Entscheidungsjahr 2022

Gaia-X – wie geht es weiter?

Aktuell sieht Alexander Wallner, CEO von Plusserver, dass das Thema „Gaia-X“ durch die Debatten rund um den Cloud Act wieder mehr Wichtigkeit bekommt, und ist gespannt, wie es weitergeht.

Alexander Wallner, CEO von Plusserver

„Gaia-X darf nicht als europäische Cloud oder gar als Konkurrenzprodukt zu den Hyperscalern verstanden werden“, betont Alexander Wallner von Plusserver.

ITD: Herr Wallner, kurz erklärt: Was verbirgt sich hinter „Gaia-X“?
Alexander Wallner: Gaia-X will als europäisches Projekt eine leistungs- und wettbewerbsfähige und zugleich sichere Dateninfrastruktur für Europa schaffen. Es geht dabei nicht darum, einen Hyperscaler oder eine europäische Cloud zu schaffen, sondern das Projekt soll vielmehr ein Standard werden für eine Cloud-Infrastruktur, die europäische Datenschutzanforderungen, Transparenz und Kompatibilität von Beginn an berücksichtigt. Datensouveränität steht im Zentrum dieser europäischen Initiative – die Nutzer sollen selbst festlegen könne, was mit ihren Daten passiert und wo sie liegen. Interoperabilität ist auf Seiten der Unternehmen das Schlüsselwort: Sovereign oder Souverän ist nur, wer sich nicht in Abhängigkeit begibt und seine Daten und Anwendungen bei Bedarf jederzeit von einem Anbieter zu einem anderen verschieben kann. Das klappt über offene Schnittstellen und bestehende Standards, über die Daten verknüpft und eine Innovationsplattform geschaffen wird.

ITD: Wer sind die Macher und welche Ziele verfolgen sie mit dem Projekt?
Wallner: Hinter Gaia-X stehen aktuell 212 Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Verbände, Mittelständler und Start-ups aus ganz Europa und eine Reihe amerikanischer und asiatischer Technologieunternehmen. Damit gibt es natürlich diverse Interessensschwerpunkte und Ziele, aber im Grunde bleibt die Grundmotivation die gleiche: digitale Souveränität. Wir sind als deutscher Cloud-Provider von Beginn an als Gründungsmitglied dabei. Für uns war von Anfang an vor allem die Infrastrukturkomponente des Projekts relevant. Hier sehen wir am meisten Potenzial und können gleichzeitig unsere Expertise einbringen. Zudem ist die Diskussion rund um den Aufbau einer europäischen Dateninfrastruktur insofern fruchtbar, da sie die Themen „Cloud- und Datensouveränität“ auf die Agenda setzt. Beides wurde lange vernachlässigt und hat dazu geführt, dass sich große Unternehmen und Mittelständler vermehrt an die Hyperscaler gewendet haben, wodurch sichere lokale Lösungen und Alternativen kein so großes Thema waren.

ITD: Bereits 2019 wurde Gaia-X beim Digital-Gipfel vorgestellt. Was ist seitdem hauptsächlich passiert?
Wallner: 2020 wurde die Gaia-X Association gegründet, die das Projekt organisiert und sowohl technische Lösungen als auch das Gaia-X-Regelwerk ausarbeitet. Außerdem haben sich in einzelnen Ländern Gaia-X-Hubs gegründet. Darin können sich interessierte Nutzer und Unternehmen treffen und in Kontakt kommen. Die Hubs helfen auch bei der Koordination und Bewertung der angedachten Projekte und stehen mit den anderen Hubs im Austausch, um Synergien zu nutzen. Das Bundeswirtschaftsministeriums fördert Leuchtturmprojekte und schafft so nochmalig einen Anreiz für Unternehmen, in diese Richtung zu denken. Solche Förderprojekte sind dabei in den verschiedensten Branchen entstanden, z.B. in der Automobilindustrie mit Catena-X. Dabei handelt es sich vor allem um die Anwendungs- bzw. Use-Case-Seite, aber auch auf der Infrastrukturseite ist einiges passiert: Eines von zwei konkreten Projekten, an denen auch wir mitgearbeitet haben, ist das Tellus-Projekt, das an der Bereitstellung einer Gaia-X-Netzwerkinfrastruktur arbeitet. Das zweite Projekt ist der Sovereign Cloud Stack: Dieser mögliche Unterbau von Gaia-X basiert auf Open-Source-Software und soll Föderierbarkeit, Transparenz und Interoperabilität sicherstellen. Im Grunde sorgen solche Infrastrukturprojekte dafür, dass die Anwendungen, die im Gaia-X-Kontext entwickelt werden, bei jedem belieben Cloud-Provider einsetzbar sind. Damit müssen Unternehmen heute keine Kompromisse mehr machen, an welchem Ort sie ihre Daten ablegen. Sie können einfach einen europäischen oder deutschen Provider nutzen.

ITD: Gaia-X wird einerseits als europäisches Gemeinschaftsprojekt gesehen, hat aber auch außereuropäische Mitglieder wie die Cloud-Anbieter Google, Microsoft und Amazon. Wie passt das zusammen?
Wallner: Gaia-X soll offene Standards und Richtlinien definieren, wie mit IT im europäischen Kontext umzugehen ist. Offene Standards zu setzen, heißt aber auch, allen interessierten Parteien Zugang zu ermöglichen. Die Hyperscaler zurückzudrängen oder auszuschließen, wäre naiv und auch nicht zielführend. Wir europäischen IT-Unternehmen sind Wettbewerber und Partner der Hyperscaler zugleich. Für uns als deutschen Multi-Cloud-Data-Services-Provider geht es darum, unsere Kunden bestmöglich zu beraten, mehr Bewusstsein zu schaffen und Alternativen aufzuzeigen, wenn es um datenschutzrechtliche Themen geht. Welche Daten sollten in welcher Cloud liegen, damit sie am besten geschützt sind? Welche Daten sind nicht so kritisch und können in einer Hyperscaler-Cloud liegen? Das sind konkrete Fragen aus dem Markt und hier kann eine Kombination aus Anbietern die individuell beste Lösung sein.

ITD: Wie datensouverän ist die Cloud demnach überhaupt gestaltet? Oder anders gefragt: Inwieweit sind die Daten in der „EU-Daten-Cloud“ in sicheren Händen?
Wallner: Wie gesagt, Gaia-X darf nicht als europäische Cloud oder gar als Konkurrenzprodukt zu den Hyperscalern verstanden werden. Es geht darum, Standards für den sicheren und souveränen Datenaustausch zu schaffen. Datensouveräne Cloud-Angebote müssen daher so gestaltet sein, dass Nutzer die Kontrolle darüber haben, wo ihre Daten liegen und wohin sie im Zweifelsfall fließen. Bei der Sicherheit der Daten geht es letztlich darum, welchem Rechtsrahmen der Anbieter unterliegt, der die Daten vorhält oder verarbeitet. Hier gibt es berechtigte Zweifel, dass beispielsweise ein US-Hyperscaler nicht doch zur Herausgabe von Informationen gezwungen werden kann, auch wenn er ein Rechenzentrum in Europa betreibt. Doch genau für solche Fälle gibt es eben europäische Lösungen.

ITD: Wie kann es gelingen, dass Gaia-X nicht zum Konkurrenzprodukt zu bereits existierenden Angeboten wird?
Wallner: Aus meiner Sicht ist das keine Frage des „wie“. Gaia-X harmonisiert existierende Angebote und sorgt dafür, dass Anbieter föderierte und interoperable Dienste anbieten können. Damit kann z.B. eine Kommunikations- oder Kollaborationslösung, die auf einer Gaia-X-kompatiblen Infrastruktur betrieben wird, bei Bedarf aus mehreren Clouds bezogen und problemlos zwischen einzelnen Anbietern hin und her geschoben werden.

ITD: Was muss anno 2022 geschehen, damit keine weiteren Mitglieder (wie es etwa Scaleway vorgemacht hat) wieder aus dem Gemeinschaftsprojekt austreten?
Wallner: Grundsätzlich muss uns allen klar sein, dass der Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen, sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa ein langer Prozess ist – ob 2022 das Entscheidungsjahr für Gaia-X- wird, wie viele Medien schreiben, muss man also erst sehen. Denn die wichtigen Fragen, die Gaia-X stellt – jene nach der Datensouveränität und dem Schutz unserer Daten sowie der Kontrolle über unsere Daten –, bleiben bestehen. Für uns ist klar, dass Gaia-X die Position lokaler und regionaler Anbieter nachhaltig stärken wird, und wir sind froh, dass die Initiative so viele IT-Unternehmen an einen Tisch bringt. Aktuell sehen wir, dass das Thema „Gaia-X“ durch die Debatten rund um den Cloud Act wieder mehr Wichtigkeit bekommt, und sind gespannt, wie es weitergeht.

Bildquelle: Plusserver

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