Industrie 4.0

Gesunder Blick auf die Digitalisierung

Welche Fortschritte die Industrie nach dem Corona-Schock gemacht hat und wie sich die Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung verändert, erklärt Jonas Schaub von Elunic im Interview.

Industrie 4.0

„Der Fortschritt in den vergangenen zwei Jahren ist beachtenswert“, ist Jonas Schaub überzeugt.

ITD: Herr Schaub, die Pandemie hat die deutsche Industrie mit Wucht getroffen, aber auch für einen massiven Digitalisierungsschub gesorgt. Wo liegen die größten Potenziale?
Jonas Schaub: Ich bin überzeugt, dass die Pandemie die Welt in vielen Teilen zu einer besseren gemacht hat. Digitalisierung und die Chance von Industrie 4.0 bedeutet u. a. Kommunikation in Echtzeit und die Möglichkeit, Informationen immer und überall abrufen zu können. Der Umgang mit dieser Geschwindigkeit und dem rasant wachsenden Anspruch daran werden künftig wichtige Differenzierungsmerkmale. Am Ende des Tages wird es der Informationsvorsprung sein, der die Geschwindigkeit definiert. Sowohl Maschinen- und KI-gestützt als auch vom menschlichen Anwender - die Frage ist nicht, ob Daten genutzt werden, sondern ab wann. 

ITD: Inwiefern schöpft der Industriestandort Deutschland die vorhandenen Möglichkeiten vollständig aus?
Schaub: Der Fortschritt in den vergangenen zwei Jahren ist beachtenswert. Natürlich kann man sagen, es könnte mehr sein und schneller gehen - das kann man jedoch fast immer tun, am Ende kommt es auf die Verhältnismäßigkeit an. Bei all den vielen Chancen gibt es ja auch Risiken. Insgesamt ist festzuhalten, dass die deutschen Maschinenbau- und Produktionsunternehmen einen ganz gesunden Blick auf die Digitalisierung und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten haben. 

ITD: Was sind die größten Hürden beim Umbau zur digitalen Fabrik? Wie lassen sich Hemmnisse überwinden?
Schaub: Mit einer Priorisierung des Vorgehens und der Applikationen und der klaren Abwägung. Wir sehen viele Projekte, die versuchen, das größte Problem zu lösen, beispielsweise eine Engpassanlage zu konnektieren und zu interpretieren. Meist sind das jedoch nicht nur die "größten” Probleme im Sinne des Schmerzpunktes, sondern auch die, die am schwierigsten zu lösen sind. Es sollte deshalb genau abgewogen werden, ob zu Beginn nicht Anlagen, die schnell angebunden werden können, z. B. durch Standardprotokolle wie OPC-UA, vernetzt und digitalisiert werden sollten um diesen “technischen Durchstich” dann als Grundlage für Problemmaschinen zu nutzen. 

ITD: Inwiefern kann Industrie 4.0 die Unternehmen in Deutschland dazu befähigen, auch in Krisenzeiten wettbewerbsfähig zu bleiben? Welche Vorteile bietet Industrie 4.0 in Krisenzeiten?
Schaub: Die große Chance besteht darin, mit Industrie 4.0 – und allem, was damit gemeint ist und darunter fällt – die Abhängigkeit von konjunkturellen negativen Schwankungen zu reduzieren. Investitionsgüter wurden in der Vergangenheit vorrangig bei positiven und stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen angeschafft. Mit einer fortbestehenden Vernetzung und dem Rückkanal zum Maschinenhersteller ergeben sich spannende großartige Möglichkeiten für diese OEM’s, das Geschäftsmodell nicht primär am Abverkauf, sondern auch am erzielten Outcome zu positionieren. Im Kern geht es dabei um die Erhöhung der Wertschöpfungstiefe mit einem angepassten Abrechnungsmodell. 

ITD: Wie wird Industrie 4.0 unsere Arbeitswelt verändern?
Schaub: Insgesamt verändert sich die Arbeitswelt immer schneller. Und das wird sie auch künftig weiterhin so tun. Ich glaube, das schöne Zitat “nichts ist so beständig wie der Wandel” von Heraklit von Ephesus (535-475 v. Chr.) ist aktueller denn je; am Ende wird Industrie 4.0 ein Treiber und Faktor sein. Es wird darüber hinaus noch viele weitere geben. Sich darauf einzustellen und damit umzugehen, wird die große Aufgabe sein. Und damit auch die vermutlich größte Herausforderung in der Industrie. Ohne Wertung: Die Arbeitswelt in Produktionen tut sich auffällig schwer damit, Veränderungen zu begegnen. Da kann selbst das Ändern des Speiseplans der Kantine ein Change Projekt werden. 

ITD: Wie sollte sich die Industrie in Deutschland auf diesen Wandel vorbereiten?
Schaub: In den Unternehmen sollte es Visionen geben, die als Orientierung dienen. Beispielsweise Ziele wie “bis 2030 soll unsere Produktion papierfrei sein” oder “bis 2025 wollen wir 10 Prozent digital Erlöse erwirtschaften”. Solche, durchaus auch abstrakten Ansagen, können helfen, die Akzeptanz zu erhöhen. Und das scheint mir ein bedeutungsvoller Punkt zu sein. Ohne die Bereitschaft und das Commitment der Belegschaft für Wandel, wird es sehr, sehr schwer. 

ITD: Sowohl in der Pandemie als auch durch den Ukraine-Krieg hat sich die Cyber-Bedrohungslage weltweit verschärft. Welchen Stellenwert hat das Thema „IT-Sicherheit“ in der Smart Factory?
Schaub: Definitiv ein nicht zu unterschätzender Faktor. Jedoch: oft verhindert diese mögliche Gefahr Industrie 4.0 und IoT-Projekte in einer frühen Phase – wo es keine signifikante Rolle spielt. Der Stellenwert sollte also mehr an den Reifegrad der Smart Factory geknüpft werden. Ich bin mir sicher, dass das Thema auch in der Zukunft “gelöst” sein wird. Ein Beispiel: zu Beginn des Online-Bankings gab es einschlägige Empfehlungen, hierfür einen eigenen, separaten PC zu nutzen. Heute führen wir Überweisungen auf dem Smartphone in der U-Bahn durch. Am Ende des Tages ist es ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Umgang bzw. Affinität zu Risiko. Hier gibt es unterschiedliche Typen und Interpretationen. 

ITD: Inwiefern tragen Industrie 4.0 und das „Internet of Things“ (IoT) auch zur Bewältigung einer weiteren großen Krise unserer Zeit bei – dem globalen Klimawandel?
Schaub: Das ist natürlich jetzt sehr hochgegriffen. Prinzipiell werden Industrie 4.0 und IoT für effizientere Abläufe beitragen. Und damit idealerweise auch dem Klimawandel entgegenwirken, weil etwa ein Servicetechniker auf eine vernetzte Anlage aus der Ferne einsehen kann und nicht mit dem Auto dorthin fahren muss. In welchem Verhältnis dieser Beitrag steht, vermag ich jedoch nicht zu beurteilen. Und ich tue mich wirklich schwer damit, Industrie 4.0, IoT, Pay-per-Use etc. deswegen pauschal im Kontext des Klimawandels zu positionieren. 

Bildquelle: Elunic AG

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