Europa-Cloud

Gaia-X – Stillstand oder Fortschritt?

Bereits 2019 wurde das Projekt „Gaia-X“ beim Digital-Gipfel in Dortmund vorgestellt und mittlerweile drängt sich die Frage auf: Was ist eigentlich seitdem passiert?

Cloud, Datenaustausch

Mit der Europa-Cloud Gaia-X sollen europäische Werte gewahrt und neue Maßstäbe bezüglich des Datenschutzes gesetzt werden.

Hinter Gaia-X verbirgt sich ein Cloud-Projekt zum Aufbau einer leistungsstarken, wettbewerbsfähigen und sicheren Dateninfrastruktur in Europa. Mit jener Cloud möchten die Mitglieder des Digitalprojekts europäische Werte wahren und neue Maßstäbe bezüglich des Datenschutzes setzen. „Die EU-DSGVO hat den Datenschutz europaweit auf ein neues Niveau gehoben – und genau dieses Datenschutzniveau ist einer der Grundpfeiler der Europa-Cloud Gaia-X“, erläutert Patrycja Schrenk, Geschäftsführerin der PSW Group. Letztlich soll die digitale Souveränität der Bürger, Unternehmen und staatlichen Organisationen in Europa gewährleistet werden. Das ist eben nur möglich, wenn ihnen Cloud-Dienstleistungen unter europäischer Kontrolle zur Verfügung stehen.

Initiiert hat das Projekt ursprünglich das deutsche Bundeswirtschaftsministerium, weiß Christian Schmitz von Owncloud. Inzwischen stehe die gemeinnützige internationale Organisation Gaia-X AISBL hinter dem Projekt. „Sie wurde 2021 von je elf Unternehmen und Organisationen aus Deutschland und Frankreich ins Leben gerufen und umfasst heute etwa 300 Mitglieder aus aller Welt“, so der Chief Strategy & Innovation Officer. Zu den Gründungsmitgliedern gehören beispielsweise Unternehmen wie Atos, Beckhoff Automation, BMW, DE-CIX, Deutsche Telekom, Orange, OVHcloud, Robert Bosch, SAP, Scaleway, Siemens, aber auch das Fraunhofer Institut. Ebenso ist Plusserver als deutscher Cloud-Provider von Beginn an mit von der Partie. „Für uns war von Anfang an vor allem die Infrastrukturkomponente des Projekts relevant“, berichtet CEO Alexander Wallner. „Hier sehen wir am meisten Potenzial und können gleichzeitig unsere Expertise einbringen.“

Grundsätzlich basiert die Organisationsstruktur von Gaia-X auf drei Säulen: der gemeinnützigen Gaia-X Association, den nationalen Gaia-X Hubs und der Gaia-X Community. Thomas Feld, Vice President Data Economics im Geschäftsbereich „Public Sector“ bei Materna, erläutert: „Zielsetzung der Association ist es, die technologischen Voraussetzungen und Regelwerke zu schaffen, um heutige Cloud-Angebote bzgl. Transparenz, Interoperabilität und Datensouveränität weiterzuentwickeln.“ Die nationalen Hubs sollen dabei die verschiedenen Anwendungsdomänen bzw. Wirtschaftsbereiche repräsentieren, nach deren Bedürfnissen und Anforderungen die souveränen Dateninfrastrukturen aufgebaut werden. Die Community wiederum als dritte Säule sei eine von der Association initiierte Open Source Community, die z.B. Konnektoren für einen souveränen Datenaustausch entwickelt.

Verschiedene Förderprojekte

Da die Vorstellung des EU-Cloud-Projekts nun schon knapp zweieinhalb Jahre zurückliegt, stellt sich die Frage, was seitdem eigentlich passiert ist – gerade auch in Anbetracht der Corona-Pandemie, die alle nach wie vor unter Druck setzt. „Leider nicht so viel, wie erhofft“, meint Patrycja Schrenk, „denn das Projekt geht bisher nur langsam voran.“ Zwar organisiere die Gaia-X AISBL von ihrem Sitz in Brüssel aus die Zusammenarbeit aller Beteiligten, doch kamen bisher noch keine konkreten Anwendungsmöglichkeiten heraus, so die PSW-Chefin.

Alexander Wallner weist hingegen auf Förderprojekte hin, die bereits in den verschiedensten Branchen entstanden sein sollen, z.B. in der Automobilindustrie mit Catena-X. Dabei handele es sich vor allem um die Anwendungsseite, aber auch auf der Infrastrukturseite sei einiges passiert. „Eines von zwei konkreten Projekten, an denen auch wir mitgearbeitet haben, ist das Tellus-Projekt, das an der Bereitstellung einer Gaia-X-Netzwerkinfrastruktur arbeitet“, berichtet der Plusserver-CEO. Das zweite Projekt sei der Sovereign Cloud Stack: Dieser mögliche Unterbau von Gaia-X basiere auf Open-Source-Software und soll Föderierbarkeit, Transparenz und Interoperabilität sicherstellen.

Außereuropäische Mitglieder

Da Gaia-X als europäisches Gemeinschaftsprojekt gesehen wird, scheint es natürlich verwunderlich, dass auch außereuropäische Unternehmen wie die Cloud-Anbieter Amazon, Google und Microsoft als Mitglieder an Bord sind. Wie passt das zusammen? „Meiner Meinung nach kaum“, so Patrycja Schrenk. „Die Macher argumentieren, man könne vom Know-how dieser Unternehmen profitieren. Die US-Firmen würden zwar an der Gestaltung der Europa-Cloud mitwirken, jedoch keine Dienste anbieten.“

Grundsätzlich können sich natürlich auch Anbieter von außerhalb der EU am Projekt beteiligen. Dafür müssen sie laut Christian Schmitz von Owncloud allerdings die Interoperabilitätsstandards des Projekts erfüllen und ihre Lösungen für Gaia-X dürfen keiner Rechtsprechung unterliegen, die mit EU-Recht kollidiert. „Problematisch ist hier beispielsweise der US Cloud Act, denn er ist mit der europäischen DSGVO unvereinbar“, so der Experte. Wie sich dieser Widerspruch auflösen lasse, sei derzeit noch unklar.

Die Hyperscaler jedoch zurückzudrängen oder auszuschließen, wäre laut Alexander Wallner naiv und nicht zielführend. Schließlich soll Gaia-X offene Standards und Richtlinien definieren, wie mit IT im europäischen Kontext umzugehen ist. Offene Standards zu setzen, heiße eben auch, allen interessierten Parteien Zugang zu ermöglichen. „Wir europäischen IT-Unternehmen sind Wettbewerber und Partner der Hyperscaler zugleich.“ Thomas Feld von Materna sieht es durchaus positiv, dass sich auch die großen Cloud-Anbieter gegenüber Multi-Cloud-Strategien öffnen, wie sie das Projekt anstrebe. Mit ihrem Beitritt hätten sich Amazon, Google und Microsoft aber auch den Zielen von Gaia-X, eine souveräne Dateninfrastruktur nach europäischen Wertvorstellungen aufzubauen, verpflichtet. Schließlich bleibe Gaia-X nach wie vor ein europäisches Projekt.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie beispielsweise die US-Firma Palantir als Mitglied ins Bild passt, zumal sie als Big-Data-Dienstleister für Geheimdienste bekannt sein dürfte. Aus Sicht von Christian Schmitz gilt gleiches Recht für alle. „Wenn Unternehmen die genannten Voraussetzungen erfüllen, sollten sie an Gaia-X teilnehmen können“, findet er. Patrycja Schrenk ist da etwas anderer Meinung: „Dass ausgerechnet eine US-amerikanische Big-Data-Firma bei der EU-Cloud ganz vorn mitmischt, konterkariert die Grundidee des Projekts sowie EU-Werte wie Datenschutz, Transparenz, Vertrauen und digitale Souveränität.“

Diverse Regelwerke

Digitale Souveränität – ein gutes Stichwort. Denn durch das Mitmischen großer außereuropäischer Unternehmen scheint es fragwürdig, ob die EU-Cloud tatsächlich datensouverän sein kann und die Daten in sicheren Händen liegen. Zum Glück existieren an dieser Stelle bereits verschiedene Regelwerke, die für die Sicherstellung des EU-Datenschutzes sorgen sollen: Basierend auf der DSGVO gibt es z.B. die EU Cloud CoC (Code of Conduct) sowie die CISPE (Cloud Infrastructure Services Providers in Europe) – und weitere Konzepte und Empfehlungen kommen laut Schrenk von AUDITOR (European Cloud Service Data Protection Certification) und CSPCERT (European Cloud Service Provider Certification). Diese Regelwerke könnten ihrer Ansicht nach durchaus dafür sorgen, dass Daten innerhalb der EU-Cloud sicher sind – wenn sie entsprechend umgesetzt werden.

Owncloud setzt sich beispielsweise vehement dafür ein, „dass das finale Gaia-X-Konzept echte Datensouveränität gewährleistet“, verspricht Christian Schmitz, der das Projekt nach wie vor für einen guten Ansatz hält. „Aber wir sind skeptisch“, betont er zugleich, „ob es mit so vielen Beteiligten, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen, wirklich funktionieren kann.“ Die Hoffnung habe er jedoch noch nicht aufgegeben, dass aus Gaia-X konkrete souveräne digitale Angebote entstehen.

Mehr Tempo gefragt

Was muss demnach anno 2022 geschehen, damit Gaia-X zum Erfolg wird und nicht etwa Mitglieder aus dem Gemeinschaftsprojekt wieder austreten, wie es beispielsweise Scaleway gemacht hat? Einer der Hauptgründe für den Austritt war dabei sicherlich die zunehmende Beteiligung der US-Cloud-Provider. „Dass ein Gründungsmitglied wie Scaleway das Projekt bereits wieder verlässt, ist natürlich enorm schade“, findet Patrycja Schrenk von PSW. Das habe eine gewisse Signalwirkung. Sie rät: „Damit das Gemeinschaftsprojekt in diesem Jahr erfolgreich verläuft, sollten vermehrt die ursprünglichen Ziele, wie die Datensouveränität für Nutzer und Unternehmen zu garantieren, in den Vordergrund rücken.“ Bleibe man den ursprünglichen Grundsätzen treu und schaffe man es, keine neuen Abhängigkeiten entstehen zu lassen, könnte Europa seine Pionierrolle im Datenschutz mit Gaia-X weltweit festigen, ist sich die Expertin sicher. Zudem sei es wesentlich, dass das Projekt in Zukunft mit deutlich mehr Tempo vorangetrieben werde.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

„Grundsätzlich muss uns allen klar sein, dass der Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen, sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa ein langer Prozess ist“, ergänzt Alexander Wallner von Plusserver. Ob 2022 das Entscheidungsjahr für Gaia-X werde, wie seiner Ansicht nach viele Medien schreiben, müsse man also erst sehen. „Für uns ist klar“, so der Experte weiter, „dass Gaia-X die Position lokaler und regionaler Anbieter nachhaltig stärken wird, und wir sind froh, dass die Initiative so viele IT-Unternehmen an einen Tisch bringt. Aktuell sehen wir, dass das Thema durch die Debatten rund um den Cloud Act wieder mehr Wichtigkeit bekommt.“ Er sei gespannt, wie es weitergehe – und damit ist er sicherlich nicht allein.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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