Digitalisierungswettrennen

Germany’s Most Wanted

Laut einer aktuellen Studie fehlen in Deutschland derzeit ca. 86.000 IT-Fachkräfte – schlechte Voraussetzungen, wenn es darum geht, im internationalen Digitalisierungswettrennen Boden gut zu machen.

Zeigefinger

Der Mittelstand sucht händeringend IT-Fachkräfte, die oftmals hochdotierte Positionen bei großen Konzernen bevorzugen.

Dass es in Deutschland beim Thema „Digitali­sierung“ einiges aufzuholen gibt, ist kein Geheimnis. Die jüngsten Entwicklungen rund um die Covid-19-Pandemie haben einmal mehr die dringendsten Baustellen aufgezeigt: Neben der mangelnden Breitbandversorgung mit schnellem Internet zeigte sich auch, dass Ämter und Schulen zum Teil hoffnungslos mit den neuen digitalen Konzepten überfordert sind.

Datenschützer und IT-Security-Experten warnen schon seit Monaten, dass fehlende, ganzheitlich aufgesetzte IT-Security-Strategien für das Homeoffice und das remote Arbeiten Unternehmen teuer zu stehen kommen könnten. Die Zahlen sind eindeutig: Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zeigt, dass die Arbeit im Homeoffice und das Nutzen privater Computer und Programme das Risiko einer Infektion mit Schadsoftware deutlich erhöhen. Dies zeigt, dass nicht allein die ausbaubedürftige digitale Infrastruktur Schuld daran ist, dass es hierzulande mit der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft so schleppend läuft. Es fehlt vor allem an der menschlichen Expertise, neue Technologien einzurichten, anzuwenden und zu warten. Besonders betroffen sind davon KMU und der öffentliche Sektor, da hochqualifizierte IT-Fachkräfte gut ausgestattete und oftmals hochdotierte Positionen bei großen Konzernen bevorzugen.

Offensichtlicher Handlungsbedarf

„Gerade in Bezug auf das Thema ,IT-Sicherheit‘ wurden die Defizite von der Pandemie schonungslos aufgezeigt“, betont dementsprechend Gulp-Geschäftsführer Ertan Demirel. Der Ad-hoc-Umzug in das Homeoffice sei hierfür bezeichnend. Zwar sei der Umzug oftmals schnell gelungen und es konnte zumindest weitergearbeitet werden, doch die IT-Sicherheit sei dabei bestenfalls stiefmütterlich behandelt worden, kritisiert er. Dies nehme jedoch wenig Wunder, denn die gesamte Unternehmenssicherheit lasse sich ohne ausreichendes Personal nicht einfach auf diese neue Situation anpassen.

„Darüber hinaus hat Corona ein generelles Digi­talisierungsproblem in Deutschland offenbart, welches nicht nur Unternehmen, sondern vor allem auch Behörden betrifft“, so Demirel. Er erinnert sich gut an die Gesundheitsämter zu Beginn der Krise, die zum Teil nach wie vor mit Faxgeräten arbeiten. „Für eine effiziente und digitale Arbeitsweise kann das keine Grundlage sein und der Handlungsbedarf wurde offensichtlich“, stellt er klar.

Doch Ertan Demirel macht nicht nur infrastrukturelle Probleme als wichtigen Faktor für die schleppende digitale Trendwende verantwortlich. „Hierzulande ist auch der Fachkräftemangel ein großes Problem, denn häufig fehlen den Unternehmen die Kapazitäten, um große Digitalisierungsprojekte voranzutreiben“, sagt der CEO. Das liege vor allem an der verfügbaren Zeit der vorhandenen Spezialisten. Häufig seien diese ­bereits mit dem operativen Tagesgeschäft ausgelastet, sodass sie oftmals noch nicht die Rolle eines strate­gischen Vordenkers einnehmen könnten, von der ­Um­setzung ganz zu schweigen. „Diese wären jedoch essenziell, um die Digitalisierung als ganzheitliches Konzept voranzutreiben“, mahnt er.

IT-Fachkraft ist dabei nicht gleich IT-Fachkraft und Bedarf besteht an vielen Stellen. „Klar gibt es ‚Dauerbrenner‘, wie die Steigerung der Produktivität bzw. ­Automatisierung, IT-Sicherheit, SAP-Projekte und Standard-Software, für die regelmäßig IT-Fachkräfte benötigt werden“, erklärt Demirel. Doch jedes einzelne Digitalisierungsprojekt habe – abhängig von der B­ranche, vom Unternehmen und sogar der Abteilung – Anforderungen, die die Experten erfüllen müssen. ­Daraus ergebe sich eine Fülle an sehr unterschied­lichen Anforderungsprofilen, die alle bedient werden möchten.

Den Ursachen auf der Spur

Um das Problem auch in der langen Frist beheben zu können, müssen jedoch zunächst die Ursachen gesucht und – idealerweise – behoben werden. Ertan Demirel vermutet, dass es in der Vergangenheit versäumt wurde, Deutschland als Innovationsstandort für IT im weitesten Sinne zu etablieren. „Wer einen Blick auf unsere Schulen wirft, und damit ist nicht der Digitalisierungsgrad, sondern der Lehrplan gemeint, dem fällt auf, dass zukunftsträchtige Themen wie IT und Digitalisierung vernachlässigt werden“, kritisiert er offen. Zwar sei die Beliebtheit von Studiengängen für MINT-Berufe in den letzten Jahren deutlich gestiegen, doch bis die Studierenden in den Arbeitsmarkt einsteigen, vergehe viel Zeit. Es dauere ca. fünf Jahre, bis man den Master im IT-Bereich in der Tasche habe und im Anschluss gelte es für die jungen Talente erst einmal, Berufserfahrung zu sammeln, was ebenfalls Zeit in Anspruch nimmt. „Aufgrund der hohen Abgaben- und Steuerlast ist das ­Ausland für viele deutsche IT-Spezialisten schlichtweg attraktiver“, so sein Fazit.

Immer wieder ist – seitens großer Unternehmen, politischer Akteure und der Medien – zu hören, eine weitreichende Automatisierung, der Einsatz Künstlicher Intelligenz oder Virtual Reality könnten in Zukunft menschliche Mitarbeiter entlasten und somit Zeit für wichtigere Aufgaben freisetzen. Das mag sein, doch bevor es soweit ist, gilt es, ein vorgelagertes Dilemma aufzulösen: Digitalisierung kann ein Ausweg aus dem Fachkräftemangel z.B. in der Industrie sein – doch um die Digitalisierung auf diesem Gebiet voranzutreiben, bedarf es entsprechender IT-Fachkräfte. Und genau diese fehlen aktuell in Deutschland.

Potenziale heben

Doch wie nun gelingt die Trendwende? Eine mög­liche Antwort hat Gulp-CEO Ertan Demirel. Sein ­Unternehmen bringt als Personaldienstleister in den Bereichen „IT“, „Engineering“ und „Finance“ quali­fizierte Experten und Unternehmen zusammen.

Auch ein Umdenken auf Unternehmensseite ist laut Demirel gefragt: „Sie müssen flexibler werden, ihre ­Attraktivität steigern und bei Bedarf auch nicht davor zurückscheuen, mit externen Fachkräften zusammenzuarbeiten“, so seine Forderung. Auf der anderen Seite liege es nun an der Politik, aktiv zu werden, denn ­gerade bei der Kooperation mit Freelancern schwebe der Begriff „Scheinselbstständigkeit“ wie ein Damo­klesschwert über den Köpfen der Beteiligten. Nicht ­selten führe dies dazu, dass Unternehmen von derartigen Kooperationen absehen. Da sich mit deren Hilfe jedoch effektiv die Digitalisierung vorantreiben lasse, sollten diese bürokratischen Hürden schnellstmöglich abgebaut werden.

Women in Tech

Aktuellen Zahlen zufolge ist etwa die Hälfte aller Deutschen weiblich – die Realität in der IT-Branche sieht jedoch anders aus. Einer Eurostat-Untersuchung nach liegt auch im Jahr 2021 der Frauenanteil in der IT bei mageren 18 Prozent. Auch der Anteil weiblicher Bewerbungen auf offene Positionen in diesem Bereich deckt sich mit diesem Wert. Offenbar verfolgen Frauen nach wie vor in geringerem Umfang entsprechende Qualifikationen.

Doch eine großangelegte, ganzheitlich gedachte „Bildungsoffensive“ in Sachen „IT“ könnte einen erheblichen Teil des in den kommenden Jahren weiter drohenden Fachkräftemangels deutlich mildern. Verbände wie der Eco haben dies längst erkannt und fördern mit der Initiative „Ladies in Tech“ die Rolle weiblicher Fachkräfte in der IT. Mit einem öffentlichen Speakerinnen-­Verzeichnis will der Verband nach eigenen Angaben „Gegenimpulse setzen und Digitalexpertinnen einen Platz auf den Bühnen und an den Mikrofonen von Tech-Events verschaffen sowie jene unterstützen, die als Eventveranstalter auf der Suche nach Expertinnen in Tech sind“.

Für viele Frauen, so die Experten einhellig, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein entscheidender Faktor bei der Jobwahl. In vielen Jobs wird dies zum Bremsklotz, da sie wenig Flexibilität in der Ausgestaltung und schlechtere Wiedereinstiegschancen – z. B. nach der Elternzeit – bieten. „Die Internetwirtschaft gehört seit jeher zu den Treibern und Innovatoren von New-Work-Faktoren, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern“, betont nichtsdestoweniger Lucia Falkenberg, Chief People Officer beim Eco-Verband.

Von der Auflockerung bestehender Jobmodelle über eine weitergehende Förderung und Qualifikation von weiblichen IT-Fachkräften bis hin zum Anwerben ­internationaler Experten über spezielle Zuwanderungsmodelle besteht also eine Vielzahl an gangbaren Wegen, um dem Fachkräftemangel hierzulande entschieden zu begegnen. Dennoch muss sich ein zukünftiger „IT-Standort“ Deutschland schon die Frage gefallen lassen, wie es Ländern mit deutlich weniger Finanzkraft gelingt, die begehrten Experten anzuheuern und entsprechendes Know-how perspektivisch so aufzubauen, dass auch kommende Generationen darauf aufbauen können.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Fest steht, dass Handlungsbedarf besteht und dieser sich nicht in Wohlgefallen auflösen wird, wenn nicht Bildungs-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik zügig handeln. Da die Digitalisierung eben auch Antwort auf einige der demografischen Entwicklungen hierzulande ist, kann sich Deutschland einen „Bremsklotz-IT-Fachkräftemangel“ nicht viel länger leisten.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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