Gabriel Willigens, Itenos: „Nur ein modularer Aufbau ermöglicht Datacentern langfristig eine gute Skalierbarkeit und optimale Auslastung.“
ITD: Herr Willigens, welchen Einfluss haben die Krisen der vergangenen Monate auf die Rechenzentren (RZ) in Deutschland und deren Betrieb ausgeübt?
Willigens: Es gab in den vergangenen Monaten bedingt durch die politische Situation und Probleme bei den Lieferketten eine Verknappung technischer Komponenten. Das lag u.a. an der unzuverlässigen Versorgung aus China. Es ist wichtig, vorausschauend zu planen, um möglichen Engpässen bereits im Vorfeld entgegenzusteuern. Rechenzentrumsbetreiber sollten auf die langfristige Beschaffung von Komponenten setzen und solide Instandhaltungsverträge mit Lieferanten schließen.
Zudem sollten Datacenter-Betreiber ihren Fokus auf die Bestandsinfrastruktur richten, um diese nicht nur in Hinblick auf die IT, sondern auch in Bezug auf die Rechenzentrumsinfrastruktur kontinuierlich zu optimieren. Dabei sollte man den Stand der Technik erfassen und beispielsweise die Erfordernisse im Energiemanagement nach ISO 50001 abdecken. Um den steigenden klimatischen Herausforderungen gewachsen zu sein, gilt es, bereits bei der Standortwahl von Rechenzentren ein Augenmerk auf diesen Aspekt zu richten.
ITD: Wie sind Datacenter in Deutschland derzeit mit Bezug auf die Nachhaltigkeit aufgestellt und inwieweit ist eine Modernisierung vonnöten?
Willigens: Im aktuellen Sprachgebrauch ist der Begriff Nachhaltigkeit im Datacenter oft ausschließlich auf die Energieinfrastruktur beschränkt. Es lässt sich feststellen, dass viele Datacenter in diesem Bereich bereits gut aufgestellt sind. Ein anderes Bild zeigt sich aber, wenn man Nachhaltigkeit umfassender versteht: Eine Zertifizierung wie z.B. nach DIN ISO EN 50001 können bisher nämlich nur wenige Rechenzentrumsbetreiber nachweisen. Der Modernisierungsprozess, der oft auch die Energieeinsparung inkludiert, ist wesentlicher Bestandteil dieser DIN-Norm, die auf die ständige Verbesserung der Energieeffizienz abzielt. Getätigte Modernisierungsprojekte sind im Rahmen der Zertifizierung jährlich nachzuweisen. Ich bin mir sehr sicher, dass zukünftig weitere Faktoren im Bereich der Nachhaltigkeit, die keinen Bezug zur Energieinfrastruktur haben, stetig an Bedeutung gewinnen werden.
ITD: Wann ist es besser, ein RZ komplett neu zu bauen, statt es zu modernisieren?
Willigens: Wenn Bestandsrechenzentren der Kunden den erhöhten Verfügbarkeits-, Energiemanagement- und Nachhaltigkeitsanforderungen nicht mehr gerecht werden, sind die Alternativen entweder ein Neubau oder die Auslagerung des IT-Betriebs in ein Colocation-/Housing-Rechenzentrum. Letzteres stellt durch die Skaleneffekte die nachhaltigere Variante dar.
Es ist aber schwierig, eine pauschal gültige Aussage zu treffen, da nicht nur der Standort und die dazu benötigten Infrastruktur beurteilt werden müssen. Vielmehr sind die IT-Architektur und daraus resultierende IT-Landschaft des Kunden sowie die daraus entstehenden neuen Anforderungen an die Konnektivität zu deren Partnern, Kunden und zu den Clouds zu berücksichtigen.
ITD: Was sollten Betreiber bei einer entsprechenden Planung beachten?
Willigens: Wenn ein Rechenzentrumsbetreiber einen Neubau plant, sollte er verschiedene Aspekte im Vorfeld beleuchten und in seine Entscheidungsfindung mit einbeziehen. So ist beispielsweise eine ökologische und ökonomische Standortbewertung essenziell. Dabei gilt es etwa, die Anbindung des neu entstehenden Datacenters zu bewerten. Wie ist es um die Stromversorgung und die Anbindung an ein optimales Stromnetz bestellt? Ist der Standort gut an Datenknotenpunkte wie beispielsweise den DE-CIX angebunden oder über Glasfasertrassen gut erreichbar?
Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Nutzung der Energie, die ebenfalls von der Standortwahl abhängt. Es stellt sich die Frage nach dem „Woher?“ und dem „Wohin?“: Woher kommt die Energie, wie sieht die Netzanbindung im konkreten Fall aus? Und wie wird die Abwärme genutzt? Um dem dynamischen Marktgeschehen gewachsen zu sein und schnell auf sich ändernde Rahmenbedingungen oder Anforderungen reagieren zu können, ist Modularität das Schlüsselwort. Denn nur ein modularer Aufbau ermöglicht Datacentern langfristig eine gute Skalierbarkeit und optimale Auslastung – was wiederum der Umwelt zuträglich ist.
ITD: Omnipräsent in Medien und Unternehmen ist auch das Thema „Security“ – welche Risiken stehen derzeit für Rechenzentren im Vordergrund?
Willigens: Neben den Ausfallrisiken, die von der Kühlung, Netzwerkfehlern oder IT-Systemfehlern kommen, bleibt aus meiner Sicht nach wie vor das Risiko mit der größten Relevanz die Stromversorgung. Hier gibt es auf der einen Seite die Problematik, dass es zu Schwierigkeiten bei der Strombereitstellung kommen kann. Insbesondere für die Betreiber kleiner Rechenzentren sollte dieses vertragliche Thema berücksichtigt werden. Auf der anderen Seite kann die Stromversorgung aber auch aus technischer Sicht durch Stromausfälle gefährdet sein. Dem kann wie eingangs bereits erwähnt durch ein professionelles Management und einen langfristigen Energiebezug entgegengesteuert werden.
Ein gutes Risikomanagement nimmt alle potenziellen Gefährdungen in den Fokus und minimiert diese durch verschiedene Strategien. So ist mit einer redundanten Stromversorgung des Rechenzentrums durch eine Netzersatzbetriebsinfrastruktur bestehend aus Generatoren und batteriebetriebenen USV-Anlagen ein sicherer Betrieb möglich, auch wenn es zu temporären Ausfällen in der Energieversorgung kommt.
ITD: Was können Betreiber entsprechend unternehmen, damit RZ samt oft kritischen Daten vor Cyberangriffen besser gewappnet sind?
Willigens: Natürlich ist bei Rechenzentren zunächst einmal die physische Sicherheit von großer Bedeutung. Hier gibt es verschiedene Bestandteile wie Gebäudeüberwachung, Zugangskontrollen, Brandschutz und vieles mehr, die dem Schutz des Datacenters dienen. Aber neben diesen Aspekten ist es von hoher Relevanz, sowohl bei Kunden als auch bei der Belegschaft in den Rechenzentren die Awareness für Security-Themen hochzuhalten. Denn neben den technischen Sicherheitsmaßnahmen, die in erster Linie auf die Infrastruktur zielen, ist es wichtig, Sicherheitskonzepte in die für Kunden entwickelte Lösungen mit einfließen zu lassen.
Immer mehr Datacenter-Kunden stellen konkrete Anforderungen an Business Continuity, um ohne die Gefahr von (längeren) Ausfällen handlungsfähig zu bleiben. Denn in einer digitalisierten Welt hängt das Überleben von einem unterbrechungsfreien Geschäftsbetrieb ab. Daher wächst die Bedeutung von Business Continuity Management und damit einhergehend auch die Nachfrage nach Lösungen wie Mail Security oder Cloud-basierten Backups bis hin zu umfassenden Disaster-Recovery-Konzepten konstant. Sorgfältiges Risk Assessment und eine gut vorbereitete Notfallplanung minimieren die Auswirkungen im Krisenfall.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Redundanz-Konzepte spielen in vieler Hinsicht in der digitalisierten Welt eine Schlüsselrolle – egal ob in puncto Connectivity, Stromversorgung oder eben auch Datensicherung. Um diese Sicherheitsaspekte permanent zu schärfen, sind regelmäßige Fire Drills und Vorfallssimulationen probate Mittel. Denn nur wer im Krisenfall automatisiert und routiniert Gegenmaßnahmen ergreifen kann, behält einen kühlen Kopf und den Überblick.
ITD: Den seit einiger Zeit vorherrschenden Fachkräftemangel bekommen viele Unternehmen immer härter zu spüren. Inwiefern betrifft das auch RZ?
Willigens: Genauso wie andere Branchen und Dienstleister sind wir von der Situation des Fachkräftemangels im Allgemeinen betroffen und sehen bei Neueinstellungen eine angespannte Situation am Arbeitsmarkt. Bei Itenos haben wir aber glücklicherweise dank eines sehr guten Arbeitsklimas den Vorteil, dass wir wenig Abwanderungen in der Belegschaft haben. Generell sind Rechenzentren als zukunftssicherer Arbeitsplatz sowohl für Berufseinsteiger als auch für erfahrene IT-Kräfte ein spannendes und vielfältiges Arbeitsfeld.
ITD: Wie sieht die Zukunft der Data Center aus? Wagen Sie einen Ausblick.
Willigens: Für Rechenzentrumskunden, also für die Unternehmen, muss die kritische IT-Infrastruktur, egal ob sie am Standort – also on prem – oder in der Cloud abgebildet wird, immer den heutigen Sicherheitsanforderung gerecht werden. Und das gilt mit einer holistischen Perspektive sowohl aus technischer Sicht als auch Sicht der Fach-Ressourcen und aus prozessualer Sicht. Aufgrund der Kritikalität der IT-Systeme bleiben Rechenzentren auch in Zukunft ein Kernbestandteil der IT-Landschaft. Und genau aus diesem Grund ist es so wichtig, langfristig zu denken – damit wir nachhaltige Lösungen schaffen.
Bildquelle: Itenos