KI Systeme

Feministische KI – eine Notwendigkeit

Im Kommentar erläutert Christiane Noll, Geschäftsführerin von Avanade in Österreich, warum Teams, die KI-Algorithmen programmieren, divers sein sollten.

Christiane Noll

Christiane Noll beschäftigt sich seit langer Zeit mit der Rolle der Frau in der IT-Welt, u.a. mit dem Buch „IT-Girls“.

Wie viele andere IT-Systeme wird auch Künstliche Intelligenz (KI) mehrheitlich von Männern entwickelt. Das birgt die Gefahr, dass KI-basierte Systeme Frauen benachteiligen können. Wer an dieser Stelle die Augen rollt und das Thema in das Reich der Empörung etc. weisen möchte, sei auf Tatsachen aufmerksam gemacht: US-Studien belegen, dass sehr wohl Geschlechterungleichheiten bei Datensätzen entstehen können, auf die KI-Systeme wiederum zugreifen – und dass das auch im echten Leben passiert. Und wer die Probe machen möchte: Auch ChatGPT selbst „gibt zu“, dass KI-Systeme Frauen benachteiligen können. Darum brauchen wir eine feministische Sichtweise auf Künstliche Intelligenz. Das zeigen einige teils doch recht prominente Beispiele.

So erkennt die Spracherkennung von Google männliche Stimmen mit 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit als weibliche. Nächstes Beispiel: KI kann Frauen strukturell benachteiligen, wie die Kreditkarteneinführung von Apple aus dem Jahr 2019 zeigte: Bei der Überprüfung der Zahlungsfähigkeit seiner Kunden setzte Apple auf eine KI, die Frauen und Männer sehr schnell unterschiedlich bewertete – obwohl gleiche finanzielle Voraussetzungen vorlagen. Das Problem der algorithmischen Voreingenommenheit besteht auch bei der Einstellungspraxis: Basiert ein KI-System auf historischen Daten, die geschlechtsspezifische Diskriminierung bei Einstellungsentscheidungen aufweisen, wird das KI-System ähnliche Muster mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederholen und demnach Frauen benachteiligen.

Den Nachwuchs auf die Welt vorbereiten

Um diese Defizite auszugleichen, sind große Schritte notwendig, das gilt umso mehr seit dem Aufstieg von ChatGPT. Bleibt mit Blick auf die eingangs gestellte Aussage, dass vor allem Männer KI-Systeme entwickeln, die Frage: Warum eigentlich? Diverse Teams sind erwiesenermaßen erfolgreicher, das gilt auch für solche Teams, die sich mit KI-Algorithmen beschäftigen – was wiederum die Chance erhöhen würde, Diskriminierungen und Vorurteile schneller zu erkennen und abzubauen oder im besten Fall zu vermeiden.

Damit das gelingen kann, müssen wir – Unternehmen, Staat, Gesellschaft – einige Dinge beachten. Die Unternehmen selbst sind in der Pflicht, sich per Governance und über gelebte Vorbilder eine entsprechende Kultur aufzubauen. Der Staat wiederum muss endlich die Rahmenbedingungen verbessern und z.B. Mädchen noch früher über entsprechende Programme fördern; die Strukturen können dabei durchaus schon ab dem Kindergarten- oder Grundschulalter beginnen. Denn spielerisch angepackt kennt Coding kaum eine Altersgrenze, weder nach unten noch nach oben. Und wir als Gesellschaft müssen noch intensiver daran arbeiten, Vorurteile zu überkommen und Vielfalt nicht nur anzunehmen, sondern wahrhaft zu umarmen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Und auch hier wäre es ratsam, mehr Augenmerk auf die Kinder zu richten: Es ist Aufgabe der Eltern, ihren Nachwuchs auf die Welt vorzubereiten. Und diese Welt ist technologiegeprägt. Demnach ist es ein Teil der Verantwortung des Elternseins, Interesse auch in diesem Abschnitt der Realität zu wecken, zu ermutigen, Talent zu fördern. Es ist dabei sicher eine Herausforderung, immer wieder die eigene Komfortzone zu verlassen. Andererseits hat Masako Wakamiya mit 82 Jahren eine App programmiert und es so in einen Austausch mit Apple-CEO Tim Cook geschafft. Er nannte sie inspirierend – zurecht!

Bildquelle: Avanade

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