„Dass ausgerechnet eine US-amerikanische Big-Data-Firma bei der EU-Cloud ganz vorn mitmischt, konterkariert die Grundidee von Gaia-X“, kritisiert Patrycja Schrenk.
ITD: Frau Schrenk, kurz erklärt: Was verbirgt sich hinter „Gaia-X“?
Patrycja Schrenk: Gaia-X ist die „Europa-Cloud“. Mit der europäischen Cloud möchten die Mitglieder des Digitalprojekts europäische Werte wahren und neue Maßstäbe bezüglich des Datenschutzes setzen. Die europäische Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) hat den Datenschutz europaweit auf ein neues Niveau gehoben – und genau dieses Datenschutzniveau ist einer der Grundpfeiler der Europa-Cloud Gaia-X. Hinzu kommt der Wunsch, unabhängiger von internationalen Hyperscalern zu werden – etwa Amazon Web Services (AWS), Google Cloud Platform (GCP), Microsoft Azure oder IBM.
ITD: Wer sind die Macher und welche Ziele verfolgen sie mit dem Projekt?
Schrenk: Im Herbst 2019 gründeten deutsche sowie französische Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung die Initiative Gaia-X. Zu den Gründungsmitgliedern zählten beispielsweise Konzerne wie die Deutsche Telekom, Orange, Bosch, Siemens, Scaleway, Atos, aber auch das Fraunhofer Institut. Ziel war und ist es, stärkere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Cloud-Angeboten zu schaffen: zu Amazon, Google und Microsoft als drei der größten US-Cloud-Anbieter oder zu Alibaba als größtem Cloud-Anbieter in China. Und hier zeigt sich auch die Besonderheit gegenüber diesen nicht-europäischen Cloud-Anbietern: Gaia-X wurde auch geschaffen, um europäische Werte sicherzustellen – ein europäisches Äquivalent, für welches Transparenz, Offenheit sowie europäische Anschlussfähigkeit zentral sind.
ITD: Bereits 2019 wurde Gaia-X beim Digital-Gipfel vorgestellt. Was ist seitdem hauptsächlich passiert?
Schrenk: Leider nicht so viel, wie erhofft, denn das Projekt geht bisher nur langsam voran. Im Februar 2021 wurde zunächst die gemeinnützige Gesellschaft Gaia-X, European Association for Data and Cloud, AISBL gegründet, um die Gaia-X-Projektziele zu erreichen. Von ihrem Sitz in Brüssel kann die Gesellschaft so die Zusammenarbeit aller Beteiligten organisieren – bis heute immerhin 300 Organisationen. Konkrete Anwendungsmöglichkeiten kamen bisher noch nicht heraus. Allerdings sind für dieses Jahr erste Projekte angekündigt. Außerdem wurden jüngst erste konkrete Aufträge an Partner wie T-Systems oder dem Fraunhofer Institut AISEC vergeben, die nun mit dem Implementieren der Gaia-X-Services beginnen können. Dass der zu entwickelnde Open-Source-Code über Gitlab zur Verfügung gestellt wird, ist ein großes Plus für die Transparenz des Projekts. Dass es nun langsam, aber sicher vorangeht, ist meines Erachtens ein großer Vorteil, denn die deutschen Mittelständler müssen wissen, was ihnen Gaia-X überhaupt bringt.
ITD: Warum braucht Europa eine eigene Cloud?
Schrenk: Die Cloud hat sich in Deutschland und in Europa durchgesetzt. Der Großteil der Unternehmen, die auf eine Cloud-Infrastruktur setzen, ist in ihrer Cloud-Strategie derzeit abhängig von amerikanischen und chinesischen Cloud-Anbietern – den eingangs erwähnten Hyperscalern. Da der Europäische Gerichtshof den Datentransfer in die USA kritisch sieht, ist es an der Zeit, europäische Alternativen für Unternehmen und Nutzende zu schaffen.
ITD: Gaia-X wird einerseits als europäisches Gemeinschaftsprojekt gesehen, hat aber auch außereuropäische Mitglieder wie die Cloud-Anbieter Google, Microsoft und Amazon. Wie passt das zusammen?
Schrenk: Meiner Meinung nach kaum. Die Macher argumentieren, man könne vom Know-how dieser Unternehmen profitieren. Die US-Unternehmen würden zwar an der Gestaltung der Europa-Cloud mitwirken, jedoch keine Dienste anbieten. Damit unterstünden die US-Riesen weder dem Cloud Act noch dem Patriot Act; zwei Gesetze, die US-Unternehmen dazu verpflichten, Nutzerdaten auf behördliche Anfrage herauszugeben. Eine Datenübermittlung an US-Behörden sei somit ausgeschlossen. Ich selbst sehe die Tatsache, dass mit Microsoft, Amazon und Google US-Giganten an Gaia-X beteiligt sind, dennoch kritisch. Denn diese Hyperscaler werden ihr Wissen sicher nicht gratis einem möglichen Konkurrenten liefern. Gerade für diese Unternehmen soll Gaia-X eine Konkurrenz sein: europäische Datensouveränität versus US-Datenschutz mit Datenübermittlung an Behörden. Wir müssen zwar abwarten, inwieweit US-Unternehmen tatsächlich Einfluss auf Gaia-X haben werden, ich bin aber der Meinung, dass durch ihre Beteiligung kaum europäische Standards geschaffen und etabliert werden können.
ITD: Und wie passt die US-Firma Palantir hier als Mitglied ins Bild, die als Big-Data-Dienstleister für Geheimdienste bekannt sein dürfte?
Schrenk: Dass ausgerechnet eine US-amerikanische Big-Data-Firma bei der EU-Cloud ganz vorn mitmischt, konterkariert die Grundidee von Gaia-X sowie EU-Werte wie Datenschutz, Transparenz, Vertrauen und digitale Souveränität.
ITD: Wie datensouverän ist die Cloud demnach überhaupt gestaltet? Oder anders gefragt: Inwieweit sind die Daten in der „EU-Daten-Cloud“ in sicheren Händen?
Schrenk: Verschiedene Regelungswerke existieren bereits und sollen für die Sicherstellung des EU-Datenschutzes sorgen: Basierend auf der DSGVO gibt es z.B. die EU Cloud CoC (Code of conduct), die CISPE (Cloud Infrastructure Services Providers in Europe) und weitere Konzepte und Empfehlungen kommen von AUDITOR (European Cloud Service Data Protection Certification) und CSPCERT (European Cloud Service Provider Certification). Diese Regelungswerke können durchaus dafür sorgen, dass Daten innerhalb der EU-Cloud sicher sind – wenn sie entsprechend umgesetzt werden.
ITD: Wie kann es gelingen, dass Gaia-X nicht zum Konkurrenzprodukt zu bereits existierenden Angeboten wird?
Schrenk: Das ursprüngliche Ziel von Gaia-X hatte genau jene Zielvorstellung: zum Konkurrenzprodukt gegenüber internationalen Cloud-Angeboten zu werden und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und gleichzeitig das Wahren des europäischen Datenschutzes zu ermöglichen. Durch den höheren Einfluss der US-Unternehmen auf Gaia-X bleibt abzuwarten, ob sich das Digitalprojekt wirklich zu einer konkurrenzfähigen Alternative entwickelt.
ITD: Was muss anno 2022 geschehen, damit keine weiteren Mitglieder (wie es etwa Scaleway vorgemacht hat) wieder aus dem Gemeinschaftsprojekt austreten?
Schrenk: Dass ein Gründungsmitglied wie Scaleway das Projekt bereits wieder verlässt, ist natürlich enorm schade und hat auch eine gewisse Signalwirkung. Einer der Hauptgründe für den Austritt war dabei sicherlich die zunehmende Beteiligung der US-Cloud-Provider an Gaia-X. Damit das Gemeinschaftsprojekt in diesem Jahr erfolgreich verläuft, sollten vermehrt die ursprünglichen Ziele, wie die Datensouveränität für Nutzende und Unternehmen zu garantieren, in den Vordergrund rücken. Bleibt man den ursprünglichen Grundsätzen treu und schafft man es, keine neuen Abhängigkeiten entstehen zu lassen, könnte Europa seine Pionierrolle im Datenschutz mit Gaia-X weltweit festigen. Zudem ist es wesentlich, dass das Projekt in Zukunft mit deutlich mehr Tempo vorangetrieben wird.
Bildquelle: PSW