen Empfängeradresse, den korrekten Preisen und weiteren relevanten Logiken. Bereits bei so einem vermeintlich einfachen Prozess werden Hunderte kleiner Webservices angesprochen. Standards erleichtern hier die Automatisierung in der Pflege der Anwendungen maßgeblich, was sich letztlich auch bei den Kosten bemerkbar macht.
IT-DIRECTOR: Sind SaaS-Lösungen an individuelle Anforderungen anpassbar?
D. Tybussek: Ein häufiges Vorurteil, mit dem sich Anbieter von Mietlösungen aus der Cloud konfrontiert sehen, ist eine vermeintlich mangelnde Flexibilität der Systeme. Dies ist allerdings nicht zu pauschalisieren. Zwar werden vielfach vorgefertige Standardpakete zu festen Mietpreisen angeboten, wobei eine individuelle Zusammenstellung oder Zubuchung von Funktionen oder Modulen meist nicht möglich ist. Der Grund liegt häufig in dem Kalkulationsmodell der Software-Anbieter: Mit ERP-Systemen zur Miete ist es schwieriger, ein rentables Massengeschäft aufzubauen, da jedes Unternehmen auch individuelle Anforderungen mitbringt. Also überfrachten einige Hersteller ihre Lösungen mit Abläufen und Funktionen, um möglichst viele Firmen anzusprechen. Doch das macht die Miete teurer als nötig. Wir ermöglichen daher Mietkunden mit unserem SaaS-Angebot, auch einzelne Funktionen und Module entsprechend ihrem tatsächlichen Bedarf zu- oder abzuschalten und so den Mietpreis zu ihren Gunsten zu beeinflussen.