Bert Skaletski blickt auf eine lange Branchenerfahrung zurück, die er im Rahmen verschiedener Cybersecurity-Positionen bei Merck, Lidl und Ikea sammeln konnte.
ITD: Herr Skaletski, inwieweit stellen Ransomware-Angriffe anno 2023 eine Bedrohung für deutsche Unternehmen dar?
Skaletski: Ransomware-Angriffe bleiben die größte Gefahr für die IT-Sicherheit deutscher Unternehmen, insbesondere wenn man die umfassenden Beeinträchtigungen der Betriebsabläufe bedenkt, die mit einer solchen Attacke einhergehen. Unser aktueller Report „State of the Phish“ belegt, dass 85 Prozent der deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr von einem Ransomware-Angriff betroffen und 63 Prozent dieser Angriffe erfolgreich waren. Ebenso erschreckend ist, dass weniger als die Hälfte (41 Prozent) der betroffenen Unternehmen nach der ersten Lösegeldzahlung wieder Zugriff auf ihre Daten erhielt. Durch die Verschlüsselung von Unternehmensdaten werden in erster Linie Betriebsabläufe gestört bzw. unmöglich gemacht und sie führt bei Zahlung eines Lösegelds zu einem direkten finanziellen Verlust. Zudem gehen Ransomware-Kriminelle vermehrt zu einer Doppelstrategie über: Nicht nur fordern sie Lösegeld vom geschädigten Unternehmen, sondern bieten dessen Daten auch zum Verkauf an. Abhängig von der Art der erbeuteten Daten kann hierdurch ein großer zusätzlicher Schaden für Unternehmen entstehen.
ITD: Welche Branchen sind besonders betroffen?
Skaletski: Ransomware-Kriminelle haben sich nicht auf bestimmte Branchen spezialisiert. Unabhängig von der Branche kann jedes Unternehmen Ziel und Geschädigter eines Angriffs werden. Unsere Daten zeigen jedoch, dass Unternehmen aus verschiedenen Branchen im Schnitt unterschiedlich gut gegen Cyberangriffe gewappnet sind. Dies zeigt sich besonders am Beispiel „Phishing“. Wir sehen, dass Mitarbeiter aus dem juristischen Bereich Phishing-Versuche am besten erkennen. Angestellte in der Elektronikbranche schneiden hingegen am schlechtesten ab. Mitarbeiter der für Deutschland so wichtigen Automobil- und Produktionsbetriebe liegen im Mittelefeld.
ITD: Was sind die bevorzugten Angriffsmethoden der Cyberkriminellen?
Skaletski: Die E-Mail ist mit weitem Abstand das Einfallstor Nummer Eins für Cyberkriminelle. Deren Erfolg hängt sehr stark vom Betreff ab. Je besser die Cyberkriminellen den Nerv der Zeit treffen bzw. ein Thema nutzen, das aktuell die Gemüter erhitzt, desto erfolgreicher wird ihre Kampagne sein. Cyberkriminelle nutzen übrigens drei- bis viermal so häufig präparierte Hyperlinks als Anhänge, um ihre Malware zu verbreiten bzw. zu aktivieren. Unsere Untersuchungen zeigen, dass E-Mails mit Hyperlink 2022 im Vergleich zu 2021 erfolgreicher waren. Bei E-Mails mit bösartigen Anhängen ging der Trend in die entgegengesetzte Richtung.
ITD: Inwieweit stellen die Mitarbeiter einen Risikofaktor dar?
Skaletski: Unser aktueller Report belegt, dass nachlässige oder böswillige Mitarbeiter eine Hauptgefahrenquelle für die IT- und Datensicherheit deutscher Unternehmen sind. 81 Prozent der deutschen Unternehmen (65 Prozent weltweit) haben schon einmal einen Datenverlust durch die Handlungen eines Insiders erlitten. Bei der Datenmitnahme durch ehemalige Mitarbeiter schneidet Deutschland besonders schlecht ab. Von denjenigen, die den Arbeitsplatz gewechselt haben, gaben 66 Prozent zu, dass sie Daten mitgenommen haben. International waren dies lediglich 44 Prozent. Und immerhin haben im letzten Jahr 26 Prozent der deutschen Erwerbstätigen den Arbeitgeber gewechselt. Der Report belegt zudem, dass Mitarbeiter häufig auf E-Mail-Phishing-Kampagnen hereinfallen, insbesondere wenn diese bekannten Markennamen verwenden. In Anbetracht dieser Tatsache ist es alarmierend, dass die Hälfte der Mitarbeiter deutscher Unternehmen (weltweit 44 Prozent) eine E-Mail für sicher hält, wenn sie ein vertrautes Markenzeichen enthält. 69 Prozent der Mitarbeiter deutscher Unternehmen (63 Prozent weltweit) halten eine E-Mail-Adresse für vertrauenswürdig, wenn sie den Namen einer bekannten Marke enthält.
ITD: Wie sehen Ransomware-Verwüstungen aus?
Skaletski: Die Schäden durch Ransomware sind vierfacher Art. Erstens werden durch die verschlüsselten Daten häufig wichtige Prozesse gestört oder unmöglich gemacht, mit zuweilen eklatanten Folgen für Umsatz und/oder das Image eines Unternehmens. Zweitens zahlen viele betroffene Unternehmen Lösegeld und erleiden so einen direkten finanziellen Schaden. Drittens werden viele Unternehmen durch den Verkauf ihrer Daten auf dem Schwarzmarkt geschädigt bzw. nach der ersten Zahlung mit der angedrohten Veröffentlichung ihrer Daten zu einer weiteren Zahlung erpresst. Viertens haben Unternehmen auch bei Zahlung von Lösegeldern keine Garantie, wieder Zugriff auf ihre Daten zu erhalten. Im Gegenteil: Weniger als die Hälfte (41 Prozent) der betroffenen Unternehmen erhielt nach der ersten Lösegeldzahlung wieder Zugriff auf ihre Daten.
ITD: Wie sollten sich attackierte Unternehmen am besten verhalten?
Skaletski: Unternehmen sollten sich mit einer Kombination aus technischen Mitteln und Schulungen ihrer Mitarbeiter gegen Cyberkriminelle wappnen. Weil E-Mails das Einfallstor Nummer Eins für Cyberkriminelle sind, sollten Unternehmen eine leistungsfähige E-Mail-Security-Lösung nutzen. Wegen der Gefahr durch fahrlässige oder böswillige Mitarbeiter ist auch eine Information-Protection-Lösung unabdingbar. Wie unser Report zeigt, weisen Mitarbeiter deutscher Unternehmen große Lücken im Sicherheitsbewusstsein auf. Sie verstehen oft selbst grundlegende Cyberbedrohungen nicht richtig – mehr als ein Drittel der Umfrageteilnehmer kann Malware, Phishing und Ransomware nicht definieren. Ein Programm zur Förderung des Sicherheitsbewusstseins für die gesamte Belegschaft muss daher technische IT-Security-Maßnahmen ebenso ergänzen wie Phishing-Simulationen.
Bildquelle: Proofpoint