Katharina Pratesi verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung im HR-/Recruiting-Umfeld.
ITD: Frau Pratesi, spricht man anno 2022 noch von einer Fachkräfteproblematik?
Katharina Pratesi: Durchaus und sie ist größer als je zuvor. Experten sprechen von einer Arbeiterlosigkeit, die uns bevorsteht (in diversen Branchen wie Handwerk, Gesundheit, Ingenieurwesen, Media und Informatik), und das IW hat bei der Berufsgruppe der Informatiker beispielsweise ein Rekordniveau in einer Erhebung von 2021 bis 2022 festgestellt.
ITD: Viele deutsche Unternehmen setzen beim Recruiting von IT-Fachkräften auf die falschen Methoden. Welche genau?
Pratesi: Unternehmen schreiben Stellen aus, die entweder so globalgalaktisch oder so umfangreich sind, dass sich IT-Experten nicht angesprochen fühlen. Diese sind in der Regel kaum auf Jobsuche, und wenn sich doch einmal ein Unikorn auf eine Karriereseite verirrt, dann stehen sie vor der nächsten Hürde: Sie setzen ein Anschreiben als Pflichtdokument bei der Bewerbung voraus, ohne das ein Absenden der Bewerbung nicht möglich ist. Die Unternehmen, die nicht auf Bewerber warten möchten, betreiben Active Sourcing und sprechen Kandidaten in Karrierenetzwerken an. Auch hier ist der häufigste Fehler: Standardanschreiben, das Profil wird nicht gelesen, sondern nach Stichworten gescannt.
ITD: Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) den Recruiting-Prozess vorantreiben?
Pratesi: KI kann im Recruiting-Prozess an vielen Stellen unterstützen. Bei der Suche und Ansprache kann bzw. wird Künstliche Intelligenz bereits im ersten Selektionsprozess eingesetzt. In der Terminfindung für Interviews und auch auf der Karriereseite für FAQs könnten KI-gestützte Tools Hilfestellung bieten.
ITD: Welche Rolle spielt an dieser Stelle das Tool „Flynne“?
Pratesi: Die Suche und die Vorauswahl geeigneter Kandidaten erfolgt mit dem Tool vollautomatisch. Die Unternehmen müssen lediglich die gesuchten Personas definieren und erhalten nach dem Start der Lösung erste Vorschläge mit Bewerbern via Dashboard. Personalverantwortliche können die Bewerber über das Tool direkt kontaktieren und einen Termin vereinbaren. Oder sie aktivieren die automatische Kontaktaufnahme, sodass sich interessierte Kandidaten von alleine bei ihnen melden. Sie erhalten zahlreiche Infos über die Potenziale und sowohl fachliche als auch überfachliche Kompetenzen bereits vor dem Gespräch. Normalerweise kennen Entscheider nur die Vita, die Aufschluss über die fachlichen Skills gibt. Dank des Tools wissen sie bereits vor dem persönlichen Kennenlernen viel mehr über die Bewerber, als der Lebenslauf hergibt.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Was sind ihre Vorbehalte? Welche möglichen Stolpersteine gibt es derzeit noch?
Pratesi: Es herrscht noch eine große Lücke im Verständnis, was KI kann und was sie nicht kann. Es ist etwas, das viele noch nicht richtig greifen und verstehen können. Zudem haben sie noch Bedenken, was die Datenschutzthematik betrifft. Der Grund sind Meldungen über Unternehmen, die den Einsatz von KI einstellen, z.B. aufgrund von Diskriminierung oder weil Entscheidungen der Künstlichen Intelligenz nicht mehr nachvollziehbar sind.
Bildquelle: Julia Teine