„Die Standardisierung wird sich ausgehend von der Infrastrukturebene weiter fortsetzen und maßgeblich zur Industrialisierung der IT beitragen“, ist sich Viktor Hagen, Evangelist Cloud Computing bei Cisco Deutschland, sicher.
IT-DIRECTOR: Herr Hagen, nach wie vor herrscht ein Mangel an einheitlichen Informationen im Bereich „Cloud Computing“. Wie definieren Sie diese Technologie?
V. Hagen: Wir folgen der Standarddefinition des Nist (National Institute of Standards and Technology). Diese umfasst sowohl die Vorteile als auch die grundlegenden Architekturanforderungen. Wir unterstützen sie durch unsere Cloud-Verse-Architektur, welche die Elemente Unified Data Center, Cloud Intelligent Network und Cloud Applications – verbunden mit Cloud Enabling Services – beinhaltet. Die sichere, skalierbare Umgebung basiert auf Virtualisierung, Standardisierung und Automatisierung eines umfassenden Ansatzes bis hin zum Self-Service-Portal oder Schnittstellen zu Billing-Systemen. Wir nutzen dabei offene Standards und bauen auf führende Partner sowohl in Hardware als auch Software.
IT-DIRECTOR: Wie groß ist das derzeitige Interesse von Großunternehmen und Konzernen an Cloud Computing?
V. Hagen: Bislang nutzen zwar nur wenige Großunternehmen und Konzerne Cloud Computing quer durch das Unternehmen und in allen Anwendungsbereichen. Aber: Immer mehr businesskritische Anwendungen werden inzwischen in die Cloud verlagert. Zudem ist vor allem sowohl aus Endkundensicht, primär in den Bereichen Bereich IaaS und SaaS, als auch seitens der Serviceprovider für neue Dienstleistungsangebote das Interesse bereits heute sehr groß.
IT-DIRECTOR: Welche Chancen bietet Cloud Computing den Unternehmen?
V. Hagen: Unternehmen erhalten zahlreiche Vorteile: höhere Agilität, Pay-as-you-use, Service als operative Kosten ohne Vorlauf durch Kapitalkosten, effiziente Ressourcennutzung, schnelles Time-to-Market, Sicherheit und Auditfähigkeit sowie eine bessere Konzentration auf ihr eigenes Kerngeschäft. Darüber hinaus können sie neue Geschäftsmodelle und darauf basierende Produkte anbieten. Der Mittelstand erhält zusätzlich Zugang zu Software, die er sonst nur schwer bezahlen könnte.
IT-DIRECTOR: Trotz der zahlreichen Möglichkeiten, die die Cloud mit sich bringt, zeigen viele Anwender noch Skepsis gegenüber der Wolke. Welche Rolle spielt hier das Thema Standardisierung?
V. Hagen: Standardisierung spielt eine sehr große Rolle. Kunden arbeiten heute zwar mit einem x86-Plattform-Standard, aber sehr oft ohne IT-Standard. Virtualisierung ermöglicht den ersten Einstieg, aber ohne Standardisierung ist keine Automation möglich und ohne Automation keine Flexibilität. Allerdings erwarten Anwender gleichzeitig auch eine Individualisierung „ihrer“ Cloud-Lösung. Anbieter, die hohen Kundennutzen mit hohem Standardisierungsgrad verbinden, werden in der Cloud langfristig erfolgreich sein.
IT-DIRECTOR: Welche Standardisierungen im Bereich Cloud Computing sind Ihnen bereits geläufig?
V. Hagen: Es gibt z.B. Standards für Architekturen, SLAs, Services, Rate Cards (Preise) und Schnittstellen. Wir beobachten viele Entwicklungen und beteiligen uns selektiv, z.B. bei der Distributed Management Task Force (DMTF), dem TM Forum, der Cloud Security Alliance (CSA) oder der Storage Network Industry Association (Snia).
IT-DIRECTOR: Mit der wachsenden Zahl von Cloud-Computing-Angeboten wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Anwender gleichzeitig Services von unterschiedlichen Anbietern beziehen. Idealerweise steht für das „Andocken“ der eigenen IT an die verschiedenen Cloud-Angebote ein überschaubares Set von Standardschnittstellen zur Verfügung. Inwiefern werden Sie als Anbieter ersten Standardisierungsansätzen gerecht?
V. Hagen: Unsere Architektur basiert auf Partnerschaften, damit sind wir von vorneherein offen aufgestellt. In der Hardware-Architektur folgen wir dem x86-Standard, auf Virtualisierungsebene unterstützen wir führende Anbieter wie VMware, Microsoft oder Citrix/Xen, im Bereich VDI-Lösungen etwa Citrix und VMware, bei Speicherlösungen EMC oder Netapp und so weiter. So besitzen auch die von uns gemeinsam mit VMware und EMC angebotene Standardarchitektur Vblock sowie die Cisco/VMware/Netapp-Lösung Flexpod definierte Schnittstellen.
IT-DIRECTOR: In welchen Bereichen des Cloud Computing erachten Sie generell eine Standardisierung am sinnvollsten und warum?
V. Hagen: Aus Anwendungssicht sehen wir hier vor allem eine umfassende Sicherheit und Auditfähigkeit sowie eine content-orientierte Architektur. Im Hardware-Aufbau sollte eine Gesamtbetrachtung von Server, Speicher und Netzwerk standardisiert werden, um die geforderten Leistungskriterien zu erfüllen. Im Bereich Automation ist es das Zusammenspiel von Hardwarekomponenten und deren Managementsysteme für eine Gesamtprovisionierung und Regelung aus Anwendungssicht. Damit lassen sich die Systeme bedarfsgerecht einrichten, erweitern, verkleinern oder abrechnen.
IT-DIRECTOR: Welche Art von „Ausstiegsszenarien“ bieten Sie Ihren Kunden? Gibt es hier schon eine einheitliche Regelung?
V. Hagen: Typische Ausstiegsszenarien sind Plattformerweiterungen, -modernisierungen und -transformationen im Rahmen von Outsourcing-/Outtasking-Projekten. Bei der IaaS-Umgebung folgen wir hier einem Standard, der sich auf den Einsatz z.B. von virtuellen Maschinen bezieht. Flexibilität ist dabei auf Anwendungsebene gegeben. Die Möglichkeiten des Data Offloads regelt das Vertragsverhältnis mit dem Cloud-Service-Provider. Aus technischer Sicht erlaubt unsere Architektur dafür mehrere Varianten.
IT-DIRECTOR: Wie eng arbeiten Sie mit Norminierungsgremien wie der DMTF oder Verbänden wie Eurocloud zusammen?
V. Hagen: Cisco sitzt im Board des DMTF und beteiligt sich in den verschiedensten Arbeitsgruppen, sei es Cloud, Management, Virtualisierung, SSO oder Resource Management, um nur einige zu nennen. Die Zusammenarbeit mit Normierungsgremien beschränkt sich aber im Moment auf den Heimatmarkt USA, über den die Entwicklung unserer Cloud-Lösungen getrieben wird.
IT-DIRECTOR: Wie wird sich das Standardisierungsumfeld im Bereich „Cloud Computing“ Ihrer Meinung nach in den nächsten zwei bis drei Jahren entwickeln?
V. Hagen: Die Standardisierung wird sich ausgehend von der Infrastrukturebene weiter fortsetzen und maßgeblich zur Industrialisierung der IT beitragen.